GOTT WOHNT BEI UNS DAHEIM



 

 

 

 

Familienalltag und Hauskirche – wie geht’s zusammen?

 

 

Der kleine Junge wollte nicht auf seinen Papa hören. Es kommt zu einer Jagd durch die Wohnung. Die Geschwister rufen dem Jungen zu: „Schnell, ins Hausheiligtum! Da kann er dir nichts tun!“ – Die Kinder hatten nie etwas von Kirchenasyl gehört, aber intuitiv gespürt: So ein heiliger Ort in der Wohnung ist ein Schutzraum, ein Ort der Barmherzigkeit. Ideen brauchen keine Verortungen, aber Gefühle und Beziehungen schon. Alle Religionen ken­nen das Phänomen „heiliger Ort“. In Tirol war jahrhundertelang der Herrgottswinkel ein solcher Ort mit Kreuz, Marienbild und Bildern der Namenspatrone der Familienmitglieder.

 

Kreative Religionspädagogik

Pater Kentenich, der Gründer der Schön-statt-Bewegung, war ein kreativer Religionspädagoge. Nach seinen Erfahrungen schrieb er 1948 von Lateinamerika an die Familien in Deutschland, die zur ersten Familientagung über Pfingsten in Schönstatt angereist waren: „Nehmen Sie das Bild der Gottesmutter mit und räu­men Sie ihm einen Ehrenplatz in Ihren Wohnungen ein. So werden diese selber zu kleinen Heiligtümern, in denen das Gnadenbild gnadenwirkend sich erweist, ein heiliges Familienland schafft und heili­ge Familienglieder formt.“ (Brief aus Santa Maria vom 15.4.1948) Daraus ist im Laufe der Jahre eine Hausheiligtumsbewegung geworden mit vielen positiven Erfahrungen.

 

Wir saßen alle auf dem Teppich

Etliche Male habe ich bei Familien das Abendgebet mit den Kindern im Hausheiligtum miterlebt. In Brno saßen wir alle auf dem Teppichboden; eine dicke Kerze wanderte von einem zum andern und jeder erzählte, was er heute Schönes erlebt und wofür er sich bedanken möchte. Als dann die Kinder schlafen gegangen waren, erzählte der Vater: Beim Abendgebet erfah­re ich oft mehr, was meinen Kindern wich­tig war, als wenn ich nach Hause komme. Und dieses kuschelige Miteinander finden unsere Kinder so schön, dass sie es ein­fordern, selbst wenn wir mal nicht dran denken.

 

Er ist uns nah

Neben den konstanten Elementen des Hausheiligtums ist es ganz wichtig, eine Möglichkeit für wechselnde Symbole zu schaffen – zum Beispiel einfach ein leeres Regalbrett. Aktuelle Fotos, Briefe, Zeugnisse, Einladungen, Sterbebildchen, ein Nuckel, weil das Kleine den nicht mehr braucht; der Autoschlüssel vom Totalschaden, der für die Insassen noch mal glimpflich verlaufen ist; Zeichnungen der Kinder und so weiter. Es klingt so simpel, und doch gelingt auf diese Weise schon einem Vorschulkind, den Alltag mit Gott in Verbindung zu bringen. Er lebt mit uns.

 

Wenn also die liturgischen Grundvollzüge wie Dank, Lob, Bitte, Anbetung, Verzeihen und um Verzeihung bitten, sich von Gott etwas sagen lassen durch ein Bibelwort, Freude über Er-folge, Trauer dort Tag für Tag vollzogen werden, dann werden Kinder liturgiefähig und wissen auch, wo in der Eucharistiefeier sie sich mit welchem vorherrschenden Lebensgefühl einklinken können. Werden diese Grundvollzüge nicht einzeln einge­übt, dann schlittert der Gläubige durch die Messe, wie ein schlechter Skifahrer auf allen Vieren den Hang runterrutscht. Da nutzt dann auch kein Appell mehr, man müsse sich jetzt eben in Würde eine Stunde langweilen.

 

Quelle für seelische Nähe und Intimität

Das II. Vatikanum beschreibt die Eucharistiefeier als den Gipfel des liturgischen Tuns; doch dem Gipfel ist sein Berg abhandengekommen. Davon können all die ein Klagelied singen, die als Ehrenamtliche in der Erstkommunion-und Firmvorbereitung engagiert sind. Eine Erfahrung von Seelsorgeamtsleiter Walter H. in Erfurt: Ein Ehepaar besucht ihn am zehn­ten Hochzeitstag mit einem Blumenstrauß und bedankt sich dafür, dass er damals im Ehevorbereitungskurs so insistiert hatte, dass die Partner täglich laut miteinan­der persönlich beten. Sie beide kostete es Überwindung, damit anzufangen, aber im Laufe der Zeit wurde das gemeinsame persönliche Gebet eine solche Quelle für seelische Nähe und Intimität, dass sie es nicht mehr missen möchten.

 

Nest im Baum der Kirche

Eine Beobachtung im Bistum Essen: Dort wurden 92 Kirchen geschlossen. Diejenigen, die auch zu Hause beteten, konnten damit besser umgehen als die, die nur in der Kirche fromm waren. Denen war der ein­zige Ort des Frommseins genommen. Je größer die pastoralen Räume, je weitmaschiger das Netz kirch­lichen Gemeinschaftserlebens wird, desto bedeutsamer wird die Hauskirche. Sie wird zum Nest im Baum der Kirche. Nicht nur für die Liturgie, auch für die drei anderen wesentlichen Lebensvollzüge der Kirche ist die Hauskirche das Modell der Zukunft: Martyria, Diakonia, Koinonia, Liturgia. All das kann problemlos im familiären Alltag eingeübt werden. Der momen­tane Gestaltwandel der Kirche bedeutet eine Akzentverlagerung in die Hauskirche.

 

In der Sowjetunion hat der Glaube in den Ikonenecken der Familien überlebt. Denn die Ikonen sind ja nicht nur frommer Wandschmuck, sondern die Abgebildeten werden auf geheimnisvolle Weise gegen­wärtig und wirksam. Diese Erfahrung der Orthodoxie hat Pater Josef Kentenich als Häftling in Dachau mit wachem Herzen aufgenommen und in seine Spiritualität integriert.

 

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 1