„DAS GEDANKENKARUSSELL MACHT MICH GANZ VERRÜCKT!“



 

 

 

 

Wenn chronische Sorgen zur Krankheit werden.

 

 

Nicole R. (36) ist Hausfrau und Mutter einer Tochter (8) und eines Sohnes (6). Stundenweise arbeitet sie als Sekretärin. Seit Jahren gehen ihr Gedanken durch den Kopf, die sie nicht abstellen kann: Ihr Mann könnte seinen Arbeitsplatz ver­lieren, ihre Kinder könnten zu spät zum Schulunterricht kommen. Neuerdings quält sie die Befürchtung, sie könnte an Krebs erkranken.

 

Ihre Schulter-Nacken-Muskeln sind immer verspannt. Abends kann sie nicht einschla­fen wegen der Sorgen. Ihr Mann hält ihr vor, sie solle die Dinge lockerer sehen und sich nicht so verrückt machen. Aber Nicole weiß selbst, dass sie übertreibt, aber sie kann das Gedankenkarussell im Kopf nicht abstellen. Sie hat manchmal Angst, verrückt zu werden und in der Psychiatrie zu landen.

 

 

Eine Krankheit unserer Zeit

Die Generalisierte Angststörung ist eine Krankheit unserer Zeit: Unsicherheiten und Zukunftsängste nehmen zu. Studien zeigen, dass sich die Sorgen-Angst vor allem in der jungen Generation ausbreitet. In Deutschland leiden schätzungsweise drei Millionen Menschen unter dieser Angst. Im Durchschnitt grübeln die Betroffenen einer Untersuchung zufolge mehr als sechs Stunden am Tag. Frauen sind dop­pelt so häufig betroffen wie Männer. Die Motivation, einen Experten aufzusuchen, ist oft nicht das Sorgen-Kabinett im Kopf, sondern körperliche Beschwerden, die eine Folge der Krankheit sind: Kopfweh, Verspannungen, innere Unruhe.

 

Symptome der Sorgen-Angst

Haupt-Symptome sind übermäßige Sorgen, die sich auf die Lebensbereiche Familie und Beruf, Krankheit und Kleinkram beziehen. Jeder kennt solche Sorgen. Krank ist man erst dann, wenn die Sorgen ein halbes Jahr lang täglich auftauchen und als nicht mehr kontrollierbar erlebt werden. Statt die Sorgen am Abend in die Schuhe zu stec­ken, wie das ein schwedisches Sprichwort empfiehlt, nehmen die Ängstlichen die Probleme mit ins Bett. Und während ihr Ehemann den Schlaf der Gerechten schläft, liegt Nicole mit offenen Augen da und fragt sich, ob sie auch die letzte Rechnung des Online-Händlers beglichen hat. Am an-deren Morgen schmiert sie missmutig die Pausenbrote für ihre Kinder. Ein gesundes Frühstück muss sein, sonst entwickelt ihr Junge noch ein ADHS-Syndrom, geht ihr durch den Kopf.

 

Warum die Angst bleibt

Forscher vermuten eine genetische Anfälligkeit für Angst. Die krankhafte Angst entwickelt sich erst später durch alltäg­liche Belastungen in Familie und Beruf oder nach belastenden Lebensereignissen. Bei Nicole R. nahmen die Ängste nach der schweren Geburt ihres Sohnes zu. Die Nabelschnur lag um den Hals: Das Kind musste per Kaiserschnitt geholt werden. In den Folgemonaten sorgte sich Nicole mehr und mehr um ihre Kinder: Sie hatte Angst, ihre Älteste könne zu Tode stürzen und ihr Junge im Gartenteich ertrinken.

Forscher haben über die Jahre herausge­funden, warum die Sorgen sich nicht ein­fach in Luft auflösen. Dabei haben sie zwei interessante Entdeckungen gemacht.

