TRAUTES HEIM, GLÜCK ALLEIN?


 

 

 

 

Verlassen vom Partner und Weihnachten allein, während andere Familien die schönste Zeit im Jahr miteinander genießen? Für Singles ist der Alltag ein harter Alleingang, aber Weihnachten ist die größte Herausforderung.

Wie kann es trotzdem gelingen, dass sich Ehepaare und Singles einander öffnen und beschenken können?

 

 

„Du hast es ja gut. Bei Euch gibt es solche Probleme nicht.“ Bei diesem Satz meiner Freundin überkommen mich fast Schuldgefühle, als hätte ich die weibliche Solidarität zwischen uns aufgekündigt und sie im Stich gelassen. Wir sitzen zu dritt an einem Tisch im Restaurant, genießen unse­re Gemeinschaft und reden über Gott und die Welt. „Das kann dir auch passieren“, meint meine andere Freundin zu mir. „Nein“, widerspricht die erste. „Ihr nicht.“ Fast empfinde ich etwas wie Stolz, aber es schiebt sich ein anderes Gefühl dazwischen: Große Dankbarkeit für das Geschenk einer Ehe, in der sich beide Partner aufeinander verlassen können und keine Angst haben müssen, verlassen zu werden. Meine bei­den Freundinnen haben nämlich genau das durchgemacht: Ihr Mann hatte plötz­lich eine Andere und ging. Ein jahrelan­ger schmerzhafter Prozess der Trennung und des Loslassens folgte, nicht nur des Partners, sondern auch vieler Wünsche und Vorstellungen vom Leben. Ein Leid, das diese Frauen tragen müssen, obwohl sie gewiss nicht weniger als ich an ihrer Ehe gearbeitet und an sie geglaubt haben.

 

Alles allein schaffen müssen

„Bei mir ist auch nicht alles so einfach“, versuche ich, den Graben zwischen uns zu überspringen. „Ja, aber Dein Mann würde Dich nie verlassen.“ Das bringt mich zum Schweigen. So schwierig der Alltag auch ist – sie haben recht: Ich weiß, dass mein Mann heimkommt, wir uns austauschen und gemeinsam planen, dass wir alles zusammen durchstehen, sei es der Hausbau, die Probleme mit den Kindern oder Krankheiten. Gemeinsam sind wir stark, so stark, dass ich schon nicht mehr weiß, wie es sich anfühlt, alles allein schaffen zu müssen. Meine Freundinnen erzählen, wie mühsam es ist, immer jeman­den im Bekanntenkreis bit­ten zu müssen, wenn man die schweren Blumenkübel nicht allein in den Keller tragen kann oder mit dem neuen Handy nicht zurecht kommt.

 

Wenn ich daran denke, wie mein Mann und ich uns den ganzen Tag fast auto­matisch ergänzen und durch unsere verschiedenen Begabungen so vieles ab-decken, dann tun sie mir wirklich leid. Ganz zu schweigen davon, wie schön es ist, dass wir beide zusammen sind.

 

Eine Kraft, die nicht aus uns selber kommt

Seit der Trennung können wir ganz anders miteinander reden. Ich spüre eine Verletzlichkeit bei meinen Freundinnen, die es erlaubt, dass wir uns tiefer begegnen. Gleichzeitig aber auch eine gewisse Verhärtung, die mich traurig macht. „Ich will nie wieder abhängig sein von einem Mann. Auch meinen Kindern sage ich, dass sie nur so viele Kinder kriegen sollen, dass sie trotzdem immer im Beruf bleiben kön­nen.“ Beide Freundinnen waren jahrelang zu Hause und haben die Kinder großge­zogen. Jetzt haben sie Probleme, über die Runden zu kommen – an ihre Rente wollen sie lieber gar nicht denken und müssen es doch. Ich höre zu, versetze mich aber nur ungern in ihre Lage. Zu bedrohlich.

