OBEN FEST, AUSSEN FREI



 

Angst ist ein Urgefühl des Menschen. Im Konzentrationslager in Dachau erlebte Pater Kentenich einen tiefgreifenden Lernprozess im Umgang mit diesem Gefühl. Er entwickelte dabei die Haltung, sich allein auf befreiende und Sicherheit schenkende Liebe Gottes zu verlassen.

 

 

Vor einiger Zeit sprach ich mit einem Mann, der wegen Umstrukturierungsmaßnahmen in seiner Firma damit rechnen musste, dass er seinen Arbeitsplatz verliert. Mir fiel in diesem Gespräch ein Begriff ein, den Pater Kentenich damals in der Zeit der nationalsozialistischen Verfolgung im KZ Dachau geprägt hatte, nämlich den Begriff der „Pendelsicherheit“. Was meinte er damit?

 

Pater Kentenich hatte sich als Gefangener im KZ Dachau dazu entschieden, einen illegalen Briefverkehr mit den Seinen außerhalb des Lagers anzufangen. Er tarnte in seinen Briefen die Umschreibung der Zustände im Lager, indem er von Korinth schrieb und dem heiligen Paulus Ansichten und Tätigkeiten zuschrieb, die mit dem biblischen Paulus wenig, aber viel mit Kentenich selber zu tun hatten. In der Zensurstelle für die abgehende Post wirkte der einzelne Brief harmlos: Bibelsprüche und theologische Fragen. Später fanden die Beamten ohne Schwierigkeiten heraus, dass die angeblichen Paulusstudien nichts anderes waren als die Beschreibung der Zustände im KZ. Daraufhin wurden alle Briefe an Kentenich von der Gestapo abgefangen und seine Briefe nicht den Adressaten, sondern der Gestapo Koblenz zugestellt. Nun war aber die illegale Post unter strengste Strafen gestellt, die nicht nur den Schreiber, sondern auch die Mithäftlinge der gleichen Stube oder desselben Blockes treffen konnte. Aus diesem Grunde sahen viele Mithäftlinge in dem Versuch, Schwarzpost aus dem Lager zu schmuggeln, eine verantwortungslose Unvorsichtigkeit und einen Verstoß gegen die Nächstenliebe gegenüber den Mithäftlingen.

 

„Er wird schon sorgen“

Warum nun entschied sich der Häftling Kentenich dafür? Woher nahm er den Mut, die innere Festigkeit dazu? Er sagte sich, dass das politische System ein Unrechtssystem sei. Was ihm dort verboten werde, dazu habe diese Diktatur kein Recht. Also sei er auch nicht im Gewissen an dieses Verbot gebunden. Als Gründer der Schönstatt-Bewegung sah er es als seine Aufgabe, die der liebe Gott ihm zugedacht habe. Wenn er sich in seinen illegalen Aktivitäten dem Wachstum der Bewegung und dem spirituellen Reifen der Einzelmitglieder und Teilgemeinschaften widme, dann könne das nicht gegen den Willen Gottes sein.

 

Unter den verschiedenen Wegen nach draußen erwies sich der Weg über die Plantage mit den Gewächshäusern und dem Blumenladen als der sicherste und effektivste. Einige Hundert Seiten haben den Weg ins Lager und aus dem Lager auf diesem Weg gefunden. In einem Brief, den Pater Kentenich 1944 heimlich aus dem KZ Dachau schickte, wird seine Haltung deutlich: „Wir dürfen nicht völlig aufgesogen werden von den materiellen Nöten. Anstatt hinter die Dinge zu schauen, geben wir uns schlicht dem Vatergott, der ewigen Liebe hin, die wird schon sorgen.“

 

„Heidenangst“ – Mangel an Glauben?

Ein solches Vertrauen pflegen, heißt aber nicht, dass es nicht auch das Gefühl von Angst gibt. In der Bibel ist des Öfteren die Angst ein Thema. Es ist sogar von „Heidenangst“ die Rede – eine so große Angst, wie sie Gläubige theoretisch gar nicht in sich hochkommen lassen können. Petrus hat den Mut, aus dem Boot auszusteigen, doch als er nicht mehr auf Jesus schaut, sondern auf die Wellen, geht er unter. Christus tadelt ihn aber nicht wegen seines Leichtsinns, sondern wegen seines mangelnden Glaubens. Ebenso ergeht es den ängstlichen Jüngern während des Seesturmes. Auch die Worte Jesu über die Spatzen und Lilien des Feldes weisen in diese Richtung. Wer seiner Ängstlichkeit das letzte Wort gönnt, hat natürlich immer Recht. Es geht nicht. Und er hat genügend vernünftige Gründe, warum etwas nicht geht. Aber ist eine solche Grundhaltung mit unserem Glauben vereinbar?

 

Vertrauen lernen

Von Martin Luther las ich kürzlich folgendes Zitat: „Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, so wird geschehen, was besser ist.“ Was Martin Luther hier formuliert, sagt mehr über seine Persönlichkeit aus als über die erlebte Wirklichkeit. Wir Menschen haben die seelische Stärke und die geistige Möglichkeit, einer auf den ersten Blick trostlosen Wirklichkeit eine neue Bedeutung zu verleihen. Wir haben die Fähigkeit hoffen und vertrauen zu können. Aber diese Fähigkeit entwickelt sich nur, wenn sie immer wieder trainiert wird. Pater Kentenich beschrieb dieses Vertrauen einige Jahre nach seiner Zeit im KZ Dachau als eine wesentliche Grundhaltung.

 

Vor einigen Jahren war ich zu Pfingsten mit vielen Schönstättern der Einladung des Heiligen Vaters nach Rom gefolgt. Dort trafen sich am Pfingstsamstag viele Mitglieder verschiedenster geistlicher Bewegungen. In den Tagen unmittelbar davor feierten wir im Petersdom die Heilige Messe. Danach nahm ich an einer Führung teil. Die wunderbare Statue der Pieta von Michelangelo durfte da nicht fehlen. Michelangelo hat in die Hand des herunterhängenden Armes Christi seinen Namen graviert. Generationen von Gläubigen haben in diesem Bild Trost und neuen Lebensmut gefunden. Wenn wir auf die Schmerzensmutter schauen und unseren Namen in die herabhängende Hand Jesu schreiben, dann wird uns aufgehen, was Pater Kentenich mit diesem Gottvertrauen gemeint hat.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1