DAS FREIHEITSSCHIFF


 

 

 

 

Erziehung zur Freiheit in der Familie

 

 

In den letzten Jahren hat man den Eindruck, dass wir auf einem „Narren-Schiff“ unter­wegs seien. „Tyrannenkinder“ hätten eine Meuterei angezettelt und das Ruder in die Hand genommen, so die Mahnung einiger Therapeuten. Dementsprechend raten sie verunsicherten Eltern zu mehr Disziplin. „Regeln und Struktur“ müssten klar vorgegeben werden, „Konsequenzen und Strafen“ seien strickt anzuwenden. Wo kämen wir sonst hin? Diese offensichtli­che Schwerpunktverlagerung findet sich auch in Erziehungs-Logbüchern wieder: im Sachwortverzeichnis sucht man vergebens nach dem Begriff „Freiheit“.

 

Hafen und Meer

Kinder brauchen in den ersten drei Lebensjahren einen sicheren Heimathafen, in dem sie sich geborgen fühlen. Der Hafen sollte durch vertraute Personen gestaltet werden – Vater und Mutter, Geschwister und Großeltern. Wenn Eltern ihr Kleinkind in eine Fremdherberge geben, weil sie beide auf einem Schiff geheuert haben, kann das Nachteile für das Kind haben. Probleme treten dann auf, wenn ein Kleinkind mehr als zehn Stunden pro Woche in einer Kindertageseinrichtung von schlechter Qualität ist. Besonders mies ergeht es einem fremd­betreuten Baby, dessen Mutter genervt ist, weil sie nach der Arbeit noch Zeit mit ihm verbringen soll. Darauf weisen die Psychologen Nancy Eisenberg und Robert Siegler hin.

 

Bis heute verbringen Mütter mehr Zeit im Heimathafen als Väter. Die meisten Mütter heuern aus familiären Gründen nur Teilzeit auf einem Schiff an. Es ist gut, wenn der Vater für seine heranwachsen­der Kinder wie ein Kapitän ist, der sie mitnimmt auf große Entdeckungsfahrt. Ein bisschen Kolumbus steckt in jedem Mann. Tatsächlich sind Väter risikofreudi­ger; sie lassen den Kindern mehr Freiheit, wenn sie ihre eigenen Erfahrungen auf dem Meer des Lebens machen wollen. Das ist für die Selbstwirksamkeit wichtig. Denn ein Kind muss tausendfache Erfahrungen damit machen, dass es etwas bewirken und verändern kann. Eine gute Ausbildung im Heimathafen ist die beste Voraussetzung dafür, dass ein Kind see­diensttauglich wird. Später kann es dann selbst zum Kapitän seines Lebens-Schiffes werden. Väter und Mütter nehmen bei der Ausbildung gleichwertige, aber unter­schiedliche Aufgaben wahr. Typischerweise sind Mütter eher für die Interaktionen an Bord, Väter eher für die Initiativen in Bezug auf die Arbeitsmaßnahmen zustän­dig. Wie Forschungen zeigen, sind diese Verhaltensbereitschaften biologisch veran­kert und werden durch gesellschaftliche Erwartungen noch verstärkt.

 

Sterne und Kompass

Werte sind wie leuchtende Fixpunkte am Firmament des Lebens. Werte-Sterne geben uns Halt, wenn wir mit dem Freiheits-Schiff in Sturm-Not geraten und weisen uns den Kurs ins gelobte Land, das „Leben in Fülle“ verheißt. Werte haben eine motivierende und eine steuernde Funktion. Sie beein­flussen den einzelnen Matrosen genauso wie die ganze Mannschaft. Früher gingen Eltern recht rau mit ihren Kindern um. Traditionelle Werte, wie Pflichtbewusst- sein und Gottvertrauen, wurden den Kindern quasi mit dem Holzhammer einge­bläut. Heute brauchen wir in der Ausbildung künftiger Schiffsführer Kapitäne, die von der Kommandobrücke herunter- steigen und mithelfen, die Bootsblanken zu schrubben.

 

Die Pädagogin Dorothea M. Schlickmann spricht vom „freiheitlich-dialogischen Erziehungsstil“, den Eltern lernen sollten. Weil das Gehirn der Kinder und Jugendlichen nicht auf Bücher, son­dern auf Menschen vorprogrammiert ist, braucht es Eltern, die vorleben, was sie den Kindern an Werten beibringen wollen. Ein Kind ist von klein auf darauf spezia­lisiert, Gesichtsausdrücke richtig zu lesen. Innerhalb eines Sekundenbruchteils scannt ein Junge im Face-to-Face-Kontakt seinen Vater. Dabei reagiert seine Amygdala im Gehirn auf die wahrgenommene Glaubwürdigkeit seines Vaters. So hat der Bub intuitiv das Gefühl, sein Papa ist entweder ein Haudegen vom alten Schlag, der von der Brücke herunter seine Befehle gibt, während er seine Pfeife schmaucht. Oder er ist ein gutes Vorbild, weil er tatkräftig mit anpackt beim Segelhissen.

 

Respekt und Vertrauen

Pater Josef Kentenich, ein erfahrener Seebär in Sachen Freiheits-Erziehung, betonte zeitlebens, man müsse im Matrosen schon den künftigen Kapitän sehen. Dementsprechend müsste man ihn von Kindesbeinen an auch als solchen behandeln. So bildete er seine Schüler mit Respekt aus, und gab jedem von ihnen einen großen Vertrauensvorschuss. Der 1968 verstor­bene „Admiral der Freiheits-Pädagogik“ würde sich freuen, wenn er heute den Hirnforscher Gerhard Roth treffen könnte. Der liegt –- zumindest in diesem Punkt – ganz auf seiner Linie. Roth vertritt die Ansicht, es sei „unabdingbar, dass die Förderung der Persönlichkeitsbildung“ in viel stärkerem Maße als bisher statt­finden müsste. Ihr komme „eine minde­stens ebenso große Bedeutung zu wie der Wissensvermittlung.“

 

Josef Kentenich war sich bewusst: Wir sind nicht auf einem Kreuzfahrt-Schiff unterwegs, auch wenn es manchmal den Anschein hat, weil die moderne Seefahrt viel Wert auf äußere Freiheiten legt. Er begeisterte seine Schüler mit der Rede von der inneren Freiheit, die jede starke Persönlichkeit anstreben solle. Kentenich lehrte sie den Umgang mit dem Kompass der Selbst-Erziehung. Der vor­bildliche Ausbilder bedauerte die modernen Galeeren-Sklaven, die einfach nur stumpf­sinnig an ihren Riemen ziehen. Auf dem Freiheits-Schiff, so sagte er einmal, hätten nur „freie Ruderer“ Platz. Diese sollten sich üben in Gottvertrauen. Auf die Frage, wie man dieses trainieren könne, hatte er eine einfache Antwort: Gehen lernt man durch gehen, Gottvertrauen durch Spurensuche. Er meinte damit die Suche nach dem „Gott des Lebens“. Der wohnt seiner Meinung nach in jeder Matrosen-Seele. Auch fühlte Josef Kentenich die liebende Nähe Gottes selber mehr als einmal, zumal er mehrfach in Seenot geraten war. Die Angst vorm Klabautermann hatten seine besten Schüler bei dem gottgläubigen Kapitän fast gänzlich verloren.

Gott sei Dank!

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 2