LAND DER TRÄUME, LAND DER RUHE



 

 

 

 

Nie war es in einer Gesellschaft leichter, seine Träume zu verfolgen. Selbstverwirklichung gilt heute als erste Voraussetzung für ein gelungenes Leben. Daraus können Zwänge entstehen, die den achtsamen Blick auf uns selbst verhindern. Bleibt die Frage: Was macht diese vermeintliche „Freiheit“, unsere Wünsche an die oberste Stelle zu setzen, mit uns und unseren Beziehungen und worum geht es uns wirklich?

 

 

Wenn ich darüber nachdenke, wem in meinem Bekanntenkreis es gelungen ist, im Rahmen der Paarbeziehung einen großen Traum zu verwirklichen, dann fallen mir zuerst jene Menschen ein, deren Partnerschaft genau daran zerbrochen zu sein scheint. Die Reise durch die Sahara oder die Sanierung des alten Bauernhauses auf dem Land ist ohne den Anderen plötzlich realistisch geworden. Nach der Trennung leben längst aufgegebene Träume wieder auf. Liegt es daran, dass meine Bekannten vorher den falschen Partner hatten, der sie behindert und geknebelt hat? Oder hat sich in ihnen selbst etwas verändert, dass sie plötzlich frei sind, sich selbst etwas zu gönnen, für dessen Verzicht sie vorher möglicherweise den Partner verantwortlich gemacht haben – ob bewusst oder unbewusst? Eine Einschätzung gelingt mir nicht und steht mir auch nicht zu. Ich kenne auch das andere Extrem, eine Freundin, die seit Jahren samstags und sonntags alleine mit ihren Kindern frühstückt, weil ihr Mann für den nächsten New-York-Marathon trainiert. Ist ihr Mann zu Hause, geht sie in ihr gemietetes Atelier zum Malen und träumt dabei von einer großen Ausstellung. Ich erwische mich bei der Frage, wie viel Gemeinsamkeit den beiden noch bleibt.

 

Träume und Selbstfindung

Wo ist also die goldene Mitte zwischen Selbstverwirklichung und Traumerfüllung einerseits und Pflichterfüllung und Selbst-hingabe andererseits? Von allen Seiten wird uns eingeredet, dass wir nur glücklich sein können, wenn wir unsere Träume leben, wenn wir endlich etwas tun, etwas erreichen, was uns einzigartig und besonders macht. Ob die Saharareise oder das alte Bauernhaus wirklich glücklicher machen, sei dahingestellt. Aber fest steht, dass sie eine Lebens- und vor allem Selbsterfahrung mit sich bringen, die das Gefühl hinterlässt, intensiver gelebt, sich selbst besser kennengelernt zu haben. Wenn ich genau hinschaue, stelle ich fest: Es geht bei all meinen Träumen tatsächlich darum, dass ich mehr zu mir selbst finden möchte. Die konkreten Vorstellungen, die ich dabei habe, sind Bilder, die das spiegeln, was ich bin und sein möchte oder in Wahrheit zu sein glaube. Diese Bilder sind Wegweiser in meinem Leben, die ich niemals missen und aufgeben möchte: Sie sind mir so kostbar wie das Gesicht eines lieben Menschen.

 

Ich könnte noch lange darüber nachdenken und dabei auf eine Unmenge an psychologischen Ratgebern zurückgreifen, aber ein Wort aus der Bibel bringt mich ohne Umschweife auf eine verheißungsvolle Spur, der ich Schritt für Schritt folgen will. In den Sprüchen des Salomo heißt es: „Wie sich im Wasser das Angesicht spiegelt, so ein Mensch im Herzen des andern.“

 

Träume bringen Bewegung

Ein faszinierendes und berührendes Bild: die Wasserpfütze, in der ich mich selbst spiegele. Ist die Oberfläche des Wassers ruhig, erkenne ich mich ganz deutlich. Nichts bewegt sich, ich kann mich gelassen betrachten, jedes Detail meines Gesichts neu entdecken. Sobald aber ein Blatt auf mein Spiegelbild fällt oder eine Mücke darüber tanzt, löst es sich in Kreise auf, die unaufhörlich nach außen ziehen. Wie das Spiegelbild meines Wesens, das unablässig in Träume, Vorstellungen und Wünsche zerfließt, die mich nach außen, vorwärts und zum Tun drängen. Meine Träume zu verfolgen, das hält mein Leben in Bewegung. Aber komme ich überhaupt an mein Ziel, oder drohe ich mich selbst dauernd zu verlieren und aufzulösen wie ein zerfließendes Spiegelbild?

