UNSERE TOCHTER IST ANDERS


 

 

 

 

 

Manchmal fühlen sich Menschen im falschen Körper. Die Gründe dafür sind ist unklar. Wenn eine Familie damit konfrontiert wird, ist das eine wirkliche Herausforderung. Eine Leidensgeschichte, die die Beziehung  zur Tochter über die eigenen Moralvorstellungen stellt.

 

 

In den letzten Jahren mussten wir große Qualen erleben. Eine unserer vier Töchter möchte nicht mehr länger als Frau leben, sondern bereitet sich auf eine Geschlechtsumwandlung vor. Sie war schon immer ein burschikoses Mädchen, das lieber kurze Haare und Hosen anhatte. Schon als kleines Kind sagte sie immer wieder, dass sie viel lieber ein Junge wäre. Wir betrachteten das als typische Entwicklungsphase. Denn ansonsten hatten wir mit ihr keinerlei Probleme. Sie war gut in der Schule, aktiv in der Jugendarbeit. In der Schule war sie viele Jahre Klassensprecherin und hatte immer gute und sehr angenehme Freunde.

 

Plötzlich war alles anders

Mit 15 Jahren fing es an, dass sie sich von allem immer mehr zurückzog. Die Leistungen in der Schule wurden rapide schlechter, sie sprach kaum mehr mit uns. Wir begannen uns Sorgen zu machen. Dann kamen Kontakte dazu, die uns nicht gefielen. Streit stand in unserer Familie auf der Tagesordnung, denn sie hielt sich nicht mehr an die vereinbarten Regeln. Manchmal blieb sie sogar über Nacht weg. Wir hatten inzwischen große Angst um unsere Tochter, Angst, sie auch ganz zu verlieren. Auch zu den Schwestern suchte sie keine Nähe mehr. In den wenigen Gesprächen machte sie uns deutlich, dass sie, sobald sie 18 Jahre sei, eine Geschlechtsumwandlung beginnen wolle. Es war entsetzlich. Wir schämten uns vor unseren Freunden, unserer großen Familie. Überall wuchsen junge hübsche Mädchen heran, nur unsere Zweitgeborene ist so ganz anders.

 

Ganz alleine

Zwischenzeitlich hatte sie auch das Gymnasium abgebrochen, aber ihre schulische und berufliche Ausbildung war irgendwie zweitrangig. Wir spürten, wenn es uns nicht gelingt, sie anzunehmen, wie sie ist, dann verlieren wir sie ganz. Sie ist sehr willensstark. Doch wie sollte das gelingen, angesichts eines Weges, den wir ablehnen? Glauben wir doch, dass Gott uns als Mann und Frau erschaffen hat, und dass das gut so ist. Doch auf der anderen Seite steht unser Kind. Und unter all der rauen Schale und dem herben Äußeren spüren wir ihre zarte und auch einsame Seele. Sie ist ja ganz alleine auf diesem Weg. Dürfen wir als Eltern sie da alleine lassen? Nein, das dürfen wir nicht!

 

Hilfe im Leiden

Wir haben ihr vermittelt, dass wir mit ihrem Weg große Schwierigkeiten haben, dass wir sie aber nicht alleine lassen wollen. Und wo sie unsere Unterstützung möchte, da werden wir sie ihr versuchen zu geben.

 

Uns selbst haben wir auch Hilfe geholt in einer Selbsthilfegruppe von betroffenen Eltern. Wir waren ganz erstaunt, dass es dies in unserer mittelgroßen Stadt gibt. Und noch mehr waren wir erstaunt, dort lauter „normale“ Menschen zu treffen, die ähnlich litten wie wir. Das hat uns sehr gestärkt. Hier konnten wir mit all unseren Fragen hinkommen, wir brauchten uns nicht länger verstecken.

 

Beziehung

Mit unserer Tochter haben wir inzwischen auch die ersten Arzt- und Psychologentermine hinter uns gebracht. Meiner Frau fällt das Ganze noch etwas leichter als mir. Aber wir schaffen uns da rein. Ich bin Gott sehr dankbar, dass wir wieder einen Draht zu unserer Tochter gefunden haben, und unsere Beziehung vertieft sich in dem Maße, wie wir sie annehmen, wie sie ist. Bald werde ich einen anderen Namen für sie, für ihn, aussprechen müssen. Wir wissen ihn schon. Das wird die nächste Stufe werden.

 

Gott hält uns Menschen beweglich. Daran denke und dachte ich oft in den vergangenen Jahren. Ich hatte mit Vielem gerechnet, damit nicht. Heute bin ich so dankbar, dass wir uns für die Beziehung zu unserer Tochter entschieden haben.