LIEBE UND ERMUTIGUNG


 

 

 

 

Samuel Kochs Schicksal bewegt seit dem dramatischen Unfall 2010 bei „Wetten, dass ...?“ viele Menschen. Samuels Ausdauer und Selbst-disziplin, sein Mut und sein Gottvertrauen tragen ihn auf seinem Weg Stück für Stück weiter. Seine Familie begleitet ihn dabei und stärkt ihm den Rücken. Ein Gespräch mit seiner Mutter, Marion Koch.

 

 

unser weg: Das erste Buch Ihres Sohnes, „Zwei Leben“, beginnt mit der Beleuchtung des Wettmomentes, mit den Gedanken, die Samuel kurz vor und während des Unfalls durch den Kopf gingen. Er beschreibt, dass er vor jedem Sprung ein Stoßgebet gesprochen hat und ihm sogar im Augenblick des Unfalls ein Psalm durch den Kopf ging. Wie hatten sie zuvor in der Familie den Glauben gelebt und weitergegeben, damit dieser so in ihrem Sohn wurzeln konnte?

 

Marion Koch:

So wie auch die Familie gewachsen ist, so ist bei uns natürlich auch der Glaube gewachsen. Zu Beginn unse­rer Ehe haben wir es gar nicht richtig gewagt, miteinander zu beten. Da gab es dann zum Beispiel einen Kuss vor dem Abend- oder Mittagessen. Mit der Zeit haben wir uns dann immer mehr getraut.

 

Uns war wichtig, vor den Mahlzeiten zu danken für das, was wir geschenkt bekom­men. Es wurde dann mehr verinnerlicht zum Beispiel durch gemeinsame Gottesdienstbesuche. So ist man immer mehr gemeinsam im Glauben gewachsen. Ich war in einem katholischen Internat, habe meinen Glauben dann sehr reflektiert und war suchend. Durch meinen Mann, der Prädikant in der evangelischen Kirche war, bin ich zum evangelischen Glauben gekommen und habe Kindergottesdienste und Krippenspiele organisiert. Nach zehn Jahren habe ich mich dann entschlossen, auch evangelisch zu werden. Die Kinder haben immer mitgemacht, und so konnten sie Vieles miterleben. Wir haben den Glauben auch sehr in den Alltag getra­gen, so zum Beispiel auf Turnfesten. Dort waren Glücksbringer und Talismane die Regel. Wir haben den Kindern gezeigt, dass wir das nicht brauchen. Wir wollen unser Glück nicht an Gegenstände hängen. Wir haben Gott, auf den wir bauen kön­nen und der uns hilft. Und so hat Samuel schon als Sechs-Jähriger angefangen, vor den Sprüngen und Wettkämpfen zu beten, und sich einen kurzen Psalm zu sagen. Das sind die Wurzeln, die den jetzigen Glauben gegründet haben.

 

unser weg: Gab es Rituale in der Familie, die Ihnen besonders wichtig waren?

 

Marion Koch:

Es gibt Rituale, die haben wir auch noch gemacht, als die Kinder 18 Jahre alt waren. So gibt es das Lied „Diesen Tag, Herr, leg ich zurück in deine Hände, denn du gabst ihn mir“. Der Text ist uns sehr wichtig und dieses Lied – und auch andere – haben wir jeden Abend gesungen, egal ob wir daheim waren, im Urlaub, oder auf einer Freizeit. Wenn wir Freizeiten gelei­tet haben, wurde dieses Lied auch immer mit allen gesungen. Wir begleiten diese Freizeiten nun nicht mehr, aber die Lieder werden, wie wir gehört haben, dort immer noch gesungen. Das ist schön, so etwas zu hören.

 

unser weg: Sie und ihr Mann engagieren sich sehr in der Kirche. Waren Sie schon immer so im Gemeindeleben involviert oder ist es Ihnen über die Jahre wichtiger geworden?

