DER SINN DER UNGESICHERTHEIT



 

Es gibt Momente im Leben, da kann einem der sicher geglaubte Boden unter den Füßen wegrutschen: Der drohende Verlust des Arbeitsplatzes, eine niederschmetternde Diagnose: „Sie haben Krebs“, der Seitensprung des Ehepartners oder der plötzliche Tod eines lieben Menschen. Vieles im Leben ist unberechenbar und entzieht sich meiner Kontrolle. Doch wie gehe ich damit um?

 

Pater Kentenich, der Gründer der Schönstattbewegung, verwies auf das Bild des Pendels, welches in alle Richtungen aus­schlagen kann: „Unten am Pendel kann jeder spielen: Heute geehrt, morgen ans Kreuz mit ihm. Die arteigene Sicherheit des Menschen ist eine Pendelsicherheit. Dieses ist nicht unten, sondern oben befestigt. Sicherung gibt es nur im Herzen und in der Hand Gottes“. Pater Kentenich verweist hier auf eine Strategie, die dem Menschen nicht einfach in den Schoß fällt, die er aber lernen und praktisch anwenden kann. Die Frucht dieser Bemühungen ist dann die neue Sicherheit, die aus einem gewachse­nen Gottvertrauen resultiert.

 

Pendelsicherheit

Schon in den Psalmen können wir eine ähnliche Erfahrung des Beters finden. Der Vorgang als solcher ist nicht neu, wohl aber der dafür geprägte Ausdruck „Pendelsicherheit“. Was das bedeutet, ist mir vor Jahren buchstäblich in die Glieder gefahren, als ich in Thüringen mit dem Bergsteigen begann. Ich sollte einen überhängenden Felsen hochklettern. Weil mir die Kraft und Geschicklichkeit fehlten, rutschte ich ab und hing im Seil, mit dem mein Bergkamerad mich von oben aus sicherte. Langsam ließ er mich runter, bis ich wie­der festen Boden unter den Füßen hatte. Wäre ich nicht angeseilt gewesen, wäre ich einfach runtergefallen. Ähnlich ist es mit Schicksalsschlägen und vielen anderen Verunsicherungen. In solchen Momenten ist es gut, einen mitfühlenden Menschen bei sich zu haben, der einen in den Arm nimmt und so buchstäblich Halt bietet. Doch auch wenn der Körper gehalten wird, kann die Seele noch endlos weiter fallen. Es dauert meist einige Zeit, bis wir uns wieder gefangen haben. Die Sprache bringt es sehr treffend zum Ausdruck. Wir können uns auffangen.

 

Im Vertrauen auf Gott etwas riskieren

Wie finde ich mich hinein in die Pendelsicherheit? Pater Kentenich, der in seinem Leben viel gewagt hatte, meinte, man solle immer wieder die Erlebnisse durchme­ditieren, in denen ich Gottes Schutz und Fürsorge in besonders auffälliger bezie­hungsweise überraschender Weise erfah­ren habe. Sein Lieblingswort in diesem Zusammenhang ist „nachkosten“. In diesem Wort „nachkosten“ steckt das Sinnenhafte drin. Ich soll mir also nicht etwas konstru­ieren, sondern an etwas erinnern, das ich wirklich selbst erlebt habe.

 

Zu DDR-Zeiten haben wir theologische Bücher in den Osten geschmuggelt. Mitbrüder aus dem Westen hatten ihr Auto voll mit Bücherpaketen, die sie von Westberlin über die heutige A9 und A4 mitnahmen. Auf dem Parkplatz am Hermsdorfer Kreuz trafen wir uns nachts um 1.00 Uhr, aber auf dem Parkplatz war die Übergabe zu unsi­cher. Und so blieben wir dort auch bloß auf Sichtkontakt, aber konnten uns vergewissern, dass das erwartete Auto gekommen war. Im Zweiminutenabstand fuhren wir vom Parkplatz los und nahmen während des Fahrens die Bücherpakete in Empfang. Kam eine Brücke oder ein Parkplatz oder sahen wir im Rückspiegel ein Auto heran­kommen, überholte ein Auto das andere. Fühlten wir uns sicher, fuhren wir wieder nebeneinander her, und der Paketaustausch wurde fortgesetzt. Bis zur Abfahrt Jena war die Aktion meist abgeschlossen und wir fuhren mit einem Triumphgefühl heim. Nie in all den Jahren sind wir erwischt worden. Jeder geglückte Büchertransport war für uns der Beweis, dass die Stasi doch nicht so allwissend, allgegenwärtig und allmächtig war, wie sie sich immer auf­führte. Und es war für uns der lebendige Hinweis, dass Gottes Arm auch in diese gottlosen Verhältnisse hineinreichte.

 

Nicht bei der Angst stehenbleiben

Solche happy-end-Erlebnisse ließen mein Vertrauen in Gottes ganz reale Möglichkeiten wachsen. Natürlich hatte ich vorher Herzklopfen. Aber mit jedem gelungenen Versuch wuchs das Gottvertrauen. Diese persönlichen Glaubenserfahrungen nach­zukosten, aufzuschreiben und weiterzuer­zählen hebt den Grundwasserspiegel des Gottvertrauens. Ich koste die Zärtlichkeiten nach, die Gott mir geschenkt hat. Ich lasse das Vertrauen in mir wachsen, dass er es gut mit mir meint.

 

Mir hat das Training des Gottvertrauens, das Training der Pendelsicherheit in der damaligen DDR gut getan. Die Machthaber verstanden es meisterhaft, auf der Klaviatur der allgemein gehaltenen Androhungen zu spielen. Hin und wieder wurde ein Exempel zur Abschreckung statuiert. So wurde ein Klima der Angst auf hohem Niveau geschaffen. Wer sich widerstandslos davon bestimmen ließ, ist noch ängstli­cher und passiver geworden oder wurde zum Mittäter und Miterhalter des Systems. Kentenich hat mir damals einen Weg in die größere Freiheit eröffnet mit seiner Strategie der Pendelsicherheit.

 

Sicherheit in der Hand Gottes

Gehen wir doch einmal bei Paulus in die Lehre: Im 8. Kapitel des Römerbriefes schreibt er:

 

„Was ergibt sich nun, wenn wir das alles bedenken? Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingege­ben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“

 

 

Manchmal können wir erst nach Jahren nachvollziehen, dass ein Erlebnis, das wir rein natürlich als Pech, als Katastrophe, als Unglück interpretiert hatten, für unsere seelische Entwicklung ein kräftiger Wachstumsschub und damit ein Segen wurde. Anfangs sicher noch verborgen, doch im Laufe der Jahre deutlicher. Manches bleibt vielleicht trotz allem Bemühen ein Rätsel, das wir hier auf Erden nicht lösen können. Auf so manches unbeantwortete WARUM werden wir schlussendlich bei Gott eine Antwort bekommen. Dann werden wir das Erlebte und seine göttliche Liebe wieder verbinden können. Dann können wir unser Leben in göttlichem Lichte sehen. Jetzt, in unserer irdischen Existenz, die unter der Kreuzesordnung steht, kommen wir um Leid und Zweifel nicht herum. Aber wir können auch ins Dunkel hinein hoffen. Wir dürfen ins Dunkel hinein an die Liebe Gottes glauben.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1