ICH FLIEGE MIT ZERRISSENEN FLÜGELN


 

 

 

 

Die Geschichte eines Jungen macht deutlich, dass besondere Menschen uns mit Besonderem beschenken können.

 

 

 

 

Während einer Fortbildung in München Anfang dieses Jahres lag neben der Fachliteratur auch ein besonderes Buch aus, das mich irgendwie faszinierte. Ich habe es gekauft und gleich auf dem Heimweg im Zug gelesen. Das Buch „Ich fliege mit zerrissenen Flügeln“ von Raphael Müller ist beeindruckend; gleichzeitig hat es mich nachdenklich gemacht. „Sieben Jahre wie im Nebel, abgegrenzt und unverstanden von der Umwelt; doch gleichzeitig von Gottes Liebe umgeben und umsorgt. Wie eine Insel mitten im Ozean. Eingebettet wie in Watte, abgespalten von der Masse; verstehend, ohne verstanden zu werden. So empfand ich meine Welt“, schreibt ein 14-Jähriger. Ich frage mich, wie viele besondere Menschen unverstanden leben müssen, weil sie anders sind, weil man ihre Fähigkeiten nicht ent­deckt durch Ignoranz oder Überforderung der Familien.

 

Außergewöhnlich

Raphael nennt sich selbst einen postmodernen Chillosophen. Er ist Autist, Epileptiker, Rollstuhlfahrer, Sprachvirtuose, Buchstabentänzer, Schubladenverweigerer, Sinnsucher, Wortakrobat – und ganz weich auf der Herz- haut. Aufgrund seines Äußeren dachte man lange, dass er auch geistig behindert ist. Dabei hat er eine außergewöhnliche Wahrnehmungsgabe, die den meisten von uns verborgen ist. Sein Gedächtnis ist fotogra­fisch. Er konnte längst rechnen und schrei­ben, bevor man es wahrnahm. Er kommu­nizierte mit Delfinen und Pferden. Raphael wächst geborgen heran, seine Familie beglei­tet ihn intensiv und liebt ihn.

 

Der rettende Anker ist sein Glaube. Jesus ist neben seiner Familie die einzige Konstante in seinem Leben; Jesus war schon immer präsent für ihn, und er ist sicher, dass nur Gott die alles überblickende Perspektive hat und dass alles einen Sinn hat – auch Leid und Schmerz.

 

Groß und frei

Durch das gestützte Schreiben bekam er end­lich die Möglichkeit, sich seiner Umgebung mitzuteilen. Das lehrt uns, unseren Blick zu weiten. Raphael möchte einfach dabei sein, in der Schule, in der Kirche, in der Gesellschaft. Er setzt sich für die Inklusion ein, schreibt Poesie, Gedichte, Briefe an Politiker, Journalisten: „Dieses enge Tor, das finde ich! Diese schmale Brücke zwischen euch und mir, zwischen dem Himmel und Erde hier!“ Raphael denkt über die Kraft der Gedanken, über die Sheldrake‘schen Felder nach. Es ist so wichtig, was wir denken und unsere Gedanken mit guten Dingen, Filmen, Gesprächen pflegen.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4