RAUS AUS DER SINN(ES)KRISE


 

 

 

 

 

 

Sinnlichkeit mitten im Alltag – wie geht das?

 

Mein Kopf ist übervoll, genauso wie die To-Do-Liste auf meinem Schreibtisch: Handwerker bestellen, Geburtstagsgeschenke kaufen, Lieder für den Gottesdienst aussuchen. Ach, und dann noch einen Artikel zum Thema Sinnlichkeit im Kontext unseres Glaubens schreiben! Am Abend ist das meiste als erledigt durchgestrichen. Nur das Nachdenken und Sprechen über Sinnlichkeit, das fällt schwer. Nichts liegt mir ferner im Moment – wirklich?

Zunächst muss ich mich zur wahren Bedeutung des Begriffes „Sinnlichkeit“ regelrecht durchkämpfen. Im heutigen Sprachgebrauch ist Sinnlichkeit oft gleichbedeutend mit Erotik oder Lust. Ist das alles? Per Definition bei Wikipedia ist Sinnlichkeit „die Empfänglichkeit und Hingabe für die Empfindungen und das Erleben der äußeren Sinne.“ Damit kann ich schon mehr anfangen, weil es mir einen allgemeineren Zugang eröffnet. Zugegeben, meine Sinne trainiere ich relativ wenig. Neben meiner To-Do-Liste liegt oft eine Tafel Schokolade, die dann plötzlich weg ist, und es gibt sonst noch ein paar Dinge im Leben, die ich mehr oder weniger genießen kann – insgesamt eine traurige Bilanz in Sachen Sinnlichkeit.

 

Wahrnehmen und Empfinden

Aber da ist noch die Erinnerung an mich selbst als Kind, wie ich ganz viele Sinneseindrücke aufgesogen habe – das war natürlich, bevor es die vielen To-Dos in meinem Leben gab. Wenn ich heute den Duft von Flieder rieche oder eine Amsel in der Dämmerung singen höre, dann kommt dieses Gefühl aus meiner Kindheit wieder hoch. Wahrnehmen und Empfinden war meine wichtigste Tätigkeit – nein, eben keine Tätigkeit, sondern eine Daseinsweise. Die strahlende Sonne, die alles zum Leuchten brachte, Regentropfen wie Nadeln auf meiner Haut, glitzernder, pudriger Schnee, der schillernde Panzer eines Käfers, das weiche Fell eines Kaninchens, der süße Duft einer Blume – jedes Erleben äußerer Reize hat damals unmittelbar tiefe Empfindungen in mir ausgelöst in diesem einen Moment, der eine Ewigkeit lang war. Wie schön das Leben war, wie intensiv! Das ist lange her und weit weg, aber es löst Sehnsucht in mir aus, wieder so empfinden zu können wie damals.

 

Wenn also Sinnlichkeit nicht zuerst Erotik meint, sondern etwas viel Grundlegenderes, nämlich diese magische Verschmelzung von Sinneswahrnehmung, Gefühl und bewusstem Erleben, dann, so denke ich mir, müsste doch eigentlich jeder von uns ein Stück weit zu dieser Sinnlichkeit fähig sein. Egal wie überbehütet, kopfgesteuert oder intelligenzgefördert wir aufgewachsen sind –etwas davon steckt doch noch in uns und wartet nur darauf, wieder zu neuem Leben erweckt zu werden.

 

Absichtslos und zweckfrei

Ich lese weiter, was der Begriff „Sinnlichkeit“ eigentlich bedeutet. Im Gegensatz zur Begierde, die auf Besitz aus ist, hat Sinnlichkeit einen gänzlich freien Charakter. Sie ist also völlig absichtslos und zweckfrei. Vielleicht taucht sie deshalb nie auf meiner To-Do-Liste auf? Die wenigen kleinen, oft von schlechtem Gewissen begleiteten Genüsse, die ich mir gönne, stehen jedenfalls nicht darauf. Und das, was ich genießen könnte, wie etwa das Laufen im Wald mit meinen Freundinnen, ist durch die Fülle der täglichen Aufgaben schon fast zu einer Erledigung verkommen. Eines ist klar: Mit dieser Werteskala in meinem Kopf hat das kleine Pflänzchen Sinnlichkeit kaum eine Chance. Da es aber ohne To-Do-Liste nicht mehr geht, muss ich beides irgendwie zusammenbringen: Meine Aufgaben mit Sinnlichkeit verbinden und mir so Sinnlichkeit zur Aufgabe machen. Schon meldet sich meine von Pflicht und Verstand gesteuerte Skepsis, aber zumindest ausprobieren kann ich es ja mal …

