ICH MÖCHTE NICHT VERLETZT WERDEN


 

 

 

 

Gedanken zur Einsamkeit.

 

In meinem Dienst treffe ich immer wieder Menschen, die sehr einsam sind. Ein langes Gespräch mit einem Herrn mittleren Alters beschäftigte mich lange. Er lebt, wie er von sich sagt, sehr zurück gezogen. „Ich möchte nicht mehr verletzt werden …“

 

Vor zwei Jahren beerdigte er seine Mutter. Es sei ein guter Abschied gewesen, er konn­te sie in ihren letzten Tagen begleiten, sie konnten sogar miteinander lachen. Das wäre nicht immer so gewesen. Seine Eltern konnten ihm und seiner Schwester früher wenig emotionalen Halt geben. Sie wären gut versorgt, aber nie in den Arm genom­men worden. Dass seine Eltern Kinder des Krieges waren, ist dazu seine Erklärung. Sie hätten Schlimmes mitgemacht. Vielleicht mussten sie sich selbst schützen. Immer wieder stellt er aber in dem langen ruhigen Gespräch die Frage, warum das so hatte sein müssen. „Warum konnten sie mir ihre Liebe nicht zeigen? Ich habe mich nicht geborgen gefühlt!“ Er hat sich dann sehr zurückgezogen, lebt alleine, geht in die Arbeit und wieder nach Hause. Manchmal besuche er seinen Vater. Vor einigen Jahren habe er die Entscheidung getroffen, das Rauchen aufzuhören. Außerdem trinke er nicht mehr und schaue sich auch keine Pornos mehr an. „Das hat mir alles nicht gut getan.“ Er komme auf seinem Weg aber immer näher an das Gefühl, nicht alleine sein zu wollen. Zwei Seelen kämp­fen in ihm einen langsamen Kampf. Der Wunsch nach Geborgenheit und Nähe und die Angst zurückgestoßen und wieder ver­letzt zu werden.

 

Wesentliches entdecken

Im Gespräch geht es nicht darum, Wege zu suchen, wie er aus seiner selbst gewählten Isolation herauskommen kann, sondern diese beiden Anteile erst einmal wahrzu­nehmen und wertzuschätzen. Beide waren und sind wichtig für ihn. Hinter beiden liegt eine ganze Welt. „Ich möchte entdecken, was wesentlich ist für mein Leben!“ Zum Ende bittet er mich, für ihn zu beten, denn er glaube an Gott und dass Gott führt und fügt.

 

Dieses Gespräch fällt mir tief ins Herz. Wie entsteht Einsamkeit? Wie wichtig ist Achtsamkeit und der Ausdruck von Emotionen? Was ist wesentlich im Leben, auch und gerade in meinem Leben? Ich beende nach diesem langen Gespräch meinen Dienst, denn mein Innerstes ist berührt, fast in Aufruhr. Es ist auch das letzte Gespräch im vergangenen Jahr. Ein Wegweiser ins neue Jahr? Gott führt und fügt. Lebe wesentlich! Spüre den inneren Impulsen nach, lege nicht so vieles darüber. Und bewerte nicht.

 

Der Mensch wird am Du zum Ich

Und wie ist das mit der Einsamkeit? Wir brauchen Gegenüber. Schon das ganz klei­ne Baby ist auf Resonanz angewiesen. Der Mensch wird am Du zum Ich. Nur in der Resonanz haben wir die Chance, uns ken­nen zu lernen, uns unserer Gefühle sicher zu werden. Ein kleiner Junge wirft wütend eine Teller auf den Boden, weil er kein drittes Stückchen Kuchen bekommt, und der einfühlsame Vater spiegelt: „Oh, da ist mein kleiner Schatz jetzt aber wütend!“ Das kleine Mädchen kommt strahlend mit den selbst gepflückten Blümchen zur Tür herein und die achtsame Mutter freut sich mit ihr: „Die sind aber schön! Ich freue mich! “ Der Junge erfährt, so fühlt sich also Wut an, und das Mädchen entdeckt, wel­che Empfindung sie Freude nennen darf. Resonanz ermöglicht das Wachsen innerer Gewissheit, dass ich da bin, wie ich da bin und im guten Fall, dass es schön und gut ist, so wie es ist.

 

Angst und Mut

Wenn wir dies nicht oder kaum erleben dürfen, ist die Gefahr groß, dass ein ver­unsichertes Selbst entsteht, dass in uns eine Seele lebt, die verletzlich ist und bleibt. Um sich zu schützen, suchen diese Menschen bewusst oder unbewusst die Einsamkeit. Manche würden gerne in guten Beziehungen leben, haben aber einfach nicht gelernt, wie das geht. Ich frage mich, ob wir da wirklich immer eine Wahl haben? Unsere frühen Beziehungsmuster sind sehr bindend.

 

Und doch … Der Mann, mit dem ich reden durfte, hat über lange Zeit ein Muster ent­wickelt, das ihn schützt. Das war ihm viele Jahre sehr hilfreich und damit wertvoll. Jetzt nimmt er eine leise, neue Stimme in sich wahr, die er nicht weiter überhören will. Das braucht Mut. Denn das Miteinander von Menschen kann verletzen. Ich kann verlassen werden, enttäuscht, betrogen ... Davor darf ich Angst haben. Aber vielleicht erfahre ich auch Geborgenheit und Zuneigung und das Gefühl, dass ich wert­voll bin.

 

Lebensaustausch

Und noch eine weitere Sache fällt mir auf. Mein Gesprächspartner sagt von sich, dass er ein gläubiger Mann sei. Gott führt und fügt, waren seine Worte. Hier muss er in einem Moment seines Lebens ein Gegenüber erlebt haben, das ihn berühren und innerlich erreichen konnte. Gott als unser Gegenüber, in dem wir uns auch spie­geln und erfahren dür­fen. Wie wertvoll, dass wir einen Gott haben, der mit uns in Beziehung leben möchte, der uns seine Liebe schenken und unsere Liebe empfangen möchte. Lebensaustausch, damit wir in Freiheit und in Geborgenheit wachsen können. Wie sehr wünsche ich dem Mann, mit dem ich dieses bewegende Gespräch führen durfte, dass er in dieser Erfahrung weiter gehen kann und eines Tages einem oder gar mehreren Menschen begegnet, die zu ihm sagen: Du bist da! Ich sehe Dich!

 

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 1