AUGENBLICKE


 

 

 

 

„Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben“, heißt es in einem bekannten Sprichwort. Achtsamkeit kann uns den Weg weisen, diese Lebendigkeit in uns selbst zu finden.

 

 

Der Befund kam überraschend. „Mit Ihren Blutwerten ist etwas nicht Ordnung“, sagte der Arzt. Es ist Nacht. Ich liege wach. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Angst. Angst, eine möglicherweise tödliche Krankheit zu haben. Angst vor dem Tod. Meinen 40. Geburtstag verbringe ich im radiologischen Institut.

 

Es sind diese Augenblicke, in denen wir völlig zurückgeworfen werden auf uns selbst. In denen wir uns ganz und gar spüren. Unser Da-Sein, all das in uns, was Leben will. Es ist schon paradox: Einen Großteil der Zeit laufen wir dem Leben hinterher oder gar davon. Die Gedanken kreisen um Erinnerungen oder die Zukunft. Verrichtungen, die sich tagtäglich wiederholen, bewältigen wir weitestgehend im Auto-Pilot. So oft verpassen wir den Augenblick, verlieren den Kontakt mit uns selbst. Doch alles, was wir wirklich besitzen, was wir wirklich spüren und gestalten können, ist dieser Augenblick.

 

Gedanken und Gefühle sind keine absoluten Wahrheiten

Die Aufgabenstellung ist denkbar einfach. Sitzen, nichts tun, außer die volle Aufmerksamkeit auf den Atem zu richten. Eine Woche Achtsamkeitsübungen im Schweigen. Doch mein Geist und Körper benehmen sich wie ein wildes Tier, das in einen Käfig gesperrt wurde. Ein Gedanke jagt den nächsten. Meine rechte Schulter schmerzt. Ich werde Zeuge, wie mein Verstand daraus ein Drama inszeniert: Woher kommt der Schmerz? Was ist, wenn er nicht mehr weg geht? Warum tue ich mir das hier überhaupt an? Oh nein! Jetzt beginnt auch noch meine Nase zu kribbeln. Jetzt bloß nicht niesen, bloß nicht, bloß nicht … Komisch, der Schmerz in meiner Schulter ist verschwunden. Allmählich beruhigt sich mein Geist. Ich spüre meinen Atem. Er wird ruhiger. Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Ich gebe ihnen einen Namen: Arbeit, Schmerz, Dumpfheit. Dadurch fühlen sie sich ertappt und setzen sich nicht endlos fort. Die Anspannung weicht aus meinem Körper, schmilzt wie Eis, das zu Wasser wird ... etwas in mir lässt los, wird klar, hört auf, irgendetwas zu wollen oder zu sollen ... Momente tiefen Glücks und Verbundeinseins … meine rechte Schulter beginnt wieder zu schmerzen …

 

Wenn wir beginnen, achtsam wahrzunehmen, lernen wir, wie all unsere Erfahrungen von Unbeständigkeit geprägt sind. Was wir eben gedacht oder gefühlt haben, ist im nächsten Moment oder später womöglich ganz anders. Gedanken und Gefühle sind keine absoluten Wahrheiten. Trotz dieser Erkenntnis können wir sie nicht aufhalten. Doch wenn wir sie nicht wegschieben, nicht zum Drama erheben, sondern versuchen, sie in unserem Gewahrsein zu halten, verlieren sie ihre Macht und wir können mehr im Frieden mit ihnen sein. Wir finden Wege, mit ihnen umzugehen. Auf diese Weise lernen wir uns selbst immer besser kennen und verstehen, unsere Art die Welt und uns selbst zu sehen, unsere Art zu reagieren. Wir erkennen allmählich, dass wir die Dinge nicht so sehen wie SIE wirklich sind, sondern wie WIR sind, ganz so, als würden wir durch eine getönte Brille auf die Wirklichkeit blicken.

 

Reiz und Reaktion

Wut! Ich bin wütend. Es ist ein flaues Gefühl im Magen, meine Kiefermuskeln sind angespannt mein Herz schlägt wild. Ich unterrichte Meditationstraining in der JVA. Alles ist so gut gelaufen, bevor der schwierige Teilnehmer in die Gruppe kam. Wenn ich jetzt etwas sage, wird es verletzend sein. Ich belasse es bei ein paar allgemeinen Ermahnungen. Beim nächsten Mal das Gleiche. Doch ich hatte mittlerweile Zeit mich vorzubereiten. Am Ende der Stunde stelle ich ihn zur Rede und frage, wie er sich selbst in der Gruppe erlebt. Ich teile ihm auch mit, wie ich ihn erlebe. Dabei schwingen Emotionen mit, doch es gelingt mir, sachlich zu bleiben. Beim nächsten Mal kommt es fast zur Rangelei zwischen ihm und einem anderen Teilnehmer, der sich durch sein Verhalten provoziert fühlt. Mir wird bewusst, dass ich die Sicherheit der ganzen Gruppe gefährde, wenn ich noch länger warte. Ich schließe den Teilnehmer aus der Gruppe aus.

 

Manche Menschen, die Achtsamkeit praktizieren, denken, dass sie deswegen über den Dingen stehen und basteln sich einen Heiligenschein, den sie öffentlich zur Schau stellen. Achtsamkeit hingegen bedeutet nicht aufhören zu handeln, sondern einen Raum zu schaffen, in dem wir unsere Handlungsweise frei wählen können. Wenn wir es schaffen, mehr Achtsamkeit in unsere Handlungen zu bringen, gelingt es uns öfters, das Richtige zur richtigen Zeit zu tun. Auch wenn wir weiterhin unsere Ziele mit Kraft und Entschlossenheit verfolgen, behalten wir immer uns selbst und das Leben, das sich in jeden Moment von Neuem entfaltet, im Blick. Wir hören auf, alles und jeden kontrollieren zu wollen, rennen nicht weiter stur geradeaus, wenn das Leben schon längst um die Ecke gebogen ist.

 

Das Geschenk des Augenblicks

Ich habe Glück gehabt. Die Untersuchung damals hat ergeben, dass ich an keiner schweren Krankheit leide. Doch seither weiß ich: Mein Leben spielt auf dünnem Eis. Jeder Moment ist ein Geschenk. Es ist an mir es auszupacken oder es ungeöffnet liegen zu lassen. Wenn dies mein letzter Tag wäre, wie würde ich ihn leben? Wenn es die letzte Mahlzeit wäre, wie würde ich sie genießen? Wenn es mein letzter Atemzug wäre, wie würde ich ihn atmen?

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4