VON DER FREUDE DER LIEBE



 

 

 

 

AMORIS LAETITIA (AL) – ERSTE EINDRÜCKE

 

Mit Spannung wurde das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus über die Liebe in der Familie erwartet. Der Papst veröffentlicht am 8. April 2016 ein umfangreiches pastorales Schreiben – und bringt Bewegung in die Kirche. Ein Paradigmenwechsel in der Seelsorge findet damit statt, so meinen manche Kommentatoren, eine Verlagerung der Aktzentsetzung vom Gesetz zum Ideal, von der Vorschrift zur Pädagogik. Rosa Maria und Josef Wieland schreiben über ihre ersten Eindrücke.

 

 

Ehrlich

Wir haben das Schreiben „Amoris Laetitia – Freude der Liebe“ von Papst Franziskus bei weitem noch nicht ganz gelesen. In der Version als Buch vom Herder Verlag umfasst es mehr als 270 Seiten in 325 Abschnitten. Und obwohl es in einer verständlichen Sprache geschrieben ist, ist es dennoch keine leichte Kost. So haben wir zunächst die ersten Seiten und danach vieles quer gelesen, und sind dabei immer wieder an interessanten Stellen hängen geblieben. Unser Eindruck ist also subjektiv.

 

AL ist ein ehrliches Werk – man spürt es heraus, wie der Heilige Vater auf die Menschen hört, ihre Freuden und Nöte zur Kenntnis nimmt, und auch die gesell­schaftliche Situation der Familie kennt mit ihren Gefährdungen, ihren Stärken und Schwächen. Franziskus ist ganz gewiss ein genauer Beobachter, er hört zu, nennt Dinge beim Namen und kehrt nichts unter den Tisch. Selten wurde ein päpstliches Schreiben mit so viel Interesse erwartet und selten hat es ein Schreiben geschafft, auch außerhalb der Kirche und der theologischen und pastoralen Spezialisten zur Kenntnis genommen zu werden. Freilich, mit sehr unterschiedlichen Echos.

 

Interessensperspektive Werte

AL folgt einem pädagogischen Ansatz, nämlich an der Wertempfänglichkeit, bei den Sehnsüchten und Hoffnungen der Menschen anzuknüpfen, und ihnen die Schönheit und die Größe der Liebe im Zusammenhang mit Ehe und Familie zu erschließen, und von da zur Wahrheit vor­zustoßen. Die Perspektive hat sich gewan­delt: Während es in früheren Zeiten genügt haben mag, eine Wahrheit zu benennen und damit die gesamte Wertwelt von Ehe und Familie mitklingen zu lassen, so ist das heute oft nicht mehr der Fall. „Es geht nicht allein darum, Normen vorzulegen, sondern

 

Werte anzubieten und damit auf eine Sehnsucht nach Werten zu antworten.“ Die Lehre über die Wahrheit ist für die meisten Menschen nicht mehr verständ­lich, nicht mehr der primäre Schlüssel, sondern die Frage, wie sie Zugang zur Wahrheit finden können. Werte wie Liebe, Treue, Freundschaft, Familie und Haltungen wie Nachsicht, Großzügigkeit, Verlässlichkeit stehen hoch im Kurs. Ähnlich hat Josef Kentenich 1912 in der Revolution im Studienheim (in Schönstatt, Vallendar) nicht die vielen Gebote und Verbote auf-gehoben, sondern sich der Interessenperspektive der Jungen angepasst: „Wir wollen lernen, uns selbst erziehen zu festen, freien, priesterlichen Charakteren.“ So erschließt auch Papst Franziskus einen Zugang für viele Menschen zum echten Wesen der Ehe. Auch wenn manche an den traditionellen und fortschrittlichen Rändern der Kirche meinen, das Schreiben weiche von der traditionellen Lehre der Kirche ab: Dies ist eben nicht der Fall.

