LEBENSMITTE: FAHR DEIN SCHIFFCHEN DURCH DAS MEHR DES LEBENS


 

Sie ist in aller Munde, die „Lebensmitte“ – oft in einem Atemzug mit der Midlife-Krise. Warum? Ist zu diesem Zeitpunkt unser Zenit erreicht? Haben wir all das geschafft, wovon wir als Kinder und Jugendliche geträumt haben? Beginnt jetzt der gnadenlose Abstieg – oder nutzen wir die Chance zu einem Wachstum in die Tiefe?

 

 

Die gesamte Palette der Forschung zeichnet ein neues Bild von der Lebensmitte: Ja, vieles verändert sich: Körper und Geist, Gefühle und Beziehungen – aber oftmals weniger dramatisch als befürchtet. Ganz im Gegenteil: Oft ist die Lebensmitte ein Übergang in eine glücklichere und erfülltere Phase unseres Lebens. Wenn da nicht diese Veränderungen wären, die wir durchlaufen müssen, um ruhiger und klüger, gelassener und weise zu werden, um die Kreativität des Altwerdens zu entdecken …

 

Wir verändern uns

Mit zunehmendem Alter lagern Zellen mehr Fett ein, Haut und Muskeln verlieren ihre Spannkraft, Gelenke und Sehnen ihre Geschmeidigkeit, die Augen ihren Glanz, die Haare werden grau, die Adern zerbrechlicher, die Organe anfälliger … Aber nicht nur der vermeintliche körperliche „Verfall“ zeichnet das Altwerden aus, mehr noch der damit verbundene Verlust gesellschaftlichen Ansehens. Besonders oft leiden Frauen darunter. Werden sie nicht oft nur an dem gemessen, wie sie aussehen und wie sie auftreten? Die Männer dagegen nur daran, was sie leisten?

 

Komplexeres Denken

Eine wissenschaftliche Langzeitstudie, die im Jahr 1956 begann und die Veränderungen des Denkens im Laufe eines Lebens aufzeichnete, kam zu einem erstaunlichen Ergebnis: Wortschatz, verbales Gedächtnis, räumliches Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen, nehmen mit zunehmendem Alter nicht etwa ab, sondern zu. Man fand heraus, dass ab der Lebensmitte die linke und die rechte Hirnhälfte besser miteinander kommunizieren, sich besser miteinander verflechten und somit die Leistungsfähigkeit unseres Denkapparates erhöhen. Das verhilft Menschen vermutlich dazu, auch im mittleren Alter komplexe Prozesse zu bearbeiten und selbst im hohen Alter noch zu eleganteren, effizienteren und kreativeren Lösungen zu finden als in jungen Jahren.

 

Emotionale Stabilität

Auch unsere Gefühlswelt unterliegt in diesem Lebensabschnitt messbaren Veränderungen. In der Jugend fühlen sich Menschen stark und zufrieden, ab etwa 30 nimmt dieses Glücksgefühl stetig ab, bis es etwa mit 45 einen Tiefpunkt erreicht. Danach, so sagen uns die Hirnforscher, nimmt die Zufriedenheit in der Regel wieder zu – und wird oftmals größer als je zuvor. Auch lernt unser Gehirn ab der Lebensmitte Details, die uns fröhlich stimmen, wesentlich intensiver wahrzunehmen. Dieser sogenannte „Positivitäts-Effekt“ dient also dazu, im Alter emotionale Stabilität zu schaffen. Er hilft uns dabei, negative Erfahrungen zu ertragen, mit Stress umzugehen, aufwallende Gefühle zu regulieren. Kurz: Gelassen zu sein und weise zu werden.

 

Bewusster leben lernen

Was geschieht nun mit uns, wenn wir uns in der Lebensmitte der Realität stellen müssen, dass wir nicht mehr alle Träume und Pläne verwirklichen können, weil unsere Zeit einfach begrenzt ist? Wenn wir das Gefühl haben, unser Leben nicht gelebt zu haben, uns nur einseitig entwickelt zu haben? Die Forschung sagt uns dazu: Je deutlicher uns die Endlichkeit unseres Lebens wird, die Begrenzung der Möglichkeiten, desto bewusster lernen wir zu leben.

 

Beziehungen im Wandel

Wer die Lebensmitte erreicht hat, wird manchmal schmerzhaft feststellen, wie sich die Beziehung nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zum Partner verändert. Früher glaubte man, dass besonders die Frauen darunter leiden, wenn die Kinder den gemeinsamen Haushalt verlassen und ihre eigenen Existenzen auf- bauen, weil die Lebensaufgabe der Mutterschaft damit erfüllt war. Heute weiß man, dass besonders die Väter unter dem „Leere- Nest-Syndrom“ leiden, weil sie erst im mittleren Lebensabschnitt erkennen, welches Wohlbefinden die Familie schenken kann. Gleichzeitig erleben Menschen in der Lebensmitte einen weiteren Prozess der Trennung: Die eigenen Eltern werden nach und nach gebrechlich, können sich wohlmöglich nicht länger selbstständig versorgen und sterben schließlich.

Lebenswende

Wie kann es uns nun gelingen, unser Schiffchen sicher durch das Meer der Lebensmitte zu navigieren? Der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung (1875-1961) schrieb einmal dazu: „Wir können den Nachmittag des Lebens nicht nach demselben Programm leben wie den Morgen, denn was am Morgen viel ist, wird am Abend wenig sein. Und was am Morgen wahr ist, wird am Abend unwahr sein.“

 

Diese Ansicht, dass das Leben nur aus diesen beiden Phasen besteht, hat sich als unzutreffend herausgestellt. Denn es ist erwiesen, dass gerade die mittleren Jahre häufig die größte Wende im Leben mit sich bringen. Wir erleben eine Zeit, in der wir die Möglichkeiten schwinden sehen, eine Zeit, die uns verunsichert, die uns Angst macht. Wir erleben aber auch eine Zeit, die uns neue Kraftquellen entdecken lässt, eine Zeit, in der wir oft den Weg finden, ganz wir selbst zu sein.

 

Krisen lassen reifen

So bietet auch dieser Lebensabschnitt mit all seinen Krisenzeiten, die es zu überwinden gilt, immer wieder die Chance, sich stets neu zu suchen und zu finden. Wichtig ist dabei die Bereitschaft zur permanenten respektvollen Auseinandersetzung mit dem Partner, den Eltern, den Kindern. Krisen lassen reifen. Es entsteht dadurch oft eine viel tiefere Beziehung – zu sich selbst, zu den Mitmenschen, zu Gott.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1