 

Marion Koch:

Als wir noch keine Kinder hat­ten, haben wir in unserer Gemeinde einen Ehepaarkreis gegründet. Als junge Mutter habe ich eine Krabbelgruppe ins Leben gerufen. Während die Kinder nun krabbel­ten, gab es für die Mütter einen geistigen Impuls. Wir haben für uns als Ehepaar entdeckt, dass uns der Glaube wichtig ist

und wollten das auch weitergeben. Wobei es nicht in dem Sinne zu verstehen ist, dass man anderen etwas vorschreiben will. Für uns ist das so: Das, was uns Kraft gibt und Hilfe ist, das möchten wir gerne weiter­geben. Nach dem Motto: Wenn ihr Hilfe sucht, dann probiert es doch mal mit dem, was wir als Quelle haben.

 

unser weg: Wie ist es Ihnen gelungen, dass auch ihre Kinder sich im Glauben beheimatet wissen, ohne dabei zu viel Druck aufzubauen?

 

Marion Koch:

Es war uns sehr wichtig, dass wir die Kinder und uns nicht von allem fernge­halten haben. Auf Turnfesten zum Beispiel habe ich mich am Eröffnungsgottesdienst beteiligt, war aber nicht so vergeistigt, dass ich abends nicht mitgefeiert hätte. Mein Mann war und ist da ein großes Vorbild für mich. Er sagte immer, dass alle Kinder „1+“ sind, auch ohne Leistung, die sie erbringen müssen. Bei mir war es eher so, dass ich auch in der religiösen Erziehung immer wieder gehört habe, dass es wichtig ist, gut angezogen zu sein, sich gut zu benehmen, und so weiter. Mein Mann hat es geschafft, den Kindern zu vermitteln, dass sie geliebt sind auch ohne Leistung, ohne dass sie etwas tun müssen. Dieser Aspekt hat all unsere Kinder sehr geprägt. Auch wenn mal etwas nicht so läuft im Leben, darauf können sie immer bauen.

 

unser weg: Samuel selbst schreibt, dass ihm zwei Faktoren immer wieder helfen: Der Leistungssport und die Erziehung seiner Mutter.

 

Marion Koch:

Das hat er allerdings gar nicht so positiv gemeint. Meine Intention war immer, ihm zu vermitteln: Steh wieder auf! Samuel wäre sicherlich nicht der, der er heute ist, wenn er das nicht erlebt hätte. Aber ihm immer zu sagen: „Stell dich nicht so an, lass dich nicht so hängen“, auch wenn es früher oft geholfen hat, empfinde ich aus der heutigen Perspektive eher als negativ. Natürlich hilft eine antrainierte Disziplin, den inneren Schweinehund zu überwin­den. Vier bis fünf Mal die Woche Training, egal ob man Lust hat oder nicht, egal, ob draußen heiße Temperaturen sind, das ist nicht einfach. Aber so eine Einstellung übt vielleicht manchmal auch zu viel Druck aus und zeigt nicht immer Verständnis. Mein Mann ist da eher ein Feingeist, und trifft schneller den richtigen Ton. Er hat auch eine sehr starke Bindung zu Samuel.

 

unser weg: Ihr Ehemann war damals hautnah an Samuels Wette beteiligt, er steuerte einen der Wagen, die Samuel übersprungen hat. Viele Eltern hätten sicherlich alles unternommen, um ihrem Kind ein so risikoreiches Unterfangen auszureden. Sie aber haben ihn immer bei seinem Traum unterstützt. Das muss ein sehr tiefes Vertrauen in ihren Sohn voraussetzen.

 

Marion Koch:

Wir waren schon immer mordsmäßig stolz auf Samuel. Wir haben ihn tatsächlich immer als „1+“ empfun­den, als einen charmanten und liebevol­len Menschen von großer Zuverlässigkeit. Bereits als Kind hat er sich immer für andere eingesetzt. Das ist toll zu erleben. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich ihn immer in den Turnübungen beklatscht habe und ihm zujubelte, auch wenn seine Leistungen gar nicht so gut waren. Selbst wenn Samuels Sprünge eher einer Note Vier glichen, habe ich gegen den Kampfrichter geschimpft. Ich glaube, ich war bei den Richtern nicht sehr beliebt … Aber ich bin der festen Überzeugung, jeder Mensch muss eine Fürsprecherin, einen Fürsprecher haben, in seiner Kindheit und auch später. Jetzt kämpfe ich für meinen Sohn im Krankenhaus, bei den Ärzten, bei der Physiotherapie. Natürlich darf man sich irgendwann nicht mehr zu viel einmischen im Leben des Kindes, aber jeder braucht einen, der an ihn glaubt und für ihn eintritt!