 

Ermutigend

Papst Franziskus fordert heraus. Einerseits brauchen die Menschen eine „barmherzige und ermutigende Zuwendung“, anderer­seits fordert er „einen erzieherischen Weg, einen Prozess, der Verzicht einschließt … Die Erziehung des Gefühlslebens und der Triebe ist notwendig, und dafür ist es manchmal unerlässlich, sich einige Grenzen zu setzen.“

„Das ist nicht nur ein äußeres Handeln, sondern entspringt einer inneren Haltung“, sagt AL. Auch Pater Kentenich sieht einen Wandel im Moralprinzip, nämlich „weg von einer Kollektion von Vorschriften, von Übungen – mitten hinein in die Welt der Grundeinstellungen, der Grundhaltungen.“ (J. Kentenich)

 

Man spürt, Franziskus möchte auf der gan­zen Linie Mut mache und Freude an der Ehe wecken. Die in der Ehepastoral Tätigen sollen ermutigen und begleiten, wie über­haupt die Begleitung von Ehepaaren ein Kernanliegen der Ehepastoral sein soll. Den Schönstättern legte er eine Pastoral der Hilfe durch Begleitung ans Herz: Aber „auf Tuchfühlung, Körper an Körper“ (24.10.2014), nicht von oben herab. Ein amerikanisches Ehepaar berichtet auf sei­ner Webseite, wie geschockt es war, als Paare, die es bei der Ehevorbereitung begleitet hatte, sich nach kurzer Zeit scheiden ließen ohne sie um Hilfe oder Rat zu fragen. Sie haben nun ein neues Konzept entwickelt, das die Begleitung auch nach der Hochzeit einschließt.

 

Wie viele Verletzungen gibt es im Leben. Wir dürfen mit der Hilfe Gottes („Gnade“) rechnen, denn das Ehesakrament ist dazu bestimmt, „die Liebe der Gatten zu ver­vollkommnen“. Auch Pater Kentenich lädt uns ein, das Ideal zu verkünden („Sorge für die Hochschätzung des Ideals in klas­sischer Reinheit“) und zu leben („Sorge, dass das Ideal auch im praktischen Leben verkörpert wird.“) Ein gelungener Griff nach oben und ein Griff nach unten, beides verbindend.

 

Praktisch

AL enthält viele praktische Hinweise für ein geglücktes Ehe- und Familienleben. Ein eigenes Kapitel ist der fruchtbaren Liebe gewidmet, dem Zusammenleben in der Familie in verschiedenen Lebensetappen von der Schwangerschaft bis zum alt werden. Im Kapitel über die Liebe in der Ehe wird – in Anlehnung an den Korintherbrief – ein ganzer Katalog kleiner Tugenden aufge­zählt und illustriert. Das Verb „lieben“ hat im Hebräischen den Sinn „Gutes tun.“ Dazu ein paar Stichworte: Liebenswürdigkeit, die freundliche Sprache Jesu zu lernen, im richtigen Moment schweigen können. Die Ehe- gatten sollen gut voneinander sprechen, die guten Seiten des Partners herausstellen, schweigen, um seinem Bild nicht zu schädigen (113). Und noch ein schöner Hin- weis: AL lädt die Paare und die Familienmitglieder ein, einander anzuschauen, in den Blick zu nehmen (128): „Was tun nicht alles Eheleute und Kinder manchmal, um angesehen und berücksichtigt zu werden.“ Im Abschnitt 137 gibt es eine Anleitung wie ein Paargespräch gelingen kann. Und Franziskus wiederholt auch die bekannten drei Worte, die in einer Familie immer gebraucht werden sollen: „darf ich?“, „danke“ und „entschuldige“ (133).

 

Gemeinsam lesen

Ein Ehepaar hat den Vorschlag gemacht, das Buch als Ehepaar gemeinsam zu lesen, jeden Tag einen Abschnitt, und sich danach darüber auszutauschen. Bei 325 Abschnitten wäre das ein Jahresprogramm. Besonders empfehlen möchten wir das 4. und 5. Kapitel über die Liebe in der Ehe und über die fruchtbare Liebe. Sie sind sehr inspirierend, wecken Freude am Ideal und an der Schönheit der Ehe und enthalten eine Fülle von praktischen Anregungen!

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 2