FLÜCHTLINGE – AUF DER SUCHE NACH EINER NEUEN HEIMAT


 

Jedes Jahr in der Weihnachtszeit gehen wir mit Maria und Josef auf Herbergssuche. Ella H. hat sich dadurch bewegen lassen, innere und äußere Türen zu öffnen und bietet Sprachkurse an. Aus Fremden können Freunde werden.

 

In der Weihnachtszeit mit den Gedanken an Maria und Josef auf Herbergssuche und der anschließenden Flucht aus gefährlichem Gebiet fiel mein Blick auf die Lage der Flüchtlinge heute: So wie damals Maria und Josef viele verschlossene Türen vor­fanden und ihre Not groß war, geht es auch heute den Flüchtlingen, die vor Terror, Krieg, Verfolgung fliehen müssen und dar­auf angewiesen sind, dass sie in einem frem­den Land Unterstützung erfahren.

Im Gespräch mit einer Freundin äußerte ich diese Gedanken. Sie wiederum gab sie wei­ter an einen Freund, der in der Asylpolitik arbeitet, und kam wieder auf mich zu mit konkreten Telefonnummern, bei denen ich mich über mögliche Einsätze für Flüchtlinge erkundigen konnte. Als Sprachlehrerin, allerdings für Französisch, bot sich aus die­sem Kontakt ein Sprachkurs an, den ich mit einem emeritierten Professor abwechselnd vier Mal in der Woche am Vormittag in einem Wohnheim für Asylsuchende anbie­ten konnte.

 

Kontakt finden

Ohne große Vorkenntnisse und Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit starteten wir diesen Kurs. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich keinen Kontakt zu Menschen mit fremdlän­dischem Aussehen, die bei uns wohnen und

unsere Sprache nicht kennen. In größeren Städten oder im Urlaub sind sie als flie­gende Händler oft aufdringlich und wollen ihre Ware überteuert verkaufen. Das prägte auch mein Bild mit Vorurteilen und Skepsis ihnen gegenüber: Sie dealen mit Drogen, schlagen sich mit mehr oder weniger kri­minellen Handlunge durchs Leben. Zudem ist der Zugang zu vor allem dunkelhäuti­gen Menschen eher erschwert durch ihr so ganz anderes Aussehen. Nun bot sich durch diesen Sprachkurs ein direkter Kontakt mit ihnen an. In einem institutionalisier­ten Rahmen und in einem klar definier­ten Einsatz in einer organisierten Struktur wurde mir der menschliche Zugang erleich­tert. Die Flüchtlinge sind sehr motiviert und dankbar, dass sie die Möglichkeit haben, Deutsch zu lernen.

 

Gegenseitigkeit

Die Stadt Schwäbisch Gmünd kümmert sich sehr um die Flüchtlinge. Mehrere Ganztagsstellen wurden geschaffen, um die Integration dieser Menschen bewerk­stelligen zu können. Ein eigener Weg, der sogenannte „Gmünder Weg“ erleichtert die Zusammenarbeit: die Stadt heißt die Flüchtlinge willkommen, der Oberbürgermeister begrüßt sie persönlich und sorgt dafür, dass sie Sprachunterricht bekommen. Er möchte aber auch, dass die Flüchtlinge

sich einsetzen und ihren guten Willen zei­gen nach dem Motto: „Wir helfen Ihnen und Sie helfen uns“. Es gibt immer wie­der ehrenamtliche Arbeit in der Stadt, zu der sich die Asylsuchenden melden kön­nen. Wer oft dabei ist, wird in der Vergabe von Wohnung, Ausbildungsplatz, Arbeit … bevorzugt behandelt. Außerdem ergibt sich über die ehrenamtliche Arbeit (Bepflanzung von städtischen Gärten, Aufräum-und Sauberkeitsaktionen im Stadtbereich, Mit-arbeit bei kulturellen Ereignissen als Ticketkontrolleure, Aufbau-und Abbauarbeiten bei Konzerten …) Kontakt mit der Bevölkerung. So werden auf beiden Seiten Berührungsängste abgebaut und so manche Arbeits-oder Ausbildungsplatzvermittlung ging schon über diese Schiene.

Mein Part ist bei diesem Weg der Sprachunterricht. Es ist immer wieder lustig, mit Gesten, Lauten, Händen und Füßen Wörter und Zusammenhänge zu erklären. Wir lachen viel und arbeiten mit viel Motivation von beiden Seiten. Es ist ein entspanntes Klima und ein immer besserer persönli­cher Kontakt entstanden. Einer kommt nach dem Unterricht zu mir und zeigt mir ein Schreiben von der Behörde, das er nicht versteht, ein anderer versteht nicht, wie viel Geld er bekommt und was er davon bezah­len muss. Wieder ein anderer wohnt in einer Wohnung und ist mit der Müllsortierung überfordert. Vieles können wir klären und die Flüchtlinge sind dankbar, dass sie jeman­den haben, der sie in ihren Anliegen zu ver­stehen versucht. „You are the only one who can help me“, sagte ein Afrikaner.

 

Herausforderungen

Es gibt aber auch herausfordernde Erlebnisse. Die Flüchtlinge sind in der Regel in Sammelunterkünften untergebracht. Dort wohnen sie mit mehreren Personen in einem Zimmer. Manchmal ist die Verständigung nicht möglich, weil sie keine gemeinsame Sprache sprechen. Wenn dann noch unterschiedliche Lebensweisen und Altersstrukturen zusammentreffen, gibt es Konflikte: Die einen telefonieren nachts, fangen an zu essen, schauen Filme, wenn die anderen schlafen wollen. Auch solche Erlebnisse werden an mich herangetragen, weil ich vor Ort bin. Auch Diebstahl und Zerstörung kommen unter den Flücht-lingen vor. Oft wirken ja sehr versteckte Mechanismen und tiefsitzende Fluchterfahrungen, die gar nicht bewusst zugäng­lich sind. Einer hat mir seine Narben von Handschellen, Misshandlungen und Folter gezeigt. Ein anderer hat immer noch eine offene Wunde am Bein, die von der Bombe zeugt, die auf ihn in seinem Auto geworfen wurde. Jeder bringt seine Geschichte und die Dramatik seiner Flucht mit.

 

Heimat finden

Neulich haben mein Mann und ich einen meiner Kursteilnehmer zufällig beim Einkaufen getroffen. Es gab eine herzliche Begrüßung und eine intensive Umarmung vor allem von Mann zu Mann. Auch körperlich ein Angenommen-Sein erleben und spürbare Nähe erfah­ren zu können, tut gut. Es sind nicht die Dinge, sondern die Menschen, die das Gefühl von Heimat geben.

    

 

 Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4