DER WEG ZUM GIPFEL IST STEIL


 

 

 

 

 

Ehe als Bergwanderung in alpinem Gelände

 

 

Die Ehe gleicht einer Bergwanderung in alpinem Gelände. Ein Paar geht, gerade am Anfang seiner Beziehung, auf schönen Panoramawegen. Doch schon nach zwei Jahren, spätestens aber nach der Geburt des ersten Kindes, wird es steil – und das Paar ist erhöht absturzgefährdet. Da gibt es beispielsweise die steilen Felsen der Abwertungen. Die rutschigen Firnflanken der verächtlichen Vorwürfe werden spürbar, wenn sich ein Partner bei der Erziehung des Kindes allein gelassen fühlt. Kleine Lieblosigkeiten gleichen gefrorenen Altschneefeldern, auf denen das Ehepaar leicht abrutschen kann. Wer ständig abgewertet wird, geht mit der Zeit lieber eigene Wege. Im Durchschnitt trennt sich ein Paar nach verflixten zwei mal sieben Jahren. Während Ehepaare sich vor 50 Jahren noch ein Leben lang wie die Bergvagabunden die Treue hielten, gibt es in heutigen Ehen selbst nach der Silberhochzeit keine Sicherheiten mehr. 1970 ging gerade mal jede zehnte Eheseilschaft nach 25 Jahren auseinander, 2010 waren es fast dreimal so viele.

 

Steinig

Schwer zu bewältigen wird die gemeinsame Bergwanderung des Lebens zum einen durch Steinschlag, zum anderen durch Steinchen im Schuh. Der „Steinschlag“ kann mit den sogenannten kritischen Lebensereignissen verglichen werden. Darunter zählen schwere Erkrankungen, ein Arbeitsplatzverlust und der Tod eines Familienangehörigen. Für quälende „Steinchen im Schuh“ stehen die täglichen Widrigkeiten. Darunter fallen alltägliche Belastungen durch Kinder, Geldsorgen und eintönige, nicht gewürdigte Haushaltsarbeit. Neuere Forschungen zeigen: diese Mikro-Stressoren schaden auf Dauer der eigenen Gesundheit – und der Beziehung. Viele Paare trennen sich nicht wegen großer Ereignisse, sondern weil sie nicht gelernt haben, die Steinchen gemeinsam aus den Schuhen zu entfernen.

 

Wer sich im alpinen Stressgelände achtsam bewegt, kann die gemeinsame Bergtour des Lebens besser genießen. Auch kommen beide sicherer ans Ziel. Dabei zählt vor allem die Technik. So ist es ratsam an Steilstufen behutsam Schritt für Schritt zu setzen. Beide sollten genau schauen, wohin sie treten. Bergseitige Griffe auf Schulterhöhe helfen, die Balance zu halten. Und die alte Bergsteiger-Regel gilt: Bleib beim Sehen stehen! Pausen sind fast immer lohnend, um zu entspannen und sich zu stärken.

 

Der Weg zum Gipfel lohnt sich

Partnerschaftliche Stressbewältigung kann mit dem Akronym „GIPFEL“ beschrieben werden. Jeder Buchstabe steht dabei für einen Schritt auf dem Weg zum Ziel.

„G“ steht für gute Gedanken. Diese sind wichtig, damit man nicht den Stress schlimmer macht als er ist.^

 

„I“ steht für ins Gespräch kommen. Be- währt haben sich wöchentliche Gesprächstermine, die zuhause oder bei einem Spaziergang stattfinden.

 

„P“ steht für Partner unterstützen. Ist man selber schlecht gelaunt, wird der Umgangston schnell rauer. Dann wirft der eine dem anderen vor: „Stell‘ dich nicht so an. So schlimm ist es doch nicht.“ Hilfreicher ist stattdessen die Frage „Wie kann ich dich unterstützen?“

 

„F“ steht für Fortlaufend Werte in den Blick nehmen. Werte geben uns die Rich- tung vor. Die Besinnung auf gemeinsame Werte, wie der Glaube an Gott, wirkt wie eine solide Sicherung. Dabei ist darauf zu achten, dass zwischen individuellen Werten (zum Beispiel Selbstbestimmung) und so- zialen Werten (zum Beispiel Fürsorglichkeit) ein Gleichgewicht besteht.

 

„E“ steht für emotionale Balance halten. Das Verhältnis von liebevollen Gesten gegenüber Lieblosigkeiten sollte 5:1 betragen, wie der renommierte Psychologe John Gottman betont. Ein Paar kann also in der Ehe gegenseitig des Guten nie zu viel tun.

 

„L“ steht für liebevolle Güte einüben. Es ist tatsächlich möglich, eine liebevolle, gütige Haltung zu trainieren.

 

Der Schweizer Psychologe Guy Bodenmann betont die Notwendigkeit, dauerhaft in die Ehe-Partnerschaft zu investieren: „Genauso wie der Vorrat im Rucksack auf der Bergtour schnell aufgezehrt ist, hält auch die Liebe nicht ewig vor, wenn man sie nicht pflegt und nährt.“