ANDEREN VERGEBEN LERNEN


 

Oft tragen wir persönliche Verletzungen mit uns herum, die uns lange beschäftigen. Sie hinterlassen Narben und lähmen uns. Eine Haltung des Verzeihens und Loslassens einzunehmen, fällt nicht immer einfach.

 

Carolin (33) wollte zur ihrer Hochzeit mehr Freunde als Verwandte einladen. Es sollte ein fröhliches Fest geben, mit moderner Musik und Tanz. Ihre Patentante Hilde, zu der schon seit Jahren eine angespannte Beziehung bestand, lud sie nicht ein. Wozu deren griesgrämiges Gesicht und die abwer­tenden Lästereien ertragen an diesem Tag der Freude? Wenige Wochen später ist die Stimmung in der Familie auf dem Tiefpunkt. Tante Hilde, die an einem Fibromyalgie- Syndrom leidet, hat schlimmere Schmerzen als zuvor und redet mittlerweile kein Wort mehr mit der Mutter der Braut. Carolin sieht sich Vorwürfen des Vaters ausgesetzt: Ob es wirklich nötig war, die Verwandte nicht einzuladen? Man hätte doch über den Hochzeitstellerrand hinaus denken können.

 

Es ist sehr verbreitet, auf eine erlebte Verletzung ebenfalls verletzend zu reagie­ren. Wir haben in unserer Seele ein ausge­prägtes Bedürfnis nach Gerechtigkeit und Zugehörigkeit. Von der eigenen Familie erwartet man, dass sie zu einem steht, egal welche Macken man hat. Wenn man durch Familienmitglieder ausgegrenzt wird, wird das meist als starke Zurückweisung erlebt. Freundlichkeit und Bosheit scheinen dabei in der Familie oft nah beieinander zu liegen. Bei einer psychologischen Untersuchung wurden Menschen nach einem freudigen und einem leidvollen Ereignis befragt, das man am Vortag erlebt habe. In beiden Fällen wurde die Familie als „Verursacher“ an erster Stelle genannt. Psychologen sprechen hier vom „familiären Paradox“: Familie kann der „Himmel auf Erden“ bedeuten, kann aber auch das Leben zur „Hölle“ machen.

 

Verletzungen akzeptieren

Menschen unterscheiden sich darin, wie lange negative Gefühle in ihrer Psyche nachklingen. Wem es aufgrund der eige­nen Persönlichkeit schwer fällt zu vergeben, der bleibt im Gefängnis des Grolls sitzen. Vergebung heißt in diesem Fall für Tante Hilde, dass sie das erlebte Leid des Nicht-Eingeladen-Seins vergessen kann und will. Der Anfang der Akzeptanz beginnt damit, die Abneigung gegen die Nichte nicht dau­ernd „warm zu halten“ oder den Groll nicht durch negative Gedanken weiter zu füttern.

 

Während Verzeihen eher einem passiven Vorgang gleicht, bei dem ein Opfer auf eine gerechtfertigte Strafaktion verzichtet, kommt der Vergebung ein deutlich aktiveres Moment zu. Vergebung ist ein längerfristiger Lebensvorgang, bei dem eine Person willent­lich eine Haltung entwickelt, die von Güte und Milde geprägt ist. Ein oberflächliches „Schwamm drüber, vergessen wir die Sache!“ ist eine Vernunft-Entscheidung, eine Sache des Kopfes. Vergebung im christlichen Sinne ist dagegen eine Gefühls-Entscheidung, eine Sache des Herzens.

 

Vergebung stärkt das Wohlbefinden

Schon alleine die Vorstellung von Vergebung könnte bei Tante Hilde zur Lösung ihrer Verspannungen beitragen – und im Gefolge ihre Schmerzen verringern. So konnte in Untersuchungen nachgewiesen werden, dass Menschen, die nach erlebten Unrecht Vergebensgedanken empfanden, den Gesichtsausdruck entspannten. Der Puls nor­malisierte sich und der Blutdruck sank. Ein „Vergebens-Workshop“ zeigte positive Effekte auf: Im Unterschied zu einer Vergleichsgruppe hatten die ursprünglich hochgekränkten Teilnehmerinnen und  Teilnehmer in den Wochen nach dem Training weniger Kopf- und Rückenschmerzen. Sie kamen besser mit Alltags-Stress zurecht und waren deutlich optimistischer. Für den Psychologen Christian Schwennen ist des­wegen Vergebung ein „Geschenk für das körperliche und psychische Wohlbefinden: Es stärkt unsere Selbstachtung und unsere Beziehungen“.

 

Wer beständig mit emotionaler Betroffenheit anderen erzählt, was andere ihm Schlimmes angetan haben, lässt die Vergangenheit sein Hier und Jetzt bestimmen. So wird die er- lebte Demütigung in einer Endlosschleife wiederholt. Wer nicht verzeihen kann, schneidet sich am Ende ins eigene Fleisch: Tatsächlich geht Verbitterung mit einem höheren Herzinfarktrisiko einher. Wer Hass im Herzen hegt, hat einen höheren Blutdruck.

 

Loslassen lernen

Ein guter Weg, um Vergebung einzuüben, ist ein Vergebens-Brief. Wenn dieser geschrie­ben ist, sollte man ihn allerdings nicht in den Briefkasten werfen, sondern es ist besser, ihn dem Feuer zu übergeben. Frauen tun sich etwas leichter damit, anderen zu verge­ben. Männer, so zeigen Studien, halten meist viel länger an ihrem Groll fest. Doch es lohnt sich, den Füller in die Hand zu nehmen und im Detail aufzuschreiben, was mir widerfah­ren ist, und wie der andere mich verletzt hat. Während des meditativen Schreibens sollte Tante Hilde versuchen, Mitgefühl für ihre Nichte zu entwickeln. Was mag diese inner­lich bewegt haben, sie nicht zur Hochzeit einzuladen? Je größer das Verständnis für die Sichtweise des Patenkindes, umso grö­ßer die Wahrscheinlichkeit, dass sie Carolin vergeben kann.

 

Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat bei einer Gelegenheit den südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela gefragt, wie dieser seinen weißen Gefängniswärtern habe vergeben können. Mandela gab zur Antwort, dass ihm bei seiner Freilassung nach 27 Jahren Haft – während des Durchschreitens des Gefängnistores – durch den Kopf gegan­gen sei: „Wenn ich diese Menschen weiter hasse, dann bleibe ich im Gefängnis!“

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1