SEHNSUCHT NACH GOTTES NÄHE


 

Eigentlich wollten sie einen Gebetskreis gründen – doch stattdessen sandte Gott 59 Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak in ihre Kirchengemeinde. Ein Paar berichtet.

 

 

Nach einem Gespräch in unserer Gemeinde über die Schwierigkeiten, mit Schwachen und Bedürftigen umzugehen, entstand letz­ten Sommer die Idee, einen Gebetskreis zu gründen. Mit unserem Diakon und seiner Frau diskutierten meine Lebenspartnerin und ich über diese Idee, wobei der Diakon mich nach unserer Motivation fragte. Ich antworte ihm mit einem Kloß im Hals und mit Tränen in den Augen: „Unser Dorf braucht den Beistand Gottes, wir beten jeden Tag darum. Aber gemeinsam wirkt das Gebet vielleicht mehr, als wenn nur einer alleine betet. Ich fühle mich oft noch nicht stark genug, ein Werkzeug des Friedens zu sein.“ Der Diakon erzählte nun von seinen persön­lichen Erfahrungen mit Gebetskreisen aus seiner eigenen Jugendzeit, und einige Details bereiteten uns etwas Unbehagen. Wir fühlten uns nicht reif, solch ein Projekt zu leiten. An diesem Abend baten wir Gott, uns den rich­tigen Weg zu zeigen. Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass Gott da bereits schon alles in die Wege geleitet hatte …

 

Spontane Hilfe

Bei einem Familientreffen erzählten wir un-seren Angehörigen, dass wir für Flüchtlinge aus der Fuldaer Zeltstadt Kleider gesammelt hatten und baten jeden nochmal nachzuse­hen, ob er auch etwas zu verschenken hatte. Einer unserer Neffen berichtete, dass auch in unserer Gemeinde Flüchtlinge zeitnah untergebracht werden sollten. Ich erkun­digte mich beim Gemeindeamt und erfuhr, dass tatsächlich bereits am Vortag eine Familie mit drei Kindern angekommen sei, und dass die Ankunft einer zweiten Familie, ebenfalls mit drei Kindern, erwartet wurde. Unsere Familie wollte sofort aufbrechen, um die Flüchtlinge willkommen zu heißen. Eine Familie war bereits da, und die andere traf grade ein. Wir begrüßten sie herzlich und bemerkten die Angst, die ihnen im Gesicht geschrieben stand.

 

Wir entschieden uns spontan, den Familien bei allem uns Möglichen zu helfen, und begannen umgehend mit der Organisation der notwendigen Dinge. Wir informierten auch den Diakon, unseren Pfarrer und via Facebook die sieben Gemeinden unserer Pfarrei, dass wir zwei Familien aus Syrien bei uns haben. Wir baten um Kleider, Möbel, Fahrräder und Geschirr für die Familien. Die Hilfsbereitschaft unserer Pfarrei war sehr groß. Nach einem Spendenaufruf des Pfarrers in der Kirche erhielten wir in der Woche darauf so viele Geschenke, dass gar nicht alles Verwendung finden konnte. Trotzdem spürten wir auch, dass es bei einigen Menschen Unsicherheiten gegenüber den Flüchtlingen gab. Aber die Hilfsbereitschaft überwog. Nach zwei Wochen hatten wir alle wichtigen Behördengänge erledigt. Die Kinder der syrischen Familien waren in der Schule, die Kranken beim Arzt und die Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hatten wir auch hinter uns gebracht.

 

Sehnsucht nach Frieden

Nun begannen wir, uns wieder auf unse­ren Alltag zu konzentrieren und jeder ging seiner Arbeit nach – aber wir hatten die Rechnung ohne Gott gemacht. Während eines Seminars bekamen wir die Nachricht, dass weitere 49 Flüchtlinge bei uns im Ort eintreffen sollten. Unser Dorfgemeinschaftshaus wurde als Notunterkunft umfunktio­niert. Die nächsten acht Tage gab es ein auf und ab der Emotionen. Die Menschen, die bei uns ankamen, waren müde und sehr verängstigt. Sie sehnten sich nach nichts anderem als Frieden.

 

Wir Helfer waren an der einen oder anderen Stelle immer wieder überfordert von den Schilderungen der Verfolgung, Verstümmelung und Folter. Während dieser acht Tage haben einige der Asylsuchenden schlimme Nachrichten von Zuhause erhalten. Eltern-häuser wurden zerbombt. Familienangehörige sind auf der Flucht verloren gegangen, und so mancher Ehemann telefonierte unter Tränen mit seiner Ehefrau oder/und mit seinen Kindern. Wir fingen an uns unwohl zu fühlen, weil wir begriffen, in welchem Wohlstand wir leben. So erzählten einige Helfer, dass sie bei den Gedanken an die Erlebnisse der Flüchtlinge in ihrer Heimat und auf der Flucht keine Genussmittel wie Schokolade oder guten Wein mehr genießen können. Die Dankbarkeit der Menschen aus Syrien und Irak berührte unsere Herzen tief und nachhaltig. Wir sind Gott sehr dankbar für diese Erfahrungen. Die Menschen, die acht Tage bei uns zu Gast waren, wurden von einem auf den nächsten Tag in ein Flüchtlingsheim gebracht. Dies war schlimm für uns, denn wir konnten uns nicht verab­schieden. Es fühlte sich an, als hätte man uns unsere Freunde genommen.

 

Unterwegs mit Gott

Bis zum heutigen Tag konnten wir 17 Menschen aus Syrien und dem Irak ein neues zu Hause geben, und wir arbeiten weiter daran, Unterkünfte für die restlichen Syrer zu finden. Drei ehrenamtliche Lehrerinnen

geben mehrere Stunden die Woche Deutschunterricht. Am Tag der Deutschen Einheit hat der Männergesangverein alle Neubürger eingeladen, um mit ihnen diesen Tag zu fei­ern. So sangen und beteten wir alle gemein­sam am Grenzkreuz.

 

Wir haben durch diese Erfahrungen gespürt, dass die Sehnsucht nach Gott auf unter­schiedliche Weise gestillt werden kann. Wir müssen ihm vertrauen, er zeigt uns den Weg.

 

Aus unserem anfänglichen Anliegen, einen Gebetskreis zu gründen, wurde ganz schnell praktische Nächstenliebe. Wir haben erfah­ren, dass sich hier Gottes Nähe offenbart hat und sind ihm dafür sehr dankbar!

    

 

  Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4