WENN KINDER DEN KONTAKT ABBRECHEN


„ICH MACH‘ MEIN EIG‘NES DING. ADIEU!“



 

 

 

 

Es gibt Lebenssituationen, in denen Vertrauen bis zum Äußersten gefragt ist. Eine solche Situation ist es, wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen.

 

Thomas H. (57), verheiratet, fünf Kinder, holt sein Handy hervor und zeigt mir, dass ihn sein auswärts wohnender Sohn (21) auf „WhatsApp“ blockiert hat. Der junge Mann hat zu allen Familienmitgliedern den Kontakt abgebrochen – und das liegt nun schon ein Jahr zurück.

 

Monika W. (53), verheiratet, zwei Töchter, hat durch eine Familienfeier „zwei Kinder verloren“, wie sie sagt. Wegen einer Kleinigkeit kam es im Umfeld des Festes zu einem Missverständnis. Die erwachsenen Töchter mieden fortan jeglichen Kontakt. Seit einem halben Jahr herrscht Funkstille.

 

Schuld- und Schamgefühle

Kinder, die den Kontakt abbrechen, verhalten sich so, als ob Eltern und Geschwister nicht mehr existent wären. Alles scheint aus und vorbei. Wirklich? Wäre Mark, der 21-jährige Sohn von Herrn H., bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen, könnte die Familie trauern. Aber so ist da eine Wunde im Herzen, die nicht heilen will. Gestern hat Mark womöglich eine wichtige Prüfung geschafft, aber sein Vater kann sich nicht mitfreuen. Heute hat der Filius vielleicht einen Unfall, aber seine Mutter hat keine Gelegenheit, ihn zu trösten. Die Eltern bleiben außen vor. „Ihr seid für mich gestorben. Ich mach‘ ab jetzt mein eig´nes Ding. Adieu!“, mailte Mark seinem Vater zwei Monate nach Beginn der Auszeit.

 

Das vorläufige oder dauerhafte Ende kommt für viele Eltern aus heiterem Himmel. Tatsächlich ist die Ruhe vor dem Bruch manchmal trügerisch. Und die Zeit danach wird von Schamgefühlen bestimmt: „Ich habe mit meinen Freundinnen nicht darüber gesprochen. Was werden die sonst von uns denken?“, berichtet Frau W. Die verlassene Mutter sitzt auf einer Trauer-Wut-Wippe fest: An manchen Tagen kommen ihr die Tränen, dann gibt es Momente, wo sie so sauer auf ihre Töchter ist, dass sie einen bösen Brief schreiben will.

 

Äußeres Verhalten und verborgene Motive

Die Situation in Familien, in denen ein Kind den Kontakt abbricht, gleicht einer vegetationsarmen Böschung. Schon immer wuchsen auf dem Hang weniger Bäume als auf der Nachbarwiese. Über viele Jahre nagten Wind und Wetter am Erdreich. Die Erosion entwickelte sich schleichend. Dann – eine kleine Erschütterung genügt – rutschte der Hang plötzlich ab. Der gefährdete Hang symbolisiert das Kind. Spätestens ab der Pubertät gibt es Probleme mit dem Kind.

 

Wind und Wetter stellen die Art der Kommunikation in der Familie dar. Das Familienklima wird bestimmt durch die Werte, welche die Eltern den Kindern vorleben und vermitteln. Wie gehen die Eltern miteinander um? Wie reagieren die Eltern auf Stress und Streitigkeiten?

 

Mark hatte schon als Junge ein ungestümes Temperament. Als Jugendlicher sprach er nach einer Auseinandersetzung mit einem Kameraden einige Monate lang nicht mehr mit diesem. Ein erstes Warnzeichen? Es gab in der Familie schwierige Situationen, aber die Probleme waren nie sehr ausgeprägt und andauernd. Dann kam der Tag X. Ein kleiner Streit mit seiner Schwester brachte das Fass zum Überlaufen – und Mark ging. Kleiner Auslöser – große Wirkung.

In einer Mail teilte Mark mit, er sei in seiner Familie mit seinen Bedürfnissen zu wenig gesehen worden. Er sei eingeengt worden. Von seinem Vater hätte er mehr Respekt erwartet. So ist es oft. Die Kinder, die ausziehen, um Eltern das Fürchten zu lehren, beklagen ein Zuviel oder ein Zuwenig.

 

Vom Selbstmitleid zum Selbstmitgefühl

Verlassene Eltern verfallen leicht in Selbstmitleid. Sie machen sich selber Vorwürfe und grübeln darüber nach, was sie falsch gemacht haben könnten. Im Modus „Selbst-Mitleid“ ist jedoch das neuronale Bedrohungs-System im Kopf stärker aktiviert als das Bindungs-System. Man fühlt sich schuldig und beschämt. Ein alternativer Weg besteht darin, das eigene Leid und das verletzt reagierende Kind Gott

hinzuhalten. Ja, es ist möglich, so etwas wie Selbstmitgefühl zu entwickeln. „Selbst-Mitgefühl“ bedeutet, ich distanziere mich innerlich vom Leid, schaffe innere Distanz zu dem negativen Ereignis. Wenn mir das gelingt, leuchtet das Mitgefühl-Netzwerk im Gehirn heller auf als das Stress verarbeitende Netzwerk.

 

Mitfühlende Eltern entwickeln Vertrauen, dass am Ende alles gut werden kann, ganz gleich, wann dieses sein wird. Und sie sind offen für die Vergebung. Sie machen ihre Herzenstür auf für die Barmherzigkeit: Diese strömen sie aus (Mitgefühl mit dem Kind) und lassen sie rein (Selbst-Mitgefühl). Eine gute Möglichkeit, Barmherzigkeit in diesem doppelten Sinn zu kultivieren, ist die tägliche Übung der „Liebevolle Güte“-Meditation (Anleitung dazu: „unser weg“ 1/2016, S. 5). Praktische Tipps für verlassene Eltern finden Sie in dieser Ausgabe in dem Beitrag „Was verlassene Eltern tun können“.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 3