WIE ICH AUS EINER SCHWEREN KRISE GESTÄRKT HERAUSGEFUNDEN HABE


 

Manchmal, mit ganz viel Feingefühl, Geschick und Geduld, lassen sich zerbrochene Scherben wieder kitten. Die Bruchstellen erinnern dann zwar immer wieder an die eigene Ungeschicklichkeit, aber man freut sich, dass man den geliebten Gegenstand noch verwenden kann. Zerbricht etwas jedoch in viele kleine Teile und Splitter, dann geht das mit dem Zusammenkleben oft nicht mehr und man muss loslassen können. Wenn dieses Zerbrechen eine tragende Beziehung, wie eine Ehe betrifft, dann ändert das alles von Grund auf. Ein Erfahrungsbericht.

 

 

Wenn ich heute auf mein Krisenjahr zurückblicke, dann sehe ich ganz viel Licht, dass auf die bis­her dunkelsten Tage meines Lebens gefallen ist. Ich habe damals nicht gedacht, dass ich einmal sagen kann: „Ich bin reich beschenkt worden und dankbar für diese Erfahrung. Und ich wäre heute nicht die, die ich bin, wenn ich das nicht erlebt hätte.“ Meine Empathie- und Liebesfähigkeit hat einen großen Wachstumssprung bekommen. Ich habe so Vieles neu entdeckt, wonach ich ohne diese schmerzliche Situation nie gesucht hätte. Oft fühlte ich mich wie Abraham oder Hiob, mit einer unheimlichen Sehnsucht, mit leeren Händen, die ich Gott immer wieder hinhielt.

 

Loslassen können

Als ich erfuhr, dass mein Mann sich in eine andere Frau verliebt hatte und unsere Ehe nicht mehr wollte, war es, als hätte ich kei­nen Boden mehr unter meinen Füßen. Ich war so verwundet und oft dem Abgrund nahe. Ich wusste nicht, wie es weitergeht. Ich hatte Angst, große Angst, noch mehr zu verlieren, als ohnehin schon weg war. Immer wieder versuchte ich mir vorzustel­len, in Gottes barmherzige und unendlich liebende Arme zu sprin­gen. Und immer wieder gab es diese „Zufälle“, diese „Geschenke“, die mir von Gott durch Begegnungen mit Menschen zu gefallen waren. Ich bin überzeugt, dass sie jeder erleben kann, wenn er immer wieder seine leere Hände und sein verwundetes Herz Gott hinhält und dies auch in ganz konkreten Bitten aus­drückt. Mir hatte es gut getan, mich in die­ser Zeit intensiv mit anderen Lebensgeschichten ausein­ander zu setzen. Aus dem Beispiel, wie Pater Kentenich die Jahre in Dachau oder aber die Verbannung nach Milwaukee überstanden hat, konnte ich viel Kraft für meine persönliche Situation schöpfen. Ich fühlte mich ja so ohnmächtig, als Verliererin, als Opfer. Ich hätte meinen Mann „umbringen“ können, so wütend war ich. Die Wut richtete sich bei mir aber zunächst gegen mich selbst. Ich hatte keinen Appetit mehr. Erst als ich die Wut herauslies, zum Telefonhörer griff und eins dieser „Sch-Wörter“ hineinsprach, konnte ich wieder essen.

 

Den Kindern zuliebe

Ein Schlüsselerlebnis war für mich, als mein kleiner Sohn eines Tages dem Papa so gern sein frisch gebautes Legokunstwerk gezeigt hätte. Ich hielt zu dem Zeitpunkt Begegnungen mit meinem Mann kaum aus. Und nun stand da mein kleiner Sohn vor mir, sein Legokunstwerk ansehend, dass nicht transportabel war, und vor der Haustür einen Stock tiefer war sein Papa. In meinem Herzen fühlte ich einen Stich. Es musste sich etwas ändern, so ging es einfach nicht weiter, das war mir in diesem Moment klar.

 

Ich kannte das Hausheiligtum, hatte einen Krug, konnte aber meine Enttäuschung nicht einfach so abgeben und Gott hin­reichen. Es tat einfach zu weh, ich fühlte mich verraten und tief verletzt. Zugleich aber spürte ich, wie belastend diese Spannungen und Streitereien für unsere Kinder waren. Im Rahmen der Erstkommunionvorbereitung erfuhr ich vom Projekt „Kinderpilgerheiligtum“. Ich war fest entschlossen, da mitzumachen und wollte die Begegnung mit meinem Mann für meine Kinder aushalten – und dann geschah ein Wunder. Das Zusammentreffen tat nicht mehr so weh, es machte sogar Freude. Ich konnte ihn wieder in die Wohnung lassen, wir saßen im Wohnzimmer um das Kinderpilgerheiligtum, beteten gemein­sam mit unseren Kindern und lasen im Begleitbuch. Ich spürte, ich war nicht allein und konnte von dem Gefühl, ein Opfer zu sein, Abstand nehmen. Die Entscheidung für diesen Weg ließ mich wachsen.

 

Fügung

Ein zweites Schlüsselerlebnis hatte ich in einer Kirche. Die Beziehung zu meinem Mann war wieder einmal aufs Höchste angespannt, es ging um die Unterhaltszahlungen – Existenzängste auf bei­den Seiten. Ich ging in eine Kirche, um zur Beichte zu gehen. Ich bat Gott um ein Zeichen, wie die Streitgespräche bezüglich Unterhaltszahlungen endlich gelöst werden könnten … Im Beichtstuhl erfuhr ich dann, dass der Beichtvater meinen Mann kann­te. Das tat ich zunächst als Verwechslung ab. Doch mein Mann war tatsächlich zu einem Gespräch bei ihm gewesen. Der Beichtpriester ermutigte mich zu vertrau­en, dass mein Mann die Kinder liebte und auch für mich noch Liebe empfand. Diese „zufällige“ Begegnung im Beichtstuhl war für mich das Zeichen, dass Gott mich nie im Stich lassen würde, und dass ich den Sprung ins Ungewisse wagen konnte.

 

Der Verzicht auf Wiedergutmachung hat sich gelohnt

Vor einigen Tagen habe ich von meinem inzwischen erwachsenen Sohn eine Mail bekommen: „Papa und Du, ihr habt das eigentlich immer sehr gut gemacht. Ich denke dass ihr uns auch in vielen anderen Dingen sehr gut erzogen habt und ich je älter ich werde umso mehr Respekt habe ich vor Allem vor dir und deinem Umgang mit der Trennung. Ich kenne persönlich niemanden, bei dem die getrennten Eltern regelmäßig zusammen an einem Tisch sit­zen oder aber mit ihren Kindern diverse Anlässe feiern.“

 

Nach der Trennung habe ich mich oft als die Verliererin erlebt. Besonders schwer war es, wenn ich das Gefühl hatte, die gan­zen „Kaktus-Stacheln“ der pubertierenden Kinder allein abzubekommen. Die Wertschätzung, die jetzt von meinen Kindern zurückfließt, beglückt mich sehr und gleicht es um ein Vielfaches aus. Ich bin heute unheimlich dankbar, dass sich der anfänglich geheime und im Keim böse Wunsch, dass mein Mann den Kontakt zu den Kindern verliert, nicht erfüllt hat, und bin zutiefst glücklich, wenn ich ihr posi­tives Erlebnis zu ihrem Vater sehe. Alles andere würde mich unheimlich traurig machen.

 


Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1