WIR BAUEN EIN DREI-GENERATIONEN-HAUS



 

 

Mehrere Generationen unter einem Dach. Ein Wohn- und Lebensmodell, das Generationen hindurch lebensnotwendig war. Heute sind die Beweggründe andere: Mehr Lebensqualität für Alle. Eine Familie berichtet von ihrer inneren und äußeren „Baustelle“.

 

 

In ihrer Kindheit hat meine Frau auf dem Bauernhof noch das Leben in der Großfamilie erlebt. Dieses in vergangenen Jahrhunderten gängige Modell barg natürlich Potenzial für Spannungen: Lässt die ältere Generation Neuerungen zu? Harmonieren Schwiegermutter und Schwiegertochter? Wie viel Intimsphäre bleibt für das einzelne Paar?

 

Alltägliche Probleme

Verglichen mit der Gesellschaft gehört man heute mit drei Kindern bereits zu den Großfamilien. Für uns ist das Leben in so einer Mama-Papa-Kinder-Familie eigent­lich das Normale. Doch wer kennt sie nicht, die ganz alltäglichen Situationen und Problemchen, die dieses Modell mit sich bringt: Papa und die Große sind zum Mittagessen nicht da, lohnt es sich für Mama und den mittleren Sohn überhaupt zu kochen, das Baby isst eh nicht viel? Abends haben wir einen Termin, zum Glück wohnen Opa und Oma nicht weit und kommen als Babysitter vorbei. Am Tag drauf kommt prompt die Revanche: Opas Computer hat ein Problem, also auf dem Rückweg vom Geschäft schnell vorbeige­fahren.

Im Sommer verbrachten wir drei Tage bei einer alten Tante am Fuße der schwäbi­schen Alb. Seit dem Tod ihres Mannes vor fünf Jahren ist sie total alleine. In der freien Dachwohnung ihres viel zu großen Hauses konnten wir ein paar schöne Urlaubstage verleben und sie selbst freute sich über die Abwechslung. Alles schon 1000mal gehört und selbst erlebt. Für Mama alleine daheim wird es bisweilen sehr stressig.

 

Gleichzeitig kommt auf die Großelterngeneration irgendwann die Frage von Einsamkeit und Bedürftigkeit zu. Vielleicht bewahrt eine Aufgabe und das Gefühl gebraucht zu wer­den manchen älteren Menschen vor allzu schneller Vergreisung.

 

Zum Nutzen für alle

Spätestens seit der Geburt unseres jüngsten Sohnes platzt unser Reihenhaus aus allen Nähten. Ein „Upgrade“ in der Top-Wohnlage von Karlsruhe ist für Normalverdiener kaum zu stemmen. Einen Kilometer weiter woh­nen meine Eltern mit ihren 80 Jahren zu zweit in einem ansehnlichen alten Haus mit Garten. Trotz ihrer Vitalität und weitreichendem Engagement muss man sich auch damit aus­einandersetzen, wie das in künftigen Jahren aussehen wird. Die Antwort auf diese Fragen liegt nahe: Ein Drei-Generationen-Haus.

 

Großeltern, Eltern und Kinder leben unter einem Dach. Eine „win-win“-Situation für alle. Oma kann mal schnell nach dem Kleinen schauen, während der Mittlere vom Kindergarten abgeholt wird. Bei gege­benem Anlass kann Mama oder Oma auch mal für alle zusammen kochen. Wenn die alte Generation auf Hilfe angewiesen ist, erhöhen keine lästigen Anfahrtswege den Aufwand.

 

Äußere und innere Baustellen

Nach reiflicher Überlegung gefiel dieser Plan allen Beteiligten. Die Bauarbeiten haben bereits begonnen und die Großeltern leben nun in einer Baustelle. Und so staubig, laut und anstrengend diese äußere Baustelle auch ist, wir dürfen nicht übersehen: Es gibt auch noch eine innere Baustelle: Viele haben uns vor den Problemen gewarnt, die eine solche Konstellation mit sich bringen könnte. Mein Onkel zitierte gerne den Spruch: Das junge Paar muss so weit von den Eltern weg wohnen, dass man wenig­stens den Hut und die Schuhe anziehen muss, um hinzukommen. Es muss also eine klare Trennung der Haushalte geben, sodass man einen gewissen Aufwand treiben muss, um zum anderen zu kommen, nur so kann jeder seinen Stil finden und leben.

 

Nähe und Distanz

Nun haben wir zwei große Vorteile: Erstens hatten wir in zehn Ehejahren Zeit, unsere eigene Familie aufzubauen. Zweitens sind sowohl wir, als auch meine Eltern durch die Schönstatt-Familienarbeit geschult, an der eigenen Persönlichkeit zu arbeiten und immer wieder das eigene Leben innerhalb der Familie zu reflektieren. Daher wissen wir auch, dass es mit guten Wünschen nicht getan ist, sondern dass es gilt, eine Struktur zu schaffen, Absprachen zu treffen und Regeln aufzustellen.

 

Für uns ist wichtig:

 

Himmlische Bauherrin

Die Koordination der materiellen Baustelle übersteigt oft unsere Kapazitäten. Wir haben sie an Gott und die Gottesmutter abgegeben, und die haben ihren Job bisher gut gemacht. Ich denke zum Beispiel an die falsch berechnete Fensteröffnung. Plötzlich zeigte sich, dass durch eine Falschbestellung am Ende genau das Fenster geliefert wurde, welches wir brauchten. Wir versuchen da- her, unsere Kräfte auf die innere Baustelle zu richten und hoffen, dass unsere Bauherrin auch hier mit uns ein tragfähiges Drei- Generationen-Haus bauen wird.

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4