GLÜCKSSPIEL, KLICKS UND GLOTZE GUCKEN


 

Verhaltenssüchte – das Minus der Mediengesellschaft

 

In Deutschland sind schätzungsweise zwei Millionen Personen abhängig von Smartphones, Notebooks, Internet. Etwa 600.000 jugendliche Internet-Junkies sind ohne Online-Zugang schwer zu ertragen. Wenn diese ihre Kumpels besuchen, wird zuerst der WLAN-Schlüssel verlangt. Ist man mit dem Web verbunden, kehrt sofort Erleichterung ein.

 

Blick ins Leben

Patrik S. (23) schaut N24-Nachrichten am Notebook. Er muss wissen, was draußen in der Welt vor sich geht. Ist ihm langweilig, klickt er schnell auf „Youtube“, wo er sich das neueste Musikvideo anschaut. Zwei Studiengänge hat er bereits abgebrochen. „Ich weiß immer noch nicht, was ich beruflich machen will“, lautet lapidar sein Kommentar. So schiebt er das Lernen immer wieder vor sich her.

 

Henrik K. (25) starrt auf seinen Computer-Monitor. Es ist weit nach Mitternacht. In einem bekannten Online-Rollenspiel hat er sich auf ein Level hochgearbeitet, bei dem er mehr Zeit investieren muss, um dabei zu bleiben. „Wenn Du mir hilfst, helfe ich dir!“ lautet das ungeschriebene Gesetz der Gamer. Das will er um jeden Preis. Seine Kumpels von der Feuerwehr trifft er schon lange nicht mehr. Aber im Internet ist er wer.

 

Wenn das Maß verloren geht

In vielen Familien gibt es Krach, wenn die Kids ihre Smartphones mit den nervenden „WhatsApp“-Chat-Tönen mit zum Abendessen bringen. Mancher Vater konfisziert schon einmal den Computer seines Sohnes, weil dieser mehr Stunden mit spannenden Online-Rollenspielen verbringt als mit langweiligen Hausaufgaben.

 

Eltern sind oft ratlos, wie sie das Verhalten ihrer Kinder einordnen sollen. Ist alles noch im grünen Bereich oder soll man sich professionelle Hilfe suchen?

 

Für den Psychologen Klaus Wölfling ist das Maß voll, wenn ein Mensch in die soziale Isolation abrutscht. Der Leiter der „Ambulanz für Spielsucht“ am Uni-Klinikum Mainz redet Klartext: „Wenn Kontakte abgesagt und familiäre Pläne ständig torpediert werden, um am Computer spielen zu können, ist Vorsicht geboten. Regelmäßiger direkter Kontakt mit Menschen gehört zum Leben – und diesen sozialen Umgang muss man lernen und üben“ („Süddeutsche.de“ vom 10.08.2015).

 

Wenn Tun zur Sucht wird

Im Prinzip, so der Hirnforscher Niels Birbaumer, kann sich bei allen Dingen, die wir mögen, ein gieriges Wollen bis zur Abhängigkeit entwickeln. Von einer Verhaltenssucht spricht man dann, wenn jemand ein unwiderstehliches Verlangen spürt, ein Verhalten immer wieder auszuüben. Im Laufe der Zeit bleibt die angenehme Wirkung aus, sodass der Betroffene noch mehr desselben tun muss: Er wird zunehmend länger, häufiger oder intensiver das trieb-hafte Tun ausüben. Auf dem Weg in die Abhängigkeit wird es dabei immer schwerer, die Kurve zurück ins gute Leben zu kriegen.

 

Was im Gehirn geschieht

Wir sind, was wir tun! So lautet ein Prinzip der Hirnforschung. Durch die ständige Suche nach dem Kick, wird unser Gehirn mit seinen neuronalen Netzwerken umgebaut. Die Veränderungen bewirken eine Zunahme der Gier nach dem Sucht-Objekt: Man möchte immer mehr vom magischen Lustmittel. Gleichzeitig findet man jedoch weniger Gefallen daran. Die anfangs erlebte Lust schmeckt immer schaler.

Wie der Teufelskreis enden kann, zeigten in den 1950er Jahren amerikanische Forscher im Tierversuch. James Olds und Peter Milner pflanzten Ratten Elektroden in das Lustzentrum des Gehirns ein. Sobald die Nager einen Hebel drückten, wurde jene grauen Zellen aktiviert, die Glücksgefühle hervorrufen. Die Tiere empfanden die Selbst-Stimulation als so angenehm, dass sie den Hebel immer wieder drückten. Mit ihren Pfoten klickten sie bis zur Erschöpfung: Einige Ratten starben sogar, weil sie lieber den Glückshebel drückten als Wasser oder Futter anzurühren.

 

Was wir tun können

Der angeborene Zug nach Zugehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Die Erfinder von „WhatsApp“ und „Facebook“ wissen dies geschickt zu nutzen – und verdienen damit Milliarden.

Um nicht in die Verhaltenssucht abzurutschen, können Eltern ein Dreifaches tun:

·         Vorbild sein sowie

·         gute Beziehungen und

·         Selbst-Erziehung fördern.

Nach Pater Josef Kentenich üben Eltern einen „tiefen und nachhaltigen Einfluss“ auf ihre Kinder aus. Sie tun dies seiner Überzeugung nach nicht durch die Ver-mittlung von Verboten, „sondern durch die Kraft, durch den inneren Reichtum ihrer Persönlichkeit“. Kinder brauchen keine Wegweiser, die nur die Richtung anzeigen. Sie wollen glaubwürdige Vorbilder, die augenfällig vorleben, was sie selber einfordern. Kinder nehmen anerkennend zur Kenntnis, wenn Eltern den Fernseher auch mal ausgeschaltet lassen und Freunde zum Essen einladen.

 

Miteinander

Wann immer möglich, sollten Eltern die Face-to-Face-Kommunikation ihrer Kinder fördern. Verstärkt sollte wieder eine „Kultur der Tischgemeinschaft“ gepflegt werden, bei der zusammen gegessen und geredet wird. Der Psychiater Manfred Spitzer verweist vor allem auf die Bedeutung des Abendessens für die Familie. Je mehr junge Leute das Internet nutzen, umso wichtiger seien gemeinsame Mahlzeiten für die seelische Gesundheit. Eltern sollten deshalb darauf achten, Handys und Tablets konsequent aus der Küche zu verbannen.

Die Selbst-Kontrolle der Kinder zu fördern, ist eine wichtige Aufgabe. Der bekannte Psychologe Walter Mischel beschäftigt sich in seinem aktuellen Bestseller „Der Marshmallow-Test“ ausführlich mit der Macht gelingender Vorsätze. Ein guter Vorsatz sollte als „Wenn-dann-Plan“ formuliert werden. Dabei wird die innere Verlockung benannt und ein konkretes Verhalten dagegen gesetzt: „Wenn ich den Drang verspüre, wahllos im Internet zu surfen, dann sage ich mir: Ich lade meinen Partner lieber zu einer Tasse Kaffee ein. Aber zuerst besorge ich den Mohnkuchen beim Bäcker.“

 

    

 Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4