KOMPLIZIERTE FAMILIENKONSTELLATIONEN



 

 

 

 

Wenn wir heiraten und uns zu zweit auf den Weg ins gemeinsame Leben machen, nehmen wir unsere Herkunftsfamilie und gut eingespielte Muster mit. Das kann kompliziert werden. Gut ist es dann, wenn wir genau hinschauen …

 

 

Es gibt die „GROKO“ (= große Koalition – auch nicht immer einfach), die Kriminalpolizei errichtet immer wieder eine „SOKO“ (= Sonderkommission) und es gibt die „KOKO“ (= komplizierte Familienkonstellationen) in den verschiedensten Variationen. Selbst auf facebook kann man bei der Erstellung seines Profils unter dem Punkt Beziehungen „Es ist kompliziert“ auswählen.

 

Symbiotische Beziehung

Ich erinnere mich an einen chronisch depressiven Landwirt, der den elterlichen Hof bewirtschaften sollte, aber aufgrund seiner Krankheit lag die Hauptlast bei den alten Eltern. Diese beklagten sich bei mir über ihr schweres Schicksal. Damals war „Psychotherapie“ ein eher abschreckendes Wort bei den Menschen in diesem klei­nen Ort. Nach monatelangem Zureden durch den Hausarzt und seine Ehefrau ließ sich der depressive Sohn doch auf eine Gesprächstherapie ein. Mit der Zeit wurde die Antriebslosigkeit geringer, die Lebensgeister kehrten wieder. Der Therapeut versuchte, der jungen Familie den Wegzug vom Hof schmackhaft zu machen. Natürlich wurde das auch Thema am Küchentisch der Großfamilie. Jetzt fing die Mutter an, eine Krankheit nach der anderen zu bekommen. Dem Hausarzt war die Ursache klar: Die Mutter pflegte eine symbiotische Beziehung zu ihrem Sohn und wollte ihn nicht loslassen. Solange er depressiv war, bestand auch keine Gefahr. Nun, da der Sohn endlich auf durchaus dezente Art seine Pubertät nachholte und mit Bestimmtheit „Ich“ sagen lernte, wollte seine Mutter ihn emotional erpressen: Du kannst doch jetzt deine kranke Mutter nicht verlassen! – Leider blieb dieser Mechanismus der Mutter unbewusst. Sie woll­te es auch nicht wahrhaben. Leider wurde der Kontakt abgebrochen, so dass ich nicht weiß, wie es weitergegangen ist.

 

Leiden statt Leben

Ein anderer Fall: Nach einem Vortrag bat eine Frau um ein Gespräch. Sie eröffnete mir, dass ihr Mann fremdgehen würde und sie sei so fix und fertig und wüsste nicht mehr weiter. Es war eine der ganz wenigen Male, dass ich jemandem direkt zur Scheidung geraten habe mit der Begründung: „In einem halben Jahr hat Ihr Mann Sie so kaputt gespielt, da sind Sie zu so einer Entscheidung nicht mehr fähig.“ Sie antwortete: „Das bin ich jetzt schon.“

 

Gut, dann müssen wir erst einmal sehen, dass Sie wieder zu Kräften kommen und handlungsfähig werden. Im Laufe der nächsten Gespräche allein mit ihr wurde dann deutlich, dass sie von Kindheit an sich ein bestimmtes Verhaltensmuster ange­eignet hatte: Immer, wenn sie irgendwie Kritik oder Strafe befürchtete wegen eines Fehlverhaltens, dann wurde sie krank oder fiel hin und schlug sich das Knie blutig. Sie meinte sogar im Rückblick, sie hätte willentlich beeinflussen können, dass sie Fieber bekäme. Die Masche war erfolg­reich: Papa oder Mama kümmerten sich in großer Sorge um das Kind. Die befürchtete Kritik wurde nicht geäußert, weil das arme Kind ja umsorgt werden musste.

 

Verhaltensänderungen

Sie hatte dieses Muster mit in ihre Ehe übernommen. Anstatt Kritik zu üben oder Erwartungen und Wünsche auszu­drücken, wurde sie krank. Wütend wer­den – so meinte sie – konnte sie nicht. Leider klappte dieses tausendfach in der Herkunftsfamilie erfolgreich gespielte Spielchen mit dem Ehemann nicht. Anstatt dass er sich vermehrt größere Sorgen um seine Frau machte, „tröstete“ er sich mit anderen Frauen. Nicht, dass er gleich mit jeder ins Bett stieg, aber bewundernde Blicke, kleine Flirts, angeregte bis knistern­de Gespräche, Tänze, das gehörte einfach zu seinem Leben dazu. Jede Firmenfeier oder Vereinsfeier war für die Ehefrau eine Tragödie. Es dauerte Monate, bis diese Frau bereit war, unabhängig vom Verhalten ihres Mannes einfach etwas für sich zu tun, aus der Selbstsabotage auszusteigen und ihre brachliegenden Talente zu entfalten. Überrascht durch diese Verhaltensänderung war schließlich auch der Ehemann bereit, mit mir zu reden. Und so ergab sich eine Paartherapie über einen längeren Zeitraum.

 

Neue Attraktivität

Je mehr die Frau wieder lachen lernte, umso attraktiver wurde sie wieder für ihn. Endlich konnte er mit ihr „wieder etwas anfangen“. Schließlich war er ein lebenslustiger Typ. Die Frau musste auch Abschied nehmen von einer Art von Frömmigkeit, die ihr zwar ein gewisses Überlegenheitsgefühl vermittelte gegenüber den in ihren Augen „primitiven Formen“ ihres Mannes, dem Leben einen Lebenswert abzugewinnen. Das war aber nichts anderes als verkorkste, neurotische Leidensmystik. Für sie endete – bildlich gesprochen – der Kreuzweg immer mit der Grablegung Christi, aber nicht mit Ostern. Dass Christen Gottesgenießer sein könnten, war für sie unvorstellbar. Wenn man heute diese Frau mit ihrer charman­ten Ausstrahlung erlebt, dann kann man sich nicht vorstellen, was für ein verwelktes Mauerblümchen sie einmal gewesen war. Inzwischen bin ich selber noch zurückhal­tender, einzelnen zur Scheidung zu raten, nachdem ich dieses Paar begleiten konnte.

 

Nähe und Distanz

Jesus betont das Verlassen von Vater und Mutter, wenn er über die Ehe spricht. Für ihn schafft das erst die Voraussetzung für eine mögliche Ehe. Räumliche Trennung und das Aussteigen aus unerlösten aber stabilen Mustern ermöglicht eine neue Welt für die jungen Eheleute. Wenn ein Familienbetrieb übernommen werden muss, dann sind kleine, symbolische Grenzziehungen umso wichtiger. Auch die Überschreibung der Firma auf den verhei­rateten Sohn oder Schwiegersohn ist eine Botschaft an die Jungen: Ich nehme dich als Erwachsenen ernst. Das bewusste Spiel von Nähe und Distanz in der Ehe aber auch zwischen den Generationen gehört zu den Meisterstücken gelingenden Lebens in Gemeinschaft.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2016 Qrt. 4