DAS LETZTE KIND TRÄGT FELL



 

 

Mit Abschluss der Familienplanung wird man als Paar vor neue Herausforderungen gestellt, und die Weichen für die Beziehung müssen neu gesetzt werden. Weiterhin gemeinsam fruchtbar zu bleiben und das Vertrauen in Gottes Führung und Fügung zu bewahren, ist dabei nicht immer einfach.

 

 

An einem Sonntagabend im letzten Sommer trafen wir zufällig ein befreundetes Ehepaar wieder, das wir lange nicht mehr gesehen hatten. Nach einer überschwäng­lichen Begrüßung fiel uns auf, dass neben den beiden Kindern nun ein neues Fa-milienmitglied mit im Bunde war: Eine schwarze, ausgesprochen hübsche Hundedame beschnupperte uns freudig und wedelte aufgeregt mit dem Schwanz. Auf unsere Überraschung hin meinte unser Bekannter mit einem Schmunzeln: „Ihr wisst doch, das letzte Kind trägt Fell!“ Wir lachten herzhaft, doch dieser Satz bewegt uns seitdem und ist zu einem „geflügelten Wort“ geworden.

 

Radikaler Einschnitt

Wann ist der richtige Zeitpunkt für das „letzte Kind“ gekommen? Diese Frage wird momentan von allen möglichen Seiten an uns herangetragen. Wir erleben, dass viele in unserem Bekanntenkreis sich sehr schnell zu einer Sterilisation entschließen. Vor einigen Jahren noch bangte eines dieser Paare, ob es überhaupt Kinder bekommen könne, und informierte sich sogar über Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung. Dieser Wechsel von einen Extrem zum anderen erscheint uns so para­dox und macht uns auch traurig. Ein anderer befreundeter Familienvater hielt unsere Tochter kurz nach ihrer Geburt in seinen Armen und konnte den Blick nicht mehr von ihr wenden. Er erzählte und damals mit Bedauern und einem tiefen Seufzer, dass er sich vor wenigen Monaten habe sterilisieren lassen. Die Phase des Nestbaus sei vorbei. Nun sei es an der Zeit, dass er und seine Frau wieder an ihr eigenes Leben denken. Auch wenn wir diesen radikalen Schritt einer Sterilisation für uns nicht nachvollziehen können, so zeigt er doch, dass mit Abschluss der Familienplanung die Eltern als Paar – bewusst oder unbewusst – in eine neue Phase der Beziehung übertreten.

 

Behutsames Wachstum befriedigt

Wir spüren ganz deutlich, dass wir als Geschöpfe Gottes eine tiefe Sehnsucht in uns tragen, Leben weiterzugeben. Es ist ein Grundbedürfnis, fruchtbar zu sein – nicht nur im biologischen Sinn, sondern in Hinblick auf das gesamte Tun und Wirken. Es schenkt eine tiefe Befriedigung, jeman­den zu umsorgen, wachsen zu lassen und mit allem dafür Wichtigen zu versorgen. Wir fragen uns, wie es den Paaren damit gehen wird, wenn einer früher als der ande­re seiner biologischen Fruchtbarkeit ein Ende setzt? Wird sich in der Paarbeziehung etwas ändern? Verliert auch die Sinnlichkeit ihren Zauber, oder können die Partner ihre Fruchtbarkeit gemeinsam auf ein größeres Ziel ausrichten?

 

Lebenskrise

Unser Freund stellte sich dann tatsächlich die Frage nach dem Sinn seiner Ehe – nun, da die Kinder aus „den Krabbelschuhen raus waren“ und er und seine Frau zusam­men nun auch biologisch kein Leben mehr weitergeben können. Noch bis vor kurzem hätten sie versucht, sich gemeinsam immer wieder aufs Neue mit einer verantwor­tungsvollen Familienplanung auseinander­zusetzen. Jetzt war der Entschluss besiegelt: Sie waren nicht mehr offen für ein weite­res Kind. Die Sexualität habe sich verän­dert, berichtete er, und eine ganz andere Dimension angenommen. Es gehe oft nur um die körperliche Befriedigung und somit den Akt an sich. Die Spannung, ob man schwanger geworden ist, die Möglichkeit, dass aus den Zärtlichkeiten etwas Größeres entstehen könnte, war nun weg. Auch brauchten die beiden keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen, dass sie wegen der fruchtbaren Tage nicht miteinander schla­fen wollten, sie mussten jetzt nicht mehr warten.

Unvorbereitet stürzten ihn diese Gedanken in eine tiefe Krise, die zu einer zwischen­zeitlichen Beziehung mit einer deutlich jüngeren Frau führte. Seine Ehefrau auf der anderen Seite jedoch sehnte sich nach Anerkennung und Respekt, was Sie durch Ihren Mann so nicht bekam. Sie entdeckte ihre künstlerischen Talente wieder, und lebte diese mit viel Engagement außerhalb der Familie und ohne große Einbeziehung ihres Partners aus. Diese Entfremdung führte schlussendlich zur Trennung.

 

Fruchtbarkeit als Grundbedürfnis

Die tiefverwurzelte Sehnsucht, Leben weiterzugeben, kann ein großer Motor in unserem Leben sein, und die Zeit der Wiederfindung als Paar eine riesige Chance. Nur weil wir nicht mehr gemeinsam bio­logisches Leben weitergeben, dürfen wir nicht vergessen, weiterhin gemeinsam fruchtbar zu bleiben. Da helfen Fragen wie: Was lebt in uns und begeistert uns? Wovon zehren wir? Wo können wir Leben entzünden und weitergeben, was stärken und wachsen lassen? Achtsam zu sein und uns gegenseitig nicht aus den Augen zu verlieren, ist eine große Herausforderung in diesem Lebensabschnitt. Wir möchten die Erziehung der Kinder nicht über den Partner stellen. In diesem Sinne ist es unser Ziel, dass die Karriere nicht über alles geht. Zwar ist die Arbeitsstelle sehr wohl ein Ort unserer Berufung, darf uns aber nicht aufzehren. In unserer Beziehung versuchen wir bewusst zu lernen, auch einmal „Nein“ zu sagen – zum Wohle unserer Ehe und Familie.

 

Wir hoffen, dass wir so gestärkt in diese neue Phase der Partnerschaft übergehen können. Und dann trägt das letzte Kind vielleicht wirklich Fell und wird zu unserem gemeinsamen Hobby – oder der Verein, das ehrenamtliche Engagement etc. werden zur gemeinsamen neuen Aufgabe und lassen uns miteinander wachsen.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 3