SEI FREUNDLICH ZU DIR SELBST


 

 

 

 

Achtsamkeit als Weg zum Leben in Fülle.

 

„Arbeiten Sie auch zu viel?“, so titelt in diesen Tagen die Münchner Abendzeitung. Sie berichtet aus einer großen Studie, dass sich immer mehr Menschen überlastet fühlten und dass dies deutliche gesundheitliche Auswirkungen habe. So lese ich, dass jährlichen Krankenkassenberichten zu-folge 90 Prozent aller ärztlichen Interventionen mit stressbedingten gesundheitlichen Problemen zu tun haben. Und der Blick in unser Umfeld, in unsere Familien beweist es: Fast jeder klagt über Stress, Müdigkeit, ein zu volles Leben und die Diagnosen Burnout und Depression nehmen zu. Und ich muss da ehrlicherweise gar nicht so weit schauen, auch ich kenne das Gefühl gut, dass mir alles zu viel ist.

 

Ständige Anspannung

Dabei kann Stress sehr vielfältig sein. Es ist nicht nur die zeitliche Überlastung in Beruf und Familie, die vielen Termine. Wir sprechen auch von Freizeitstress oder Beziehungsstress. Und der Stress der Vorweihnachtszeit ist ja hinlänglich bekannt. Mit Karl Valentin gesprochen: „Ist die staade Zeit vorbei, wird es auch wieder ruhiger …“ Doch Termine lassen sich absagen, Pausen bewusst einlegen. Was mir viel mühsamer erscheint, ist der Stress, der durch Erwartungen, Ängste oder dauernde Sorgen entsteht. Manche Menschen stehen permanent unter Anspannung, weil sie Angst haben zu versagen. Andere müssen sich ständig um Anerkennung bemühen, weil sie tief in sich glauben, nicht gesehen zu werden oder nicht liebenswert zu sein. Wieder andere verwenden sehr viel Energie darauf, dass niemand dahinter kommt, dass es ihnen grade nicht so gut geht. Auch um die Zukunft – um die eigene oder die der Kinder – kann man sich beständig im Sorgenkarussell drehen. Jeder kann da seine eigenen Themen dazu legen, wenn wir mit uns ehrlich sind …

 

Unsere Körperreaktionen

Unsere Einstellungen, Gedanken und Gefühle beeinflussen unseren Organismus und damit unsere Befindlichkeit. Das haben wir alle schon oft erfahren. Wenn ich mir beispielsweise vorstelle, dass mein Mann, wenn er abends später von der Arbeit heim kommt, vielleicht einen Unfall hatte und jetzt gleich die Polizei an der Türe klingeln wird, geschieht in meinem Hirn annähernd das gleiche, als wenn es

tatsächlich geschehen würde. Mein Organismus kommt in Stress. Das kann ich an meinen Körperreaktionen erkennen. Und wenn ich andererseits zum Beispiel annehme, dass mein Kind, das in einer schwierigen Entwicklungsphase steckt, das schon gut meistern wird, werde ich innerlich ruhiger und kann diese Sicherheit auch meinem Kind weitergeben.

 

Religiöse Traditionen

In allen Religionen gibt es Traditionen, die diese Vorgänge zu nutzen wissen. Sie basierten auf den Erfahrungen zum Beispiel der Wüstenväter und nicht auf der heutigen Hirnforschung. Indem ich meine Gedanken auf ein Bild, eine Kerze, meinen Atem lenke, konzentriere ich mich auf den gegenwärtigen Moment und verhindere, mich im Vergangenen zu verlieren oder mich um Zukünftiges ängstlich zu sorgen. Das eine ist vorbei, das andere noch nicht da. Wirklich existent ist nur der gegenwärtige Augenblick. Das ist der Weg der Achtsamkeit, der vor allem im Buddhismus sehr ausgeprägt gelehrt wird. Doch auch im Christentum gibt es diese Traditionen. Als Studentin habe ich in einem Benediktinerkloster das Herzensgebet gelernt:

„Herr Jesus Christus (beim Einatmen), er-barme Dich unser (beim Ausatmen).“
Diesen Satz habe ich immer und immer wieder verbunden mit meinem Atem gebetet, nicht nur in der Stille, sondern auch gerade in der Aktivität. Irgendwann hat es „in mir gebetet“ und mich ganz in den gegenwärtigen Moment und vor Gott gebracht.

 

Mit Gott leben

Es geht mir so viel besser, wenn ich mich innerlich mit Gott verbinde, als wenn ich mich im Gedankenkarussell um mich selbst und meine kleine Welt drehe. Gott sieht das Ganze. Und ich frage mich, warum ich nicht mehr Achtsamkeit für diese gegenwärtigen Momente meines Lebens habe. Da erkenne ich ein Defizit und könnte mir wieder etwas vornehmen im Sinne von: Ab heute will ich achtsamer sein und jeden Moment meines Lebens Gott hinhalten! Doch das greift zu kurz, denn dann habe ich schon wieder den Gedanken, dass es so, wie es heute ist, nicht gut genug ist.

 

Da gefällt mir die Textzeile eines Liedes von Leonard Cohen: „Vergiss deine perfekte Darbietung, in allem ist ein Riss, das ist die Stelle, durch die das Licht hereinkommt.“ Gott liebt uns Menschen und will uns ganz sicher nicht unter Druck setzen. Doch er lädt uns jeden Moment ein, zu ihm zu kommen. Und so achte ich immer wieder auf meinen Atem, und so gehe ich immer wieder mal bewusst langsam und stelle mir vor, wie er auf mich schaut. Manchmal gelingt mir so der achtsame, warmherzige Blick auf mein Leben, manch-mal nicht. Beides gehört Gott. Vielleicht wächst so ein Leben voller gottgeschenkter Augenblicke, ein Leben in Fülle.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4