COCA COLA ALS BOTE DER BEGEGNUNG


 

Ein Online-Werbespot zeigt die Ambivalenz der neuen Medien und regt an zum Nachdenken über den Umgang untereinander und mit neuen Medien.

 

Coca Cola hat einen Werbespot ins Netz gestellt: Der kommentierende Text preist die Vorzüge der neuen Medien. Die Bilder sprechen aber eine andere Sprache. Sie zeigen Menschen, die real zusammen sind, sich jedoch durch Smartphones oder Tablets isolieren. Dann beginnt die pathetische Musik von Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“. Dieselben Szenen wie im ersten Teil werden angespielt, aber jeder Mensch hat eine trichterförmige Halskrause, wie man sie auch Hunden umbindet, damit sie sich nicht Verbände abbeißen oder Wunden lecken. Diese Halskrause zwingt die Menschen dazu, aufzuschauen und sich dem Gegenüber wieder direkt zuzuwenden. Freudiges Erstaunen verzaubert die Gesichter. Reale Begegnungen werden möglich. „Social media guard“ nennt Coca Cola diese in rot-weiß gehaltenen Halskrausen. Es wäre kein Werbefilm, wenn nicht der gemeinsame Genuss von Coca Cola die Begegnungen der Menschen verschönern würde. Der Werbespot ist abrufbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=_u3BRY2RF5I

Wenn ich früher für ein Wochenende in ein Seminarhotel kam, musste ich ein Anmeldeformular ausfüllen und bekam den Schlüssel. Heute frage ich zusätzlich: „Und die Zugangsmöglichkeiten zu WLAN (oder im Ausland WIFI)?“ Ein Professor in Wien klagte schon vor Jahren: „Entweder bezahlt mir die Uni eine Halbtagskraft, die meine E-Mails beantwortet, oder ich lasse meine E-Mail-Adresse bei den online-Kontaktdaten wieder löschen.“ Das „oder“ ginge heute überhaupt nicht mehr. Konnte der Philosoph René Descartes noch grübeln, ich denke, also bin ich, so heißt es heute: Ich habe in verschiedenen sozialen Netzwerken ein Profil angelegt, also bin ich. Natürlich bleibt die Selbstironie nicht aus. Neulich las ich auf einem T-Shirt: „Andere haben ein facebook-profil. Ich lebe.“

 

Schnell und einfach!

Ein großer Vorteil der neuen Medien ist ihre Schnelligkeit. Musste Ignatius von Loyola im Sechzehnten Jahrhundert noch drei Monate warten, bis ein neuer Brief von seinem Asienmissionar Franz Xaver nach Rom kam, so konnte ich 2012 die Nachricht vom Tod von Pater Beller in Windeseile verbreiten. Ein weiterer Vorteil ist die Einfachheit: Jeder, der Internetzugang hat, kann sich mitteilen. Aber da beginnt auch schon die Herausforderung: Was teile ich von mir mit? Denn: Wenn ich mit Nebensächlichkeiten vollgemüllt werde, dann kann ich das Wichtige übersehen. Auf der Titanic ging das wichtige Morse-Telegramm, in dem vor Eisbergen auf der geplanten Route gewarnt worden war, unter in der Flut der nebensächlichen Glückwunschtelegramme.

 

Segen oder Fluch?

Manche suchtartigen E-Mailer habe ich schon in meinen Spam-Filter gesetzt, weniger intensive E-Mailer klicke ich ungelesen weg. Es bleiben dann immer noch 30-50 E-Mails übrig, die ich täglich zumindest überfliegen muss. Wenn von meinen akuten „Sorgenkindern“ eine E-Mail kommt, dann beantworte ich die auch noch nach Mitternacht (zum Beispiel wenn es darum geht, einen Antisuizidvertrag entgegenzunehmen). Noch vor 15 Jahren war ich der Meinung, über so ein sachliches Medium wie E-Mails ließe sich keine Seelsorge durchführen. Inzwischen bin ich eines Besseren belehrt worden. Die Kombination von persönlichen Gesprächen, Telefonaten, Skype und E-Mails ermöglicht auch bei großen Entfernungen intensiven Austausch. Mehrere Monate coachte ich eine junge Frau, die anonym bleiben wollte. Dann offenbarte sie ihre Identität. Es dauerte noch mal ein halbes Jahr, bis wir uns erstmals persönlich getroffen haben.

Auch für die modernen Medien gilt das, was Pater Kentenich bei seinem Antritt als Spiritual den Jungen mit auf den Weg gab:

„In Zukunft dürfen wir uns nicht mehr beherrschen lassen von unserem Wissen, sondern wir müssen unser Wissen beherrschen. Es darf nicht mehr vorkommen, dass wir verschiedene fremde Sprachen entsprechend dem Klassenziele beherrschen, aber in der Kenntnis, im Verständnis der Sprache unseres Herzens die reinsten Stümper sind ...

Der Grad unseres Fortschrittes in den Wissenschaften muss der Grad unserer inneren Vertiefung, unseres seelischen Wachstums sein. Sonst entsteht auch in unserem Innern eine gewaltige Leere, eine gewaltige Kluft, die uns tief unglücklich macht. Darum Selbsterziehung! Danach verlangt unser idealer Gedankenflug und Herzensschwung, danach verlangt unsere Gesellschaft, danach verlangen vor allem unsere Mitmenschen …“

 

    

 Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4