 

Über meinen Glauben spreche ich gegen­über Menschen, die damit wenig anfangen können, nur sehr verhalten. Aber ich ver­suche, ihn durchscheinen zu lassen, damit andere wissen, aus welcher Motivation heraus ich handle und was mich hält, wenn es schwer wird im Leben. Deshalb ist meinen beiden Freundinnen auch bewusst, dass es in unserer Ehe eine Kraft gibt, die wir nicht aus uns selber schöpfen. Dass wir keine tollen Menschen sind mit super Körpern und grenzenlosem Charme, keine Kommunikationstechniken beherrschen und auch nicht endlos großzügig mitein­ander sind. Es ist und bleibt schlichtweg ein Geschenk, dass wir beide bis hierher zusammengeblieben sind. Und weil wir uns sicher miteinander fühlen, ist es uns ein Anliegen geworden, Menschen zwischen uns zu lassen, ganz besonders solche Menschen wie meine beiden Freundinnen.

 

Mutig aufeinander zugehen

„Du glaubst es nicht, wie viele Freundschaften plötzlich wegfallen, wenn man nur noch alleine ist. Die ganzen Paare und Familien, mit denen man sich vorher getroffen hat, wollen nichts mehr mit einem machen.“ Die Freundin, die erst vor einem Jahr verlassen wurde, muss nun mit an-schauen, wie sich manche dieser vermeintlichen Freunde jetzt mit ihrem Mann und dessen neuer Partnerin treffen, wie sich die Welt plötzlich in zwei Klassen teilt: In unglückliche Singles auf der einen und glückliche Paare und Familien auf der anderen Seite.

 

Dafür bewundere ich die Freundin, die schon ein paar Jahre länger getrennt ist. Immer wieder ist sie auf uns zugegangen und hat gemeinsame Unternehmungen vorgeschlagen. Mit drei Erwachsenen und vier Kindern sind wir dann losgezogen, haben Burgen und Museen besichtigt oder sind gewandert und gemütlich irgend­wo eingekehrt. Das waren wunderschöne Erlebnisse, die jeder von uns genossen hat, auch mein Mann. Wir wollten zwar bewusst unsere Familie und unsere Ehe für meine Freundin öffnen, aber sie war es, die Mut und Selbstwertgefühl genug hatte, als „gebrandmarkter“ Single nach unserer Gesellschaft zu fragen und sie anzuneh­men. Mir ist dabei klar geworden, wie wichtig es ist, als nach außen glücklich wir­kende Familie keinen Nimbus der Unantastbarkeit zu entwickeln, als dürfe man unser Glück nicht stören. Im Gegenteil – eine Familie oder Ehe, die nur sich selbst genügt, wirkt auf mich eher abstoßend.

 

Weihnachten neu erleben

Deshalb war es gut, dass wir mit meiner Freundin und ihren Kindern zusammen Weihnachten gefeiert haben, ein paar Jahre lang, bis sie einen neuen Partner hatte. Weihnachten war für sie ein mit Angst besetztes Thema. „Wo werde ich an Weihnachten sein?“ ist wohl für viele Menschen gleichbedeutend mit der Frage: „Wo stehe ich im Leben?“ oder: „Wer ist meine Heimat, mein Zuhause, meine Familie?“ Die Antwort darauf kann sehr schmerzlich sein, wenn der Partner einen verlassen hat, vermeintliche Freunde sich abkehren und man es auch nicht fertig bringt, bei den eigenen Eltern wieder in die längst abgelegte Kinderrolle zu schlüpfen.

 

Unsere geliebten Weihnachtsrituale teilweise aufzugeben und eine gemeinsame Form finden zu müssen, ist uns nicht leicht gefallen. Auch das Bedürfnis, nach dem ganzen Stress der Vorweihnachtszeit keine Verpflichtungen mehr zu haben, war meist so groß, dass wir manchmal kurz vorher fast abgesagt hätten. Aber es war jedes Mal ein sehr schönes Fest. Irgendwie hat es sich mehr nach dem angefühlt, was Weih-nachten neben trautem Heim mit Christbaum und Gänsebraten vor allem sein soll: Geschenkte Barmherzigkeit Gottes, die uns alle zu Geschwistern macht.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4