KASTANIENZEIT


 

 

 

 

 

Die Pubertät ist eine herausfordernde Zeit – für die Kinder und für ihre Eltern.

 

 

Wenn ich an meine Kindergartenzeit denke, dann fällt mir der große Kastanienbaum auf dem Hof unseres Kindergartens ein. Wie gerne habe ich sie gesammelt! Wenn zwischen dem Laub die braun glänzende Frucht sichtbar wurde – das übte auf mich eine magische Anziehungskraft aus. Zu Hause bastelte unsere Mutter mit uns daraus Ketten, Männchen, Tiere. So manche Streichholzschachtel wurde leer, um mit den Streichhölzern die einzelnen Kastanien zu verbinden. Schade war nur, dass in den warmen und trockenen Zimmern die Kastanien schnell ihren Glanz verloren und einschrumpelten.

 

Wenn ein Sturm die Kastanien von den Ästen heruntergeschlagen hatte, noch bevor sie reif waren, dann waren die stacheligen Hüllen verschlossen und nur mit dem Taschenmesser zu öffnen. Aber der Inhalt war enttäuschend. Zwischen den Schalen und Häuten war nur etwas Weißes, das nichts Attraktives an sich hatte.

 

Utopie und Wirklichkeit

Pubertät ist – bildlich gesprochen – Kastanienzeit. Die wunderschönen Blüten in Kerzenform sind verblüht, das strahlende Braun der Frucht durch die aufgeplatzte Schale ist noch nicht zu sehen. Was man sieht oder auch unangenehm spüren kann, das ist die grüne Frucht mit ihren Stacheln. Verschlossen, abweisend, empfindlich beim kritisiert werden, aber selber rücksichtlos beim Kritisieren – es ist anstrengend. Wer als Vater oder Mutter in dieser Phase Gerechtigkeit oder Objektivität erwartet, muss zwangsläufig enttäuscht sein. Denn es kommt noch folgendes Muster erschwerend dazu: Kinder kritisieren ihre Eltern oder überhaupt den Stil in ihrer Familie aus der Position heraus: Wenn ich mal erwachsen bin, dann mache ich das so und so! Das heißt sie vergleichen nicht zwei Wirklichkeiten, sondern die eine Wirklichkeit mit ihren Utopien. Eltern können im Normalfall erst dann mit Gerechtigkeit und Dankbarkeit rechnen, wenn die erwachsenen Kinder selbst Eltern sind und erleben müssen, wie schwer es ist, den eigenen Idealen zu entsprechen. Von daher gehört es zum Schicksal der Eltern, dass sie als Feindbild herhalten müssen. Die Heranwachsenden können noch nicht klar formulieren, wofür sie sind, aber wogegen sie sind, das können sie sehr genau benennen und heftig bekämpfen.

 

 

Klarheit und Geduld

Manche Eltern haben im verspotteten und verratenen Jesus Trost gefunden und betrachten diese Zeit als existentiellen Nachvollzug der Leidensgeschichte Jesu. So gehen sie mit IHM einen Teil des Kreuzweges. Andererseits wäre es fatal, würde man allen Erpressungsversuchen der Kinder nachgeben: „Das darf doch nicht passieren, dass mein Kind an meiner Liebe zu ihm zweifelt!“ Mir fällt da eine Großmutter ein, die in Wien vor Gericht stand, weil sie ihrem Enkel aus Mitleid Drogen gekauft hatte. „Er hat mich doch so darum gebettelt. Und da konnte ich nicht Nein sagen!“ – Das war ihre Erklärung. Es braucht eine Portion Selbstsicherheit, dass man den Kindern auch unpopuläre Entscheidungen zumutet und Verzichte und Verbote auferlegt, die sie vielleicht nicht nachvollziehen können – oder vielleicht nur im Geheimen bejahen, aber nach außen lautstark protestieren. Man kann um Verständnis werben und die Argumente auf den Tisch legen, aber das bedeutet noch lange nicht, dass diese für das Kind nachvollziehbar sind.

 

Wenn Vater und Mutter es bis dahin nicht gelernt haben, dann ist die Zeit der Pubertät der eigenen Kinder eine anstrengende Zeit und Gelegenheit, um Geduld zu lernen. Sie wird seit Paulus’ Zeiten zu den Tugenden gezählt, um die sich ein Christ bemühen sollte. Wenn man solche Situationen für sich als Trainingsgelegenheit definiert, dann kann man mit ein bisschen Selbstironie das Stoßgebet zum Himmel schicken: Lieber Gott, ich danke Dir, dass Du mir in meinen Kindern eine Gelegenheit bietest, geduldiger zu werden!“