 

unser weg: Fiel Ihnen der Spagat zwischen Sorge und Ermutigung nicht manchmal schwer?

 

Marion Koch:

Auch hier habe ich unglaub­lich viel von meinem Mann gelernt. Ich bin eher so erzogen worden: „Gib acht, dass Du nicht fällst“, und „siehst Du, ich hab´s Dir doch gesagt“. Von diesem Ansatz hat mich mein Mann abgeholt. Er hat die Kinder eher in den Arm genommen, wenn sie denn gefallen sind und sie ermutigt: „Na komm, steh auf und probiere es noch ein­mal!“ Das ist für mich der Schlüssel in der Erziehung: Lieben und Ermutigen!

 

unser weg: Der Stellenwert der Familie wird bei Ihnen immer wieder deutlich. Wie haben sie Ihren Alltag gestaltet, um Ihren Kindern den Wert des Zusammenhaltens mit auf den Weg zu geben?

 

Marion Koch:

Die Beziehung zwischen Samuel und seinem Vater war schon immer eine ganz besondere, das spürten auch die Geschwister. Aber es gab keine Eifersucht zwischen den Kindern, das war uns sehr wichtig. Wir haben immer versucht, allen die volle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, auch jetzt noch. Wir beten fürein­ander. Wenn zum Beispiel einer grade eine Prüfungssituation hat, dann ist das absolut

vorrangig. Da werden Ermutigungen und Gebetsaufrufe auch über unsere WhatsApp Familien-Gruppe geschickt. Das gemein­same Gebet füreinander ist wichtig! Die Kinder großsehen, alle Kinder!

Als unsere Kinder klein waren, habe ich sie lange gestillt. Wir hatten damals ein Familienbett, was vor allem nachts mit den häufigen Aufwachphasen der Kinder Vorteile hatte. Wir haben auf Vieles ver­zichtet, aber ich glaube, dass da auch die Wurzeln gelegt wurden für Zuverlässigkeit und Urvertrauen. Aufopferung füreinander ist wichtig, Gott hat uns zum Dienen beru­fen. Es gibt natürlich auch Menschen, die prangern das an, aber Viele beneiden uns um unseren Zusammenhalt, grade auch jetzt nach dem Unfall.

 

unser weg: Ein Schicksalsschlag trifft uns immer plötzlich und unvorbereitet. Wie sind Sie mit der Situation damals umgegangen?

 

Marion Koch:

Natürlich kamen da die Gedanken: Warum ist das passiert, wo habe ich mich schuldig gemacht? Gibt es irgendeine Sünde, die ich mit mir herumtrage?

Ich habe viel um Vergebung gebetet, damit ich überhaupt zu Gott für Samuel beten kann. Ich versuchte so zum Beispiel einen persönlichen Streit, der damals nicht berei­nigt war, beizulegen und habe die betref­fende Person um Verzeihung gebeten. Ich wollte alles bereinigen, was zwischen mir und Gott stand.

 

unser weg: Wie ging es der Familie mit Schuldgefühlen und Zweifel, wie gehen Sie gemeinsam damit um?

