DU SCHAFFST DAS!



 

 

 

 

Andersartige Menschen aus fremden Kulturen – für viele hierzulande ein Angstauslöser. Ängste gibt es aber auf beiden Seiten – und Ideen, wie man sie abbauen kann. Ein Theaterprojekt im bayerischen Schrobenhausen zum Beispiel.

 

Im vergangenen Sommer führte eine Gruppe Jugendlicher eine Bearbeitung des Märchens „Die Bremer Stadtmusikanten“ in der Stadthalle von Schrobenhausen auf. Soweit nichts Außergewöhnliches. Aber: Mehr als die Hälfte der Besetzung bestand aus jugendlichen Flüchtlingen, die vorher kaum Deutsch konnten geschweige denn Theater kannten. Die Handlung des Stücks dürfte ihnen aber allzu vertraut gewesen sein, denn in dem bekannten Grimmschen Märchen geht es um die heute so aktuel­le Erfahrung von Bedrohung, Angst und Flucht – und um deren Bewältigung.

 

Ängste überwinden, sich spielerisch begegnen

Das Regisseur-Ehepaar Hans und Afra Kriss hat das Projekt in Zusammenarbeit mit dem Helferkreis Asyl Schrobenhausen ver­wirklicht. Mitwirkende Jugendlichen seien „total begeistert gewesen, etwas tun zu dürfen“, berichtet Zuschauerin Christina H., die mit dem Regisseur-Ehepaar bekannt ist und nach der Aufführung Gelegenheit zum Austausch hatte. Aber am Ende der Probenzeit, wo sie dann das erste mal richtig auf der Bühne gestanden hät­ten, sei ihnen klar geworden, was Bühne bei uns bedeute. Zwei seien dann tatsächlich abgesprungen, das Lampenfieber war zu groß. Eine Jugendliche, so die Zuschauerin, habe offenbar noch in der Minute vor dem Auftritt immer wiederholt: „Ich geh da nicht raus, ich geh da nicht raus!“ Eine deutsche Mitspielerin habe sie einfach raus-geschoben und gesagt: „Du schaffst das!“ Dieses Flüchtlingsmädchen sei dann total stolz gewesen, dass sie es tatsächlich geschafft habe, vor den Leuten zu spielen, ihren Text zu sprechen.

 

Menschen anders wahrnehmen

Dabei ging es dem Regisseur-Ehepaar erst mal einfach darum, mit Flüchtlingen und Einheimischen etwas zu unternehmen, „Begegnung zu schaffen auf einer verantwortungsvollen und vergnüglichen Arbeitsebene.“ Die jugendlichen Flüchtlinge, so ihr Ziel, sollten erleben, dass sie von der Öffentlichkeit positiv wahrgenom­men würden als junge Leute, die sich für etwas engagierten. Dass daraus am Ende viel mehr geworden ist, und zwar für jeden einzelnen Beteiligten, das liegt daran, dass im Theater gleichzeitig „ganz viel auf ganz vielen Ebenen“ passiert. „Text aus­wendig und damit eine Sprache sprechen lernen, Selbstwahrnehmung, gegenseitige Wahrnehmung, Kommunikation, Verantwortung übernehmen, Frustrationsbewältigung, Erfolgserlebnisse für mich per­sönlich und für die Gruppe“, zählen Afra und Hans Kriss auf. Die beiden haben mit den Jugendlichen erst mal das Märchen im Original gelesen, dann die Szenen impro­visiert und anschließend den Bühnentext den Schauspielern auf den Leib geschrie­ben. Insgesamt hat die Gruppe ein halbes Jahr miteinander gearbeitet. Noch heute ist Zuschauerin Christina H. begei­stert: „So etwas ist unheimlich wichtig. Durch dieses Projekt haben die jugendli­chen Flüchtlinge deutsche Kultur gelernt, deutsche Sprache, sind gleichaltrigen Deutschen begegnet und haben mit denen sofort etwas unternommen.“

 

Das Positive in den Vordergrund stellen

Für die Flüchtlingsarbeit in ihrer Stadt hat sie viel Lob übrig, besonders auch für die Berichterstattung in der lokalen Presse, die eher Positives wie das Theaterprojekt her­vorhebe und nicht einseitig negativ berich­te. „Wenn man das, was wir schon geschafft haben, publik macht, dann nimmt man ganz viele Ängste“, ist sie überzeugt. „Bei uns wartet auch keiner, bis der offizielle Asylantrag durch ist, dass die Flüchtlinge erst mal einen Deutschkurs machen dürfen.“ 20 ehrenamtliche Deutschlehrer würden an der Volkshochschule in Schrobenhausen ab dem Zeitpunkt der Ankunft die Flüchtlinge in Deutsch unterrichten. Viele, so die Zuschauerin, könnten, wenn sie tatsächlich eine Aufenthaltsgenehmigung bekämen, sich schon so weit verständigen, dass sie tatsächlich eine Arbeit beginnen könnten. Einige würden schon in Betrieben arbei­ten und hätten sogar eine Wohnung auf dem lokalen Wohnungsmarkt gefunden. Und zum Schluss spielt sie auf das derzeit bekannteste Wort der Bundeskanzlerin an: „Also wenigstens bei uns in der Stadt hat sie recht: Wir schaffen das!“

 

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 1