SEHNSUCHT – WENN DIE SEELE AUF DIE SUCHE GEHT


 

„Wonach sehnst Du Dich?“, fragten wir uns neulich, als wir wieder einmal nach einem langen Arbeitstag müde auf das Sofa sanken. Statt dem üblichen „mehr Freizeit, eine endlich funktionierende EDV-Anlage am Arbeitsplatz oder Kinder, die besser hören“ fiel uns diese Frage an jenem Abend tiefer ins Herz. Wonach sehne ich mich wirklich? Bis tief in die Nacht hinein hatten wir eines unserer intensivsten Ehegespräche.

 

Wir stellten uns Fragen wie: Was lebt in dir? Seit wann sehnst Du dich? Und was treibt Deine Seele an? Schnell waren wir an den Anfängen unserer Beziehung, diesem unwiderstehlichen Verlangen, in der Nähe des Anderen zu sein und dem großen Gefühl der Verliebtheit. Die Sehnsucht nach dem Gegenüber hat alles bestimmt. Und irgendwann hat dann einer von uns seinen ganzen Mut zusammengenommen und ist einfach „gesprungen“, hat es trotz aller Risiken gewagt, als Erster den entscheidenden Schritt zu tun und seine Gefühle zu offenbaren. Unsere Liebe ist für uns wohl die stärkste Triebkraft im Leben geworden. Wie gut, dass wir damals nicht bei dem Gefühl des gegenseitigen Sehnens stehengeblieben sind, sondern uns trotz mancher Hürden und Hindernisse auf die Suche nach dem Anderen aufgemacht haben, und uns auch jetzt immer wieder neu suchen.

 

Auf der Suche

Manchmal nehmen wir immer wieder die gleichen Gefühle, welche eine Sehnsucht in uns auslöst, wahr. Wenn diese dann tief in unserem Herzen auf fruchtbaren Boden fallen, sind sie mehr als nur eine einfache Schwärmerei. Sie bringen etwas in uns in Bewegung, setzen enorme Triebkräfte frei und schicken uns auf die Suche nach dem uns eigenen grundgelegten Kern. Die Sehnsucht ist dann wie ein Antrieb, der uns über uns selbst hinauswachsen lässt.

Liebe, Harmonie, Friede, Ruhe, Wahrheit oder Echtheit – was unsere Seele tief befriedigt, ist in uns gelegt und kann sehr unterschiedlich sein.

 

Der Wolf im Schafspelz

Wenn wir die Sehnsucht jedoch nur auf das Gefühl reduzieren, treten wir auf der Stelle. Dann lassen wir uns auf der Welle dieser sehnenden Emotion treiben, welche uns am Ende passiv und antriebslos zurück lässt. Wir sind gelähmt, anstatt die Dinge in Angriff zu nehmen und erkennen so nicht unsere wahrhaftige Berufung. Wenn unser Sehnen hingegen nicht aus tiefstem Herzen kommt, sondern ein Gefühl ist, das unser Ego und unsere Triebhaftigkeit anspricht, birgt die Sehnsucht ein nicht zu unterschätzendes Suchtpotential. Der Grat zwischen Sehnen und Suchen einerseits und Sucht andererseits scheint manchmal schmal. Die Sehnsucht kommt dann daher wie der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz.

 

Sucht lähmt

Eine Freundin erzählte uns kürzlich etwas, das uns sehr bewegt hat. Als Mutter von zwei kleinen Kindern hatte sie sich entschieden, eine längere Zeit zu Hause bei der Familie zu bleiben und ihren Beruf nicht auszuüben. Ständig musste sie sich bei ihren Bekannten verteidigen und erklären, warum sie nach einem langen, interessanten Studium und einer erfolgversprechenden Kariere nun offenbar auf Stand-by-Modus wechseln und diesen Lebensabschnitt so scheinbar langweilig und aufopfernd gestalten wollte. Das zerrte sehr an ihr und zermürbte sie zusehends. Sie suchte nach Gleichgesinnten, die sie unterstützen könn-ten, denn dieses Leben zu Hause war wirklich das, was sie für sich als ihre Berufung erkannt hatte. Im Internet traf sie schließlich auf verschiedenen Blogs andere Frauen, denen es ähnlich ging wie ihr. Sie verbrachte nun viele Stunden damit, zu lesen, wie andere Mütter ihren Familienalltag

daheim gestalten, zuhause versuchen, den Glauben zu leben und die Kinder zu fördern. Diese Frauen schienen zufrieden mit ihrer Entscheidung und hatten im Internet ein großes Netzwerk aufgebaut. Unsere Freundin verfolgte nun regelmäßig immer mehr dieser Blogs – doch anstatt sich gefestigter zu fühlen, wurde sie immer unzufriedener. Schließlich sah sie, dass sie aus ihrer Sehnsucht nach einer Hilfestellung für ihre Situation heraus ein süchtiges Verhalten entwickelt hatte. Während sie jede freie Minute im Internet verbrachte und las, was und wie andere scheinbar mühelos den Alltag bewältigten, änderte sich bei ihr eher alles zum Negativen. Der Haushalt blieb liegen, die Arbeit häufte sich immer mehr an. Den Kindern gegenüber wurde sie immer gereizter und auch die Ehe war nicht mehr so harmonisch wie früher.

Als sie dies erkannt hatte, machte sie sich wieder auf die Suche nach dem, was sie als ihre eigene Berufung erkannt hatte. Sie nahm sich vor, ihre Kinder aufmerksam zu beobachten, Wege zu sehen, wie sie sie im Alltag lieben konnte. So betete sie zum Beispiel beim Bügeln der Wäsche für das jeweilige Familienmitglied oder „bügelte“ gute Wünsche mit in das Wäschestück hinein. Endlich hatte sie es geschafft, ihr Suchen aktiv zu gestalten und sie wurde zufriedener. Es schien mit der Zeit nicht mehr wichtig, was die anderen sagten, denn sie folgte der Sehnsucht, die in ihrem Herzen lebte.

 

Von der Unterscheidung der Geister

Ein regelmäßiges Nachspüren unserer Wünsche und Sehnsüchte in Hinblick auf die in uns hineingelegte Grundsehnsucht kann bei der „Unterscheidung der Geister“ helfen. Die zentrale Frage ist: Welche Auswirkungen haben unsere Sehnsüchte? In der Bibel Mt 7,15 steht: „An Ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Auch das ehrliche Gespräch mit unserem Ehepartner oder einem guten Freund kann uns weiter bringen, wenn es darum geht, zwischen einem schwärmerischen Sehnen, der Sucht und dem wahren Suchen nach der Berufung zu unterscheiden.

Wir haben erfahren, dass unsere eigentliche Sehnsucht letztlich nur durch Gott gestillt werden kann, denn ER hat sie in uns hineingelegt. Kein neues Auto, keine noch so großartige Arbeitssituation oder zwischenmenschliche Beziehung kann uns auf Dauer zufrieden stellen. Die von Gott geschaffene Seele verlangt danach, ihn zu suchen und in ihm zu sein. Trotz aller Opfer, Schwierigkeiten und Kämpfe auf dieser Suche entsteht und begleitet uns auf diesem Weg tiefes Glück und Zufriedenheit. Der Heilige Franziskus brachte es auf den Punkt, als er betete:

 

„Höchster glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich Deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle.“

 

    

 Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4