MIT DIR HEIL UND GANZ WERDEN


 

Berufung zur Ehe – Kraftquelle, Herausforderung und Freude

 

 

In unserer Pfarrei fand vor kurzem der Vorstellgottesdienst unserer Firmlinge statt. „Heimat finden“ war das Thema, das sich auch durch die gesamte Vorbereitungszeit auf die Firmung hin durchziehen soll. Dafür haben die Jugendlichen ein Lied der Band „Revolverheld“ ausgesucht: „Ich lass für dich das Licht an, obwohl´ s mir zu hell ist.“ Dieser Text hat mich sehr berührt, denn darin heißt es weiter: „Ich hör mit dir Platten, die ich nicht mag. Ich bin für dich leise, wenn du zu laut bist. Renn‘ für dich zum Kiosk, ob Nacht oder Tag.“

 

Meine Hand tastet nach der meines Mannes. Mir fallen Situationen ein, in denen mein Mann Dinge für mich tut oder aus­hält, weil er mich liebt. Wenn er morgens sehr früh aus dem Haus geht, bemüht er sich sehr, mich nicht zu wecken. Wenn ich dann aufstehen muss, ist der Tee für mich schon gekocht. Er verzichtet bei abendlichen Einladungen auf das dritte Glas Wein, weil er weiß, wie ungern ich in der Nacht – und überhaupt – Auto fahre. Und für eine mir sehr am Herzen liegende Ausbildung ver­zichtet er seit Jahren an vielen Wochenenden auf die gemeinsame Zeit. Und das ist nur das, was mir als erstes und spontan einfällt.

 

Gottes Willen entdecken

Ich empfinde es als das größte Geschenk Gottes an mich in diesem Leben, dass er mir diesen Mann an die Seite gestellt hat. Als Jugendliche und junge Frau habe ich mich oft gefragt, was Gottes Idee von meinem Leben ist. Ich spürte, dass ich MEHR vom Leben will, als einfach so dahin zu leben. Ich hatte eine große Sehnsucht im Herzen. Eine Zeit lang war in mir der Gedanke, ob ich Gottes Willen am Besten im Kloster

erfüllen könne, doch diese Berufung habe ich nicht gespürt, das wurde zu keinem Zeitpunkt stärker. Dann traf ich meinen Mann. Unsere erste Zeit war nicht nur schön, da gab es auch Unsicherheiten und Verletzungen. Dies hatte aber zur Folge, dass wir uns intensiv miteinander ausge­tauscht und gesucht haben, ob und wie unser gemeinsamer Weg ausschauen könn­te. Wir entdeckten: Wir sind füreinander bestimmt. Und so wurde es zur Gewissheit: Wir sind zur Ehe berufen.

 

Liebe vollenden

Lange Zeit habe ich gedacht, ähnlich wie viele auch heute noch in unserer Kirche, dass die Berufung zur Ehe nur eine Berufung „zweiter Wahl“ ist. Wer wirklich heilig werden will, der muss Priester werden oder ins Kloster gehen. DAS ist die eigentliche Entscheidung für Christus. Doch mitein­ander durften wir entdecken, dass Gott ein­fallsreicher ist. In einem Gottesdienst, den wir einige Monate vor unserer Hochzeit mitfeierten, kam als Lesung eine Stelle aus dem Johannesbrief: „Wenn wir einander lieben, dann ist Gott in uns, und seine Liebe ist in uns vollendet.“ Dies fiel uns ins Herz und so wurde uns unser Trauspruch geschenkt.

 

Denn in diesem Satz klingt auch die Berufung zur Ehe: Gottes Liebe in uns zur Vollendung zu bringen und so Gottes Liebe in dieser Welt sichtbar und spürbar werden lassen. Mit unserer Ehe wollten wir bezeu­gen, dass so, wie wir einander treu sind und uns gegenseitig zum Leben helfen, Gott treu ist, und uns Menschen zur Seite steht. Wohl wissend, dass unsere menschlichen Bemühungen bruchstückhaft und immer

wieder zum Scheitern verurteilt sind, wollten wir uns dennoch darum bemü­hen. Das war auch unsere große Idee zu Beginn unserer Ehe.

 

Herausforderungen

Seit damals sind über 20 Jahre vergangen. Nicht jede Phase in dieser Zeit war einfach, manches hat uns sehr herausgefordert. Und auch der Blick in unser Umfeld zeigt: Dauerhafte Liebe und Ehe ist nicht selbstver­ständlich. Manchmal sind die Be- dingungen schon im Vorfeld schwer, wenn Mann oder Frau durch die Themen der Herkunftsfamilien be- lastet sind. Manchmal bringen Krank- heit, Tod, Arbeitslosigkeit oder sonstige Schicksalsschläge eine große Bürde für das Ehepaar mit. Oder die Leidenschaft und Sehnsucht kühlt ab, und wir leben uns emotional auseinander … Und manchmal geschieht es auch, dass uns in den vielen Jahren einer Ehe ein anderer Mann oder eine andere Frau anzieht und fasziniert. Das alles gehört zum Leben.

 

Wenn uns dann der Glaube geschenkt ist, dass Gott uns nicht nur zur Ehe beru­fen hat, sondern mit uns als Dritter im Bunde mitgeht, vor allem auch in schwe­ren Zeiten, und so durch uns diese Welt gestalten möchte, dann haben wir einen Schatz in Händen. Dann haben wir eine Kraftquelle, weil wir glauben dürfen, dass Gott uns auch in Schwierigkeiten nicht alleine lässt und er eine Idee von uns als Einzelnen, aber auch eine Idee von uns als Ehepaar hat.

 

Heil und ganz

Spätestens seit dem II. Vatikanischen Konzil kennt die römisch-katholische Kirche (wieder) eine allgemeine Berufung zur Heiligkeit. Heilwerden an Leib und Seele ist somit Ziel und Aufgabe für uns alle. Und als Ehepaar dürfen wir diesen Weg gemeinsam gehen. Gerade in den Herausforderungen oder in Wüstenzeiten werden wir mit unse­ren eigenen Schwachstellen konfrontiert. Innere Anteile, die uns das Leben schwer machen, treten hervor. Der – hoffentlich - liebende Blick unseres Partners kann uns da herausfordern, aber auch helfen, mit uns selbst gnädiger zu sein, und daran zu wachsen und zu heilen.

 

Die Ehe ist etwas Wundervolles

Wenn es uns so gelingt, mit welcher Herausforderung auch immer zu leben und immer tiefer zueinander zu finden, ist dies etwas Wundervolles. Und dieses Wort passt wirklich: Denn manchmal denke ich, dass das tatsächlich ein Wunder ist, nach so vie­len Jahren und mancher Lebenserfahrung reicher, immer mal wieder dieses Kribbeln zu spüren und meinen Mann anzuschauen und zu spüren: Ich liebe ihn noch viel mehr als früher.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 1