AUS DER SPUR – ABER AUF DEM WEG


 

Wer seinen Job verliert, fällt aus der Alltagsroutine und lebt mit einem Mal im Ausnahmezustand. Das Wichtigste ist jetzt ein kühler Kopf. Aber das ist leichter gesagt als getan. Es fordert Demut, Geduld – und viel Gottvertrauen.

 

Im Rückblick lässt sich die Krise in drei Abschnitte teilen. Erst herrschen Enttäuschung, Ohnmacht und Wutgefühle vor, auf die dann eine Zeit der Selbstbesinnung und Neuorientierung folgt, die schließ­lich in eine Phase des Neuanfangs und Aufbruchs mündet.

 

Hilflosigkeit lähmt

Der 30. April 2013 war kein guter Tag. Es schüttete aus Kübeln, und ich erhielt meine Kündigung. Sie kam per Overnight-Express. Obwohl ich vorbereitet war und wusste, dass unsere Abteilung aufge­löst werden sollte, spürte ich in diesem Moment eine tiefe Hilflosigkeit. Die Zeilen verschwammen vor mir, und ich stellte das Schreiben ins Hausheiligtum.

 

In diesen Wochen und Monaten lastete die Ohnmacht schwer auf mir; das beklem­mende Gefühl, nur reagieren zu können: Etwa auf Dinge oder Fristen, die zu tun und einzuhalten waren. Hinzu kam eine lähmende Orientierungslosigkeit: Sollte ich jetzt etwas ganz anderes machen? Was will ich überhaupt? Und was will ich nicht? Vor allem, was kann ich?

 

Welche Kompetenzen, Erfahrungen habe ich? Schwerer wogen noch die existen­ziellen Fragen: Wie werden wir den Lebensunterhalt bestreiten? Werden wir das Haus halten können? Werden wir wegziehen müssen? Oder ich alleine und es wird eine Wochenendbeziehung? Viele Fragen waren da, aber erstmal keine Antworten in Sicht.

 

Ich weiß, was ich nicht will

Die restliche Zeit im Unternehmen empfand ich als belastend. Die schlechte Stimmung, die Wut, das zerstörte Vertrauen. Mit dem endgültigen Ausscheiden aus dem Unternehmen begann eine neue Phase. Ich hatte mehr Zeit für die Familie. Die Kinder waren in alles eingeweiht und sie fragten uns, aber wir wussten ja nicht, was werden wird. Eines Morgens sagte unser Sohn beim Frühstück zu mir: „Papa ich hatte einen blöden Traum; ich träumte, dass Du uns verlässt.“ Von da an wusste ich, dass für mich eine Wochenendbeziehung nicht in Frage kam. Immerhin wusste ich, was ich nicht wollte. Es tat jedenfalls gut, eine sol­che Entscheidung zu treffen.

 

In dieser Zeit trieb mich eine besondere Sehnsucht nach dem Heiligen Geist. Denn jede Entscheidung und jeder Schritt sollte wohlbedacht sein. Ich besann mich auf das, was ich gut konnte. Der Sport, das Joggen, überhaupt Bewegung halfen mir. Jeden Morgen las ich im Buch von Georg Popp „Krise als Neubeginn“. Auch die Gedanken und Schriften von Menschen, die selbst in Krisen waren und diese gemeistert haben, halfen mir in meiner Situation. Ich dachte auch oft an Pater Kentenich. Sein Leben war durchzogen von Brüchen und Krisen, und oft wurden diese Wendepunkte in seinem Leben, etwa sein Aufenthalt in Dachau, zu Meilensteinen der Schönstatt-Geschichte.

 

Im Hamsterrad

Trotz Gebet und dem Gefühl, auch durch das Gebet der anderen getragen zu sein, blieb es eine Achterbahn der Gefühle. Auf Hoffnungen folgten Enttäuschungen. Als besonders demütigend empfand ich den Gang zum Arbeitsamt. Ich kam mir als Bittsteller vor, klein, als jemand, der seine Familie nicht ernähren kann. Bei manchem Termin ließ man mich warten, behandelte mich von oben herab, was die negativen Emotionen noch verstärkte.

 

Oft wachte ich nachts auf und verstrickte mich in wirre Gedanken. Jeder Tag, der ohne Ergebnis verstrich, drückte mehr. Wie ein Countdown, an dessen Ende wir nie wirklich ankommen wollten. Gerade die Entmutigung empfand und empfinde ich bis heute als einen schlimmen Feind. Das Zweifeln, das Grübeln, die Bedenken und Einflüsterungen, die immer wie­der aufsteigen: Das schaffst du nicht; das ist eine Nummer zu groß; sie sind wie lähmendes Gift. Meist gehen wir Lügen auf den Leim, die wir selbst glauben. Lügen wie „Ich muss perfekt sein“, oder „Ich kann nicht glücklich sein, wenn nicht alles nach meinen Vorstellungen geht“, oder „jemand anders ist schuld“.

 

Offene Türen

Wenn ich heute beispielsweise an das Warten im Arbeitsamt denke, hätte ich mir ja auch sagen können: „Die lässt mich nicht absichtlich warten, die braucht so lange, weil sie Menschen gewissenhaft berät.“ Oder wenn ein Kunde lange nichts von sich hören lässt, heißt das nicht zwin­gend Desinteresse; möglicherweise ist eine Krankheit dazwischen gekommen oder andere Dinge. Es sind eben nicht die Ereignisse und Umstände, die uns zusetzen, sondern unser Denken.

 

In Momenten der Verzweiflung dachte ich oft an den Heiligen Josef. Wie fühlte er, als er auf der Flucht war? War auch er verzwei­felt? Hat er gar geweint? Das Gebet zu ihm hat mir geholfen. Und siehe da, mit der Zeit öffneten sich Türen. Ehemalige Kunden fragten an; es ergaben sich Kontakte. Mit der Zeit reifte in mir der Gedanke: Warum nicht die Freiberuflichkeit wagen? Und siehe da, es hat geklappt – bis heute jedenfalls. Wenn auch viel Unsicherheit bleibt. Aber das gehört zum Vorsehungsglauben dazu. So bleibt wenigstens immer Gelegenheit zum Üben.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1