 

Zum einen halten Sorgen das unangeneh­me Gefühl der Unsicherheit in Schach. Da die Betroffenen die Erfahrung machen, dass viele ihrer Befürchtungen gar nicht eintre­ten, entsteht die Assoziation „Wenn ich mir vorher viele Sorgen mache, geht hinterher alles gut.“ Das ist abergläubisches Denken. Es erinnert an die Sinn-Geschichte von den verscheuchten Elefanten, die uns der bekannte Psychotherapeut Paul Watzlawik hinterlassen hat. Da ist ein Mann, der alle paar Sekunden in die Hände klatscht. Nach dem Grund für dieses merkwürdige Verhalten befragt, meint dieser: „Um die Elefanten zu verscheuchen.“ Erstaunt ent­gegnet der andere: „Aber hier gibt es doch gar keine Elefanten.“ Woraufhin der klat­schende Mann erleichtert sagt: „Na, also! Sehen Sie?“ Der Versuch des Ängstlichen, sich durch Gedanken die Probleme vom Hals zu schaffen, führt dazu, dass die Sorgen-Angst aufrechterhalten wird.

Die Experten haben zum anderen entdeckt, dass die gedanklichen Sorgen das Gefühl der Angst unterdrücken. Wer sich Angst-Gedanken um etwas macht, verhindert das emotionale Erleben der Angst. Eine negative Emotion kann aber nur abneh­men, wenn sie zuvor intensiv erlebt wurde. Dazu müsste man sich die möglichen Katastrophen bildlich, quasi wie in einem Film, vorstellen.

 

Was hilft?

Aus dem Gesagten hat man Methoden entwickelt, die dem Patienten helfen kön­nen, die Sorgen-Angst dauerhaft in den Griff zu kriegen. Statt sich abzulenken, was nur kurzfristig hilft, sollen sich die Betroffenen mit ihrer Angst konfrontie­ren. Würde Nicole R., was ihr empfohlen werden kann, einen Verhaltenstherapeuten konsultieren, würde dieser ihr empfeh­len, ein Sorgentagebuch zu führen. Eine Vorlage dazu findet man auf der Webseite www.hoffnungsvoll-leben.de, wenn man im Suchfeld das entsprechende Stichwort eingibt. Statt den ganzen Tag lang zu grü­beln, wird eine feste Sorgenzeit und ein bestimmtes Thema festgelegt. So könnte sich Nicole täglich vor dem Abendessen eine halbe Stunde lang ihre Sorgen zur Brust nehmen und alle Befürchtungen zu einem ihr wichtigen Lebensbereich zu Papier bringen. Außerhalb der Sorgenzeit müssen die nervigen Gedanken auf die Grübelstunde vertröstet werden.

 

Während einer Therapie entwickelt man zusammen mit dem Verhaltenstherapeuten ein detailliertes Sorgen-Drehbuch. Wie in einem Thriller werden die schlimmsten Befürchtungen bis zum bitteren Ende auf­notiert. Mit geschlossenen Augen muss sich der Angstpatient dann die gefürch­tete Situation mit allen Sinnen vorstellen.

 

Ganz nach dem Motto „Sorge dich nicht – erlebe!“ Diese etwa zehn-minütigen inne­ren Youtube-Clips werden immer und immer wieder durchgespielt und nacher­lebt. Dabei könnte Nicole die Erfahrung machen, dass ihr Angstgefühl von drei auf zehn hochschießt. Aber wenn sie innerlich nicht abhaut und dem Drachen der Angst ins Auge blickt, wird dieser sich zurückzie­hen. Kopf und Körper gewöhnen sich an die innere Konfrontation – und die übertriebe­ne Angst verschwindet. Im letzten Schritt wird das Prinzip der Konfrontation auf das Leben übertragen. Nicole müsste etwa Fernsehsendungen anschauen, die sich mit dem Thema Krebs befassen. Bisher schaltet sie sofort auf einen anderen Kanal um, sobald Entsprechendes über den Monitor flimmert. Aber gerade jetzt heißt es, sich den schlechten Nachrichten stellen und das aufkommende Angstgefühl aushalten – bis es von alleine wieder verschwindet.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 1