 

Marion Koch:

Es vergeht kein Tag, an dem mein Mann sich nicht die Frage nach der Schuld stellt. Der Unfall ist jetzt immerhin über fünf Jahre her, aber Vergebung ist nach wie vor ein zentrales Thema bei uns. Am letzten Weihnachtsfest gab es für uns einen Schlüsselmoment. Mein Mann verbrannte an diesem Weihnachtsabend Papiere sinn­bildlich für unsere Vergangenheit. Es war ein bewegender Moment für uns als Familie. Vieles hat sich in diesem Augenblick für uns verändert: der Umgang untereinander ist behutsamer und liebevoller geworden. Dem Thema Schuld wird kein Raum mehr gegeben, wir spüren das deutlich, auch in alltäglichen Begebenheiten. Vergebung ist so wichtig! Wir sehen jetzt auch, dass Gott uns gut ausgerüstet und die Kraft gegeben hat, mit der jetzigen Situation umzugehen. Ich bin ausgebildete Krankenschwester, so kann ich mich ganz anders um Samuel kümmern. Als Mutter von vier Kindern bin ich es gewohnt, dass Pläne über den Haufen geworfen werden und es oft keine Routine gibt. Mein Mann ist Manager und viel unterwegs. Das alles hilft nun sehr in der neuen Lebenssituation.

 

unser weg: Was hat Ihnen in dieser Zeit Kraft gegeben?

 

Marion Koch:

Wir haben als Ehepaar und auch in der Familie viel in der Bibel gele­sen. Immer und immer wieder, vor allem die Psalmen und das Buch Hiob. Tag und Nacht haben wir gebetet und Lieder aus dem Gesangbuch gesungen. Auch gemein­sam mit Freunden an Samuels Krankenbett. Damals haben uns Viele seltsam angeschaut und belächelt. Aber es gab immer Zeichen der Hoffnung! Am Samuels Geburtstag 2011 war so ein besonderer Moment. In der Losung für diesen Tag hieß es „… die Blinden werden sehen und die Lahmen gehen, die Aussätzigen werden rein und die Tauben hören, die Toten stehen auf und den Armen wird das Evangelium gepredigt“ (Matthäus 11). Diese „zufällige“ Bibelstelle war so lebendig an diesem Tag, dass wir überzeugt waren, dass es Samuel nun besser gehen wird. Die Hoffnung, dass ein Wunder geschieht, die rettete uns über die erste Zeit hinweg! Ich persönlich habe auch das Gespräch mit Menschen gesucht, die ähnliches durchgemacht haben wie ich, und dabei nicht den Glauben an Gott ver­loren haben, sondern geistig gefestigt aus der Situation herausgegangen sind.

 

unser weg: Wie geht es Ihnen mit dem Glauben an den guten Gott heute? Hat sich ihr Gottesbild gewandelt?

 

Marion Koch:

Der Glaube an einen guten Gott hat keine Zweifel bekommen! Ich würde sogar sagen, der Glaube wurde intensi­viert. Als Samuel im Krankenhaus lag, habe ich während der Autofahrten ein Hörbuch gehört. Darin ging es um einen Mann, der sich mit dem Verschwinden seines Kindes auseinandersetzen muss, und dabei Gott begegnet, der sich in seiner Dreifaltigkeit völlig anders zeigt, als man es sich denkt (Anm.: „Die Hütte: Ein Wochenende mit Gott“ von William Paul Young). Es ist natürlich nur eine Geschichte, aber ein Aspekt dieses Gottesbildes aus dem Buch hat sich bei mir festgesetzt: Gott ist ganz anders, als ich mir immer vorstelle! Dieser Gedanke hat mich wirklich befreit. Ich habe damals zu Samuel im Krankenhaus gesagt, dass er unbedingt dieses Buch hören muss. Wir haben oft darüber gesprochen, und es hat viel in uns bewirkt. Gott hat nichts an Liebe oder Güte verloren!

 

Zurzeit lernen wir viel von unseren Kindern. So zum Beispiel von unserer zweitgebore­nen Tochter Elisabeth, die uns klarmacht, dass wir als Ehepaar viel mehr die Vorzüge unserer Unterschiedlichkeit nutzen sollten. Oder etwa von Rebecca, die Theologie stu­diert, und uns „biblische Nachhilfe“ erteilt. Unser Sohn Jonathan stellt mir deutlich vor Augen, dass das Leben nicht nur aus Schaffen besteht. Überhaupt finde ich die Bereitschaft voneinander zu lernen, sich „umerziehen“ zu lassen und sein eigenes Verhalten zu reflektieren als sehr wichtig, um weiter (an Weisheit) zu wachsen.

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 2