REISE IN EIN ANDERES LAND …


 

 

 

 

Kinder zeigen uns die ganze Welt –
wenn wir uns darauf einlassen …

 

 

Vor einiger Zeit berührte mich der Text einer Mutter, die ein Kind mit einer Behinderung geboren hatte. Sie beschrieb, dass das Leben mit einem behinderten Kind einer Reise gleiche, die man plane, zum Beispiel nach Italien. Und so freue man sich auf die warme Sonne, den schönen Strand, das leckere Essen und die guten Gerüche. Man tausche sich mit anderen Italienreisenden aus, die schon dort waren und von den freundlichen Italienern und den wunderbaren Sonnenuntergängen berichteten. Mit dieser Vorfreude steige man ins Flugzeug – und komme in Holland an. Das ist zuerst eine schreckliche Enttäuschung. Mit der Zeit stelle man dann fest, dass Holland auch ein schönes Land sei mit vielen Sehenswürdigkeiten und Besonderheiten. Auch hier könne man wunderbar Urlaub machen! Nur – sie habe eben nie nach Holland gewollt!

 

Buntes Leben

Unsere Kinder sind gesund und haben keine Behinderung im wörtlichen Sinne. Und trotzdem habe ich gemerkt, dass die­ser Text auch etwas mit mir zu tun hat. Denn jedes Kind ist verschieden und nimmt uns mit in irgendein anderes Land. Das eine Kind ist eher melancholisch und dabei hoch musikalisch. Ein anderes tut sich mit dem Lernen sehr schwer und leidet an den Anforderungen der Schule. Das dritte ist eher langsam, bedächtig, hat aber einen hohen Sensus für die Stimmungen anderer Menschen. Wieder ein anderes ist sprung­haft, spontan, voller Ideen aber mit wenig Durchhaltevermögen und schnell frustriert.

 

Wenn ich in die Familien im Freundeskreis und in der Großfamilie schaue, finde ich ein buntes Bild unterschiedlichster Kinder. Und ich nehme ebenso wahr – bei mir und bei anderen Eltern – dass wir damit alle immer wieder an unsere Grenzen kommen. An die Grenzen der eigenen Vorstellungen und Erwartungen. Wir wünschen uns, dass es unseren Kindern gut geht, dass sie im Leben glücklich werden. Und wir glauben zu wissen, wie das gehen kann. Und vermutlich geht das so, bis wir ins hohe Alter kommen.

 

Hin zur Quelle

Doch selten geht die Reise so, wie sich das die Eltern wünschen und vorstellen. In einem Bericht las ich von einer Mutter, die für ihre hyperaktive Tochter sehr schweren Herzens und nach vielen inneren und äuße­ren Kämpfen ihren Beruf stark einschränkte, damit sie zuhause den notwendigen struk­turierenden Rahmen schaffen konnte. Das Kind war in der öffentlichen Betreuung ein­fach permanent überfordert. Zum eigenen Ausgleich beschäftigte sie sich wieder mit einem alten Hobby, der Fotographie. Dies entwickelte sie so weiter, dass sie ihre Bilder veröffentlichen und Ausstellungen machen konnte. Hier entdeckte sie eine Quelle gro­ßer Zufriedenheit und Erfüllung für sich. Sie sagt heute, dass sie sich das so nie ausgesucht hätte und trotzdem ihrer Tochter sehr dank­bar ist. Diese Frau ist in das „andere Land“ nicht freiwillig gereist, war aber bereit, sich dort umzusehen und es zu entdecken und zu lieben.

 

Neugierig

Vielleicht ist das der Fehler, dass wir uns am Anfang ein Ziel ausmalen und erwarten, dass die Reise auch dorthin geht? Weiß ich denn, in welchem „Land“ Gott mein Kind – und mich – braucht? Wenn ich mich in eine staunende Haltung begebe fällt es mir viel leichter, zu schauen, wohin das Kind unter­wegs ist. Und es dorthin auch zu begleiten. So hab ich mir vor einiger Zeit ein kleines Morgengebet aufgeschrieben: Gott, mach mich frei von meinen Vorstellungen für diesen Tag und schenke mir die Neugierde auf deine Idee von meinem Leben. Und ich setze in Gedanken dazu: … und das unserer Kinder.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4