 

Mich auf eins konzentrieren

Wenn ich also das nächste Mal meine Liste zur Hand nehme, dann ignoriere ich ganz bewusst die Fülle der Aufgaben und konzentriere mich nur auf eine einzige. Ich achte auf die Stimme des Handwerkers am Telefon und stelle mir den Menschen dazu vor. Ich lasse dem Anderen bewusst Raum zu sprechen und höre ihm aufmerksam zu. Schon will ich mich ärgern, dass ein Termin erst in zwei Wochen möglich ist. Doch dann schaue ich aus dem Fenster in den weiten Himmel, betrachte die Baumwipfel, die sich elegant im Wind hin und her wiegen, und plötzlich ist der Terminverzug gar nicht mehr so schlimm und ich kann glauben, dass es schon zu irgendwas gut sein wird. Und wenn ich dann die Geburtstagsgeschenke aussuche, dann nehme ich mir Zeit und stelle mir mein Kind vor mit seinen Eigenschaften und seinen Wünschen. In meinem Inneren sehe ich das Gesicht meines Sohnes, wie er sich freut, und ich bin sicher, ich werde die richtigen Geschenke finden und werde mich selber riesig auf den Geburtstag freuen, auch wenn das Budget in diesem Monat knapp sein wird. Die Lieder für den Gottesdienst möchte ich so aussuchen, dass

darin Themen und Bilder vorkommen, die ich im Gottesdienst wiederfinde und die mich selbst berühren. Mit diesem Gefühl im Herzen gehe ich auf die Suche, auch wenn das lange dauern kann. Wenn ich dann den Artikel schreibe, lege ich irgendwann einfach alle Bücher beiseite und schreibe das, was in mir hochkommt, was mir selbst Freude macht und mich motiviert.

 

Der Speicher in uns

Bei all dem fällt mir auf, dass sich die Sinnlichkeit, die ich als Erwachsener lebe, aus einem Erinnerungsspeicher an miteinander verknüpften Sinneseindrücken und Gefühlen nährt, der in meinem Herzen angesiedelt ist. Das Schöne ist: Wenn ich diesen Speicher anzapfe, mache ich alles mit mehr Freude und mit mehr Empfinden, auch und gerade gegenüber anderen Menschen. Als hätten sich alle meine sinnlichen Erfahrungen als Kind über die Jahre des Erwachsenwerdens verdichtet, um in meinem Herzen Platz zu finden und es dadurch groß und weit zu machen – wenn ich es zulasse. Wie den meisten fällt es mir aber noch viel schwerer, diese Gabe auch bei anderen Menschen wahrnehmen und annehmen zu können. Erst dann, so ahne ich, bin ich ein wirklich sinnlicher und sinnerfüllter Mensch.

 

Kindlichkeit

Sinnlichkeit, verstanden als Herzensfreude, gerichtet an ein Du und empfangen von einem Du – damit kann ich auch als Christ etwas anfangen. Wenn ich Pater Kentenich beim Wort nehme, der so großen Wert auf Kindlichkeit legt und darin, wie er einmal gesagt hat, die „Lösung der allermeisten Probleme“ sieht, dann muss doch auch meine kindliche Sinnlichkeit eine Bedeutung für mein Leben als Christ haben. Dieser Aspekt der Kindlichkeit macht aus meinem erwachsenen Herzen ein Sinnesorgan, das Erleben, Fühlen, Denken und Wollen zu verschmelzen und in eine Gabe umzuwandeln weiß. Dass auch der Teilaspekt Erotik davon berührt wird, versteht sich fast von selbst.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 2