VOLLGAS – UND DANN?


 

Nach Jahren im Hamsterrad schafft ein junger Familienvater den Absprung und zieht eine Zwischenbilanz.

 

 

Ich wollte Vollgas geben, denn ich war froh über diese Stelle – es gab nicht viele davon auf dem Arbeitsmarkt. Der vereinbarte monatliche Samstagsdienst hielt nicht lange, der Betrieb wollte nun 14-tägig. Die Einarbeitung in mir bisher weitgehend ungekannte Felder – Kunden kennenlernen, Probleme mit dem Dialekt und feh-lenden Ortskenntnissen – alles neue Herausforderungen. Nicht zuletzt Kollegen, die Pfründe sicherten. Um die Stelle anzu­treten hatte ich zuvor den Wohnort gewech­selt, bald darauf geheiratet. Alles innerhalb von drei Monaten. “Das ist es mir wert“, dachte ich, „denn die Firma ist alt eingeses­sen. Aus meiner Sicht ein Arbeitgeber auf Lebenszeit. Hier lasse ich mich nieder!“ 

 

Alle Möglichkeiten offen

Und dann erweist sich die Firma als Flopp. Nach sieben Monaten bietet sich eine Alternative. Wieder ein komplett neues Arbeitsfeld, neue Kollegen, neue Kunden und eigentlich keinen Schimmer Marktkenntnis. Ich gebe wieder Vollgas, diesmal stehen im Betrieb alle Möglichkeiten offen – klasse. Jede meiner Ideen darf ichumsetzen. Es macht Freude, ich werde gebraucht, ich bleibe abends lange in der Firma. Erste Spannungen in der jungen Ehe. Eine wichtige Messe steht an. Alle im Betrieb arbeiten darauf hin. Ich – eigentlich noch ein Greenhorn – voll mit dabei, schaff mich rein. Die Ehe hält, der Job fordert weiter, ich mach mit.

 

Erfolg mobilisiert Kräfte

Beruflicher Erfolg stellt sich ein. Er kommt langsam, aber deutlich. Anerkennung, das Sammeln von Erfahrung. Meine Interpre-tation: Mach weiter so! Positive Rückmeldungen von Chef, Kollegen und Kunden. Das mobilisiert in mir Kräfte und Kreativität. Es folgen weitere Jahre Vollgas. Ich entwickle mich zu einer tragenden Säule des Betriebs. Umsatzwachstum, Karriere, Aufstieg – und dann?

 

In die Ecke gedrängt

Irgendetwas fehlt mir. Ich weiß nicht was. Eine Leere ist in mir. Sehe ich mich nicht schon lange im Hamsterrad? Wegschauen, weiterrennen, denn das Gehalt stimmt, die Anerkennung stimmt, der Job ist sicher! Fakten, die dem Hamster Scheuklappen ver­passen. Irgendwann kommt das Angebot, am Betrieb beteiligt zu werden. Zunächst fühle ich mich geehrt, doch dann verändert sich meine Stimmung. Ich fühle mich nicht mehr frei, fast wie in eine Ecke gedrängt. Dazu die bekannte, aber verdrängte Leere. Noch mehr Verantwortung, gebunden sein an den Betrieb …, nein, ich bin schon am Limit. Ich will frei sein! Dann das Angebot eines anderen Arbeitgebers, ich greife zu!

 

Absprung geschafft

Jahre später denke ich: Gott sei Dank habe ich den Absprung geschafft. Mittlerweile hatte ich drei weitere Arbeitgeber. Das alte Muster kam immer wieder zum Vorschein. Die Gefährdung liegt scheinbar in meinen Genen: Gas geben! Zum Glück jedes Mal in einer abgeklärteren Sichtweise. Ich schaffe es zwar bis heute nicht, der Arbeit den dominanten Stellenwert in meinem Leben zu nehmen. Es sind aber wesentliche Erkenntnisse dazugekommen:

 

1. Nimm dich nicht zu wichtig!

Unter meinen über sieben Milliarden Mitmenschen bin ich zwar einmalig, aber nicht mit exklusivem Wissen ausgestattet. Also andere können es auch (vielleicht sogar besser). Auch für Ehrenämter gibt es außer mir geeignete Menschen.

 

2. Nimm Dinge nicht zu wichtig!

Was hatte ich in manchen beruflichen Situationen gemeint, stemmen zu müssen. Monate später wurde die ganze Abteilung dicht gemacht. Alles für die Katz! Heute versuche ich, aktuelle Herausforderungen sowohl aus der jetzigen, als auch aus einer zeitlich fernen Sichtweise zu betrachten.

 

3. Sei bereit, andere zu enttäuschen!

Der Perfektionist in mir ist ein elender Sklaventreiber. Er fordert Unmengen an Zeit und Kraft. Das Pareto-Prinzip (das heißt 80% der Ergebnisse können mit 20% des Gesamtaufwands erreicht werden) hilft mir, dem Sklaventreiber die Peitsche zu nehmen.

 

4. Genieße ab und zu Fehler!

Eigene Fehler zeigen mir, dass ich nicht voll­kommen bin, dass ich bis zum Lebensende der Gnade Gottes bedarf.

 

5. Was andere über dich denken, kann dir egal sein!

Die meisten Menschen kennen mich ja sowieso nicht wirklich. Das bedeutet für mich zum Beispiel auf dem Weg zu einem Termin mit Zeitdruck nicht zu hetzen, son­dern entspannt zu spät kommen (oder gar nicht zu kommen).

 

6. Gönn dir was!

Am besten was Ungewöhnliches oder Verrücktes. Warum nicht eine Woche im Jahr Urlaub ganz allein? Pilgern, Bergwandern, Exerzitien. Oder eine Kinderbetreuung organisieren und den Partner spontan ent­führen. Unter der Woche einen Tag Urlaub nehmen, nur mal so, für mich. Sammle dir deinen Blumenstrauß an Möglichkeiten.

 

7. Schaffe dir ein Refugium, einen Rückzugsort!

Für die einen ist es der Waldlauf, für andere ihr Musikinstrument. Bei mir ist es meine Werkstatt im Keller. Da kann ich kreativ werkeln – oder reparieren, was im Haushalt zu Bruch ging.

 

 

 

 Quelle: Unser Weg 2015 Qrt. 4