 

Pater Kentenich war dieses Thema vertraut, der Zusammenhang zwischen innerem Drängen und Lebensträumen: „Die Unruhe unseres Herzens und alle Träume unseres Lebens sind letztlich Paradiesesträume. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, das heißt nach der vollendeten Umformung und Verklärung und Vergöttlichung unseres eigenen Wesens, der ganzen menschlichen Gesellschaft und der Welt, will uns nicht zur Ruhe kommen lassen.“

 

Gelassen mit Träumen umgehen

Ich begreife, dass ich also hier in dieser Welt nicht wirklich an das Ziel meiner Träume gelangen kann, dass meine Wünsche aber dennoch von einer tieferen Sehnsucht zeugen, die sich eines Tages erfüllen wird. Den sich stetig ausbreitenden Kreisen meiner Träume kann ich also eigentlich gelassen hinterherschauen, und kann wieder zur Ruhe kommen. Was ich von meinen Wünschen umsetzen kann, ohne andere Menschen, die mir lieb sind und für die ich Verantwortung trage, zu sehr zu verletzen, das gehe ich an und belebe damit meinen und den Alltag meiner Familie. Anderes, was mich und mein Umfeld einen zu hohen Preis kostet, lasse ich getrost ziehen. Die Entscheidung liegt letztlich bei mir allein. Meine Träume sind ja nicht ferne oder von außen gesteckte Ziele, sondern ein Ausdruck meiner Seele. Ich muss sie aber nicht zwingend verwirklichen, um mich selbst zu finden. Ein aufmerksamer Blick auf mein Spiegelbild bringt mich vielleicht manchmal weiter. Was aber, wenn mir das vor lauter Unruhe nicht oder nicht mehr gelingt? Wie gut wäre es da, gäbe es einen stillen Ort, an dem ich bewahrt werde, einen Ort, an dem nicht zählt, was ich tue, sondern was ich bin. An dieser Stelle bringt die Bibel den Menschen ins Spiel, der mein „Gesicht“ ruhig und unbeirrt in seinem Herzen trägt, auch wenn die Wasseroberfläche meines Lebens aufgewühlt ist. Den Menschen, der mich kennt und liebt und etwas in mir sieht, was ich selbst nicht (mehr) wahrnehmen kann.

 

Zur Ruhe finden

Die christlichen Liedermacher Andrea und Albert Frey umschreiben dieses „Ins-Herz- Geschlossen-Sein“ mit dem schönen Begriff „Land der Ruhe“. In dem gleichnamigen Lied heißt es: „In deiner Gegenwart kommt mein Herz zur Ruhe. In deiner Gegenwart erfahr‘ ich neuen Sinn. In deiner Gegenwart zählt nicht mehr, was ich tue. In deiner Gegenwart gilt nur noch, was ich bin. Ich bin dein, du bist mein. Ich in dir, du in mir. Und du sprichst zu mir die Worte, die so gut tun: Willkommen im Land der Ruhe.“ Und am Schluss: „In deiner Gegenwart beginnt die Ewigkeit.“

 

Große Worte, die sicher nicht viele Menschen für sich beanspruchen würden, die aber dennoch ein Echo erzeugen: Dass es letztlich diese ungestörte Nähe ist, von der ich träume – zu mir selbst, zu Gott, zu anderen Menschen. Und dass dieser eigentliche große Traum immer wahrer wird, je mehr meine vielen kleinen und größeren Träume die Macht verlieren, mich in Unruhe zu versetzen.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4