IM TUNNEL


 

 

Eine Wanderung durch einen Tunnel schenkt neue Einsichten ins Leben voll Vertrauen.

 

 

Im September 2001 war ich ein paar Tage wandern in Bad Gastein. Auf einer Tour hatte ich mir schon nasse Füße geholt, denn der frisch gefallene Schnee war am Abtauen. Bei einer kurzen Rast konnte ich beobachten, wie weit unter mir ein offener Jeep in einen Tunnel fuhr. Nach einer Stunde stand ich selber vor der Tunnelöffnung und las zu meinem gro­ßen Frust: Betreten verboten! Lebensgefahr durch Steinschlag. Tatsächlich hatten die Wegweiser für den offiziellen Wanderweg eine andere Richtung angegeben, was aber bestimmt auch noch mal einen Umweg von drei Kilometern bedeutet hätte. Der Tunnel war offensichtlich vor Jahren für den Bau der oberhalb gelegenen Talsperre gebaut worden. Die Tunnelsohle war asphaltiert, aber die Tunneldecke war nicht noch mal mit Beton stabilisiert worden, sondern man sah das nackte Gestein, wie es nach dem Bohren und Sprengen geblieben war. Aber wenn vorher die offensichtlich ortskundi­gen Profis mit dem Jeep durch den Tunnel gefahren waren, dann konnte die Gefahr wohl nicht so akut sein. Also stufte ich die­ses Schild eher als versicherungsrechtliche Maßnahme ein und ging in den Tunnel.

 

Zaghaft

Anfangs hatte ich noch ein wenig Licht aus dem Eingangsbereich. Aber da der Tunnel bogenförmig verlief, konnte ich das Ende nicht sehen, und es wurde richtig finster. Weder der Eingang noch der Ausgang waren zu sehen. Zaghaft tastete ich mit meinen Wanderstöcken den Boden ab, um nicht mit dem Kopf vor die scharfkantige Wand zu tappen. Sollte ich nicht doch lie­ber umkehren? Aber das würde bedeuten, mit nassen Füßen noch eine Stunde länger zu wandern. Mit der Zeit bekam ich ein Gespür für die Breite der Tunnelsohle; und so lange ich bergab ging, musste es ja rich­tig sein. Wie erleichtert war ich, als ich nach endlos scheinenden Minuten endlich das stecknadelkopfgroße Licht des Ausgangs sah. Nun konnte ich wieder mein normales Wandertempo aufnehmen. Geschockt war ich, als ich kurz vor dem Ausgang sah, dass er mit einem Gittertor verschlossen war. Aber das Gitter war zum Glück nur drei Meter hoch und darüber war noch genü­gend Luft, um darüber zu klettern. Als ich auf der anderen Seite des verschlossenen Gittertors wieder festen Boden unter den Füßen hatte und im Tal Bad Gastein vor mir liegen sah, war ich erleichtert.

 

Durchwandern

Auf dem restlichen Heimweg erinnerte ich mich an Situationen in meinem Leben, die diesem Tunnel glichen. Da war die Versuchung groß gewesen, einfach sich niederzukauern und irgendwie aufzugeben. Zum Glück habe ich in solchen Momenten immer wieder einen lieben Menschen gehabt, der mir – bildlich gespro­chen – einen sanften Tritt in den Allerwertesten gegeben hat, damit ich weitergehen konnte. Von denjenigen, die mit metho­dischem Zweckoptimismus mich zum Weitergehen „ermutigen“ wollten, fühlte ich mich nicht verstanden und genügend ernst genommen. Sie machten mich eher wütend, als dass sie mir tatsächlich hel­fen konnten. Es waren Menschen, die mir glaubwürdig vermitteln konnten, dass sie

ähnliche Erfahrungen von Dunkelheit und Ausweglosigkeit selber durchlitten und durchstanden – besser: durchwandert – hatten, die mich ermutigen konnten. Als ich dann 1992 nach Österreich kam, lernte ich ein Lied kennen, das der Theologe Hans Waltersdorfer 1985 getextet und komponiert hatte, als er sich auf seine ewigen Gelübde vorbereitet hatte. In der zweiten Strophe heißt es:

 

Doch der Weg wird manchmal auch ein Stück durch die Wüste führ‘n,

und dann hab‘ ich Angst davor, blind mich nur im Kreis zu dreh‘n.

Dann bitt‘ ich dich, o Gott, um Kraft zum Weitergeh‘n,

dann bitt‘ ich dich, o Gott, um Kraft zum Gehen.

 

Und im Refrain heißt es:

 

Voll Vertrauen gehe ich den Weg mit dir, mein Gott,

getragen von dem Traum, der Leben heißt.

Am Ende dieses Weges bist du selber dann das Ziel,

du, der du das Leben bist.

 

Verzweifelt

Nun bin ich noch nie durch die Wüste gegangen; aber dass man sich im Gewirr der Sanddünen leicht verirren kann, davon habe ich oft genug gelesen. Mir fiel auch noch eine andere Situation ein: In der Autobiographie „Vergib mir Natascha“ schreibt Sergei Kourdakov (*1951 in der Sowjetunion) wie er 1971 als Funkoffizier auf dem sowjetischen Schiff „Elagin“ in der Nähe der kanadischen Küste unterwegs ist. Am 3. September springt Sergei Kourdakov  ins Meer und versucht mit größter Anstrengung, Land zu erreichen. Trotz Kompass an seinem Handgelenk muss er nach langer Schwimmstrecke feststellen, dass er im Kreis geschwommen ist und die Schatten seines Schiffes wieder im Nebel vor ihm auftau­chen. In seiner Verzweiflung wendet er sich in Gebeten an Gott, mit dessen Hilfe er schließlich die Küste Kanadas erreicht, nach fünf Stunden im eisigen, stürmischen Ozean.

 

Vertrauend

Vor solchen dramatischen Herausforderungen sind wir sicher verschont geblieben. Aber dass unser Vertrauen nur dann trai­niert werden kann, wenn wir keine eigene Sicherheit mehr haben, das leuchtet wohl jedem ein, der sich selbst ehrlich beobachtet. Als Jugendlicher konnte ich nicht verste­hen, wenn Pater Kentenich davon spricht, dass wir ein „Wunder des Vertrauens“ wer­den sollen. Entweder man vertraut oder man vertraut nicht. Erst nach so manchen eigenen Grenzerfahrungen und Einblicken, die ich in der Seelsorge bekomme, wird mir die Tragweite dieser Formulierung be-wusst. Einem Menschen, der einen schon zigmal enttäuscht hat, wieder eine Chance einzuräumen, oder selbst einen Vorsatz zu fassen, nachdem man durch tausendmalige Wiederholung „perfekt“ in seinem Fehl-verhalten ist, um doch eine Verhaltensänderung zu erreichen – dazu gehört Mut. Hermann Hesse formulierte es prägnant: „Man muss immer wieder das Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu erreichen.“ Auch wenn der Nomade Hesse und der verwurzelte Kentenich in vielen Punkten gegensätzlicher Meinung sind, in der Selb-ständigkeit des Denkens, in der Betonung der Originalität des Einzelnen und im Be-schreiten von neuen Wegen waren die beiden Zeitgenossen doch wesensverwandt. Pater Kentenich nannte die Vertrauenspädagogik einen Schwerpunkt der typischen Schönstatt-Pädagogik. Und im Vertrauen auf Gott hat er in seinem Leben viel gewagt. Immer wie­der bitte ich ihn: Sollte es mal wieder dunkel in meinem Leben werden, möge er mir die Kraft zum Weitergehen erbitten.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 3