DIE FAHRT WAGEN



 

 

 

 

Das Leben ist wie eine Autobahnfahrt: Ohne ein Gleichgewicht aus Angst und Vertrauen kommen wir nicht ans Ziel.

 

 

Schnurgerade verläuft die Auffahrt neben der A 5. Jetzt müsste ich richtig Gas geben, stattdessen schleiche ich einem Kleinlaster hinterher. Gott sei Dank, ein LKW bremst ab und lässt mich vor. Abstand halten, es hat Minusgrade und ist nass. Meine Reifen sind schon ziemlich abgefahren. Hoffentlich macht mein Auto nicht wieder plötz­lich Probleme, und das mitten auf der Autobahn. Ich komme spät zur Arbeit, also doch Gas geben und überholen. Wie so oft schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel: „Liebe Gottesmutter, beschütze mich.“ 40 Minuten Fahrt liegen vor mir, Zeit zum Nachdenken über mich selbst. So eine Autobahnfahrt, kommt es mir, ist wie das Leben. Wenn ich auf der Strecke bin, muss ich bis zur Ausfahrt im Strom schwim­men und mich an die Regeln halten. Funktionieren und hoffen, dass andere es auch tun und nichts Unvorhergesehenes passiert. Sonst kracht es und mein Leben ist in Gefahr.

 

Nicht ohne meine Angst

Selbstverständlich macht das Angst. Schon allein, weil die Gefahren real sind. Ein Fehler, eine Unachtsamkeit hat die schlimm­sten Folgen! Seltsam, meine Angst hilft mir, mich sicherer zu fühlen. Sie macht mich vorsichtig, vorausschauend, manchmal sogar vorausahnend. Gut, dass ich sie habe. Aber: Angst als treibende Kraft, um auf der Lebensautobahn gut zurechtzukommen? Das kann es nicht sein! Ich weiß schließ­lich, dass ich die Fahrten zur Arbeit bis jetzt gut gemeistert habe. Autofahren ist wie Sprechen oder Schreiben, ich kann es ein­fach, und zwar ohne groß darüber nachzu­denken. Ohne dieses Selbstvertrauen würde die Angst mich lähmen und ausbremsen. Es sagt mir: „Du kannst es. Du wirst im entscheidenden Moment das Richtige tun.“

 

Selbstvertrauen ohne Vertrauen?

Die Angst meldet sich trotzdem zu Wort, gibt zu bedenken: Selbstvertrauen reicht nicht. Was ist mit den anderen Autofahrern? Wenn einer mich beim Überholen über­sieht? Dann helfen Vorsicht und Können nicht mehr. Selbstvertrauen ohne Vertrauen in die Anderen neben mir – das geht nicht. So würde ich keinen Kilometer auf der Autobahn überstehen. Deshalb: Was ich kann, das können andere mindestens genauso gut! Langsam gewöhne ich mich wieder ans Fahren. Mal hänge ich gemütlich hinter einen LKW, dann wird es mir zu langsam und ich gebe Gas und rase auf der Mittelspur mit. Eigentlich, denke ich mir, könnte ich noch länger so fahren, dabei Radio hören und nachdenken. Ich entspanne mich.

 

Er ist da

Da fällt mein Blick auf die Temperaturanzeige. Minus drei Grad und ich fahre 130! Bin ich eigentlich verrückt? Was ist, wenn ich plötzlich bremsen muss und das Auto hinter mir, das so penetrant nah auffährt, in mich kracht? Ich bremse vorsichtig ab – und rutsche nicht. Das war der Moment für mein Gottvertrauen. Schon oft habe ich es erfahren: Er ist da und hält mich in seiner Hand, auch und gerade dann, wenn es gefährlich wird. So wie kürzlich, als ich wegen Aquaplaning kurz die Kontrolle verlor und Gott sei Dank hinter und neben mir kein anderes Auto fuhr. Wenn ich recht darüber nachdenke – sogar das Vertrauen in mich und andere gründet letztlich im Vertrauen auf ihn. Er allein führt und behält den Überblick über die Fahrt des Lebens. Meine Angst, das merke ich, hat sich ver­wandelt. Der Entschluss, Vertrauen zu wagen, hat sie in eine Mischung aus Wachsamkeit und Gelassenheit gewandelt.

 

Und wenn doch?

Und trotzdem, denke ich wieder, passieren so viele Unfälle. Oft nicht einmal den Rasern und Dränglern, sondern den Vernünftigen und Vorsichtigen, die eigent­lich alles richtig machen. Ganze Familien kommen um. Das schmerzt so sehr! Gottes Gerechtigkeit ist so hoch wie der Himmel über der Autobahn, kommt mir dabei in den Sinn. Ich kann sie oft nicht erkennen.

Wie kann ich trotzdem Gottvertrauen leben? Vielleicht, indem ich ihm eine Art Vorschuss-Opfer bringe und sage: „Auch dann, wenn meine Angst mich nicht mehr beschützen kann, wenn mein Können und das der anderen mich im Stich lässt und Du es für richtig hältst, dass ich diesen Unfall erleide und sogar daran sterbe, auch dann bist Du groß genug, mich zu beschüt­zen. Du bist bei mir und in mir und hältst mich fest.“ Das ist für mich der Moment, in dem der ständige Widerstreit zwischen Angst und Vertrauen in Liebe übergeht. Liebe, so sagt man, ist stärker als der Tod.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 1