VERGEBEN LERNEN



 

 

 

 

Wir kommen nicht durchs Leben, ohne andere zu verletzen und ohne verletzt zu werden. Besonders in der Ehe können wir täglich die "Feindesliebe" trainieren.

 

 

Ernest Hemmingway schrieb folgende kleine Anekdote: „Madrid wimmelt von Jungen, die Paco heißen, und es gibt einen Witz über einen Vater, der nach Madrid kam und in den kleinen Anzeigen von „El Liberal“ folgendes Inserat aufgab: „Paco, komm Dienstagmittag ins Hotel Montana. Alles vergeben, Papa“, und wie eine ganze Schwadron Guardia Civil aufgeboten werden musste, um die achthundert jungen Männer auseinanderzutreiben, die auf die Anzeige hingekommen waren.“ Auch wenn es nur gut erfunden sein sollte, die Sehnsucht nach Vergebung kommt darin sehr gut zum Ausdruck.

 

Das heilende „Es ist wieder gut.“

In jedem von uns steckt das Bedürfnis nach gelungenen Beziehungen, in denen der seelisch-geistige Stoffwechsel ruhig oder auch stürmisch-leidenschaftlich hin und her fließt. Blockaden werden als Störung empfunden, die uns belasten und bisweilen richtig schmerzen. Wenn das befreiende und heilende „Es ist wieder gut!“ erklungen ist, dann hat die Vergangenheit keine vergiftende Wirkung mehr auf die Gegenwart und Zukunft. Es setzt voraus, dass wir nicht nur Empfänger von Vergebung sein können, sondern auch selber vergeben müssen. Auch wenn es bei schlimmen Verletzungen nicht gleich auf Anhieb gelingt – es gibt keine zukunftseröffnende Alternative zur Vergebung. Alle anderen scheinbaren Bewältigungsstrategien erweisen sich über kurz oder lang als Sackgassen. Ja, ich möchte es provozierend deutlich sagen: Vergebung ist eine Wohltat, die ich mir als Vergebender selber gönne. Warum fällt das oft so schwer?

 

Raus aus der Opferrolle

Ein schwerwiegendes Hindernis ist der geheime moralische Gewinn, den man aus der Opferrolle ziehen kann. Als Opfer ist man der Gute, der Täter ist der Böse. Der muss sich ändern! Doch führt eine solche Einstellung in die Passivität, ja sogar Lähmung. Andere wiederum haben die Sorge, dass der Täter die Vergebung so interpretieren könnte: „Ich kann mein verletzendes Verhalten wiederholen.“

 

Manchmal spielt uns auch unsere tiefe Sehnsucht nach Gerechtigkeit einen Streich. Wie das? Verletzungen sind in fast allen Fällen auch ein Verstoß gegen die Gerechtigkeit. Und wenn dieser Wert ganz hoch oben in unserer privaten Werteskala angesiedelt ist, dann kann die verletzte Gerechtigkeit immer wieder Wellen von Wut in uns aufsteigen lassen. Ein Vergleich: Wenn die Feuerwehr Brandschutzkontrollen durchführt, dann sind die Kontrolleure sehr streng und die Auflagen zur Nachrüstung zum Beispiel in Gebäuden sehr kostspielig. Aber wenn’s brennt, dann wird einfach gelöscht. Übertragen aufs Leben:

 

Wir kommen nicht durchs Leben, ohne andere zu verletzen und ohne verletzt zu werden. Pater Kentenich sprach immer wieder davon, dass die weiße Weste nicht das Ideal des Christen sei, sondern das Vertrauen in die Barmherzigkeit Gottes, aber dazu sei es notwendig, dass wir auch uns selbst gegenüber ehrlich sind.

 

70 Jahre Frieden in Europa

In vielen Äußerungen betont Jesus die Pflicht zur Vergebung. Er stellt sie dar als „Kettenreaktion“: Weil Gott uns gegenüber barmherzig ist, müssen und können auch wir gegenüber unseren Mitmenschen barm-herzig sein. Für die damalige Zeit ganz ungewohnt und radikal: Das Gebot der Feindesliebe. Nach 2000 Jahren leidvoller kriegerischer Auseinandersetzungen verliert die Aufforderung Jesu zur Feindesliebe etwas von ihrem utopischen Charakter und wird zur Maxime politisch weitsichtiger Vernunft. Dass Europa auf 70 Friedensjahre zurückblicken kann, verdanken wir dem zähen politischen Bemühen um Versöhnung. Aus „Erbfeinden“ wurden Freunde.

 

Oder denken wir an den deutsch-polnischen Versöhnungsprozess, der zunächst von den Bischofskonferenzen beider Länder und später auch von den Politikern vorangebracht worden war. Die polnischen Bischöfe entschlossen sich im November 1965 während der letzten Wochen des II. Vatikanischen Konzils zu einer befreienden Geste von moralischer Größe und Symbolkraft: „In diesem allerchristlichen und zugleich sehr menschlichen Geist strecken wir unsere Hände zu Ihnen hin in den Bänken des zu Ende gehenden Konzils, gewähren Vergebung und bitten um Verzeihung“, so die Botschaft an ihre deutschen Mitbrüder. Und die Antwort der deutschen Bischöfe war: „Mit brüderlicher Ehrfurcht ergreifen wir die dargebotenen Hände.“

 

Seelische Wunden desinfizieren

Was für Völker und deren Geschichte und Identität gilt, gilt ebenfalls für den einzelnen Menschen. Wer sich eine Scheinidentität aufbaut nach dem Muster „ich bin das arme Opfer von …“, manövriert sich aus ängstlichem Schutzbedürfnis in die Isolation. Christus kann die Feindes- liebe den Menschen nur zumuten, weil er auch um die Selbstheilungskräfte der Seele weiß. Seelische Wun- den können genauso vernarben wie körperliche, wenn sie „desinfiziert“ worden sind.

 

Wie oft aber habe ich erlebt, dass um die eiternde Seelenwunde ein sauberer „Verband“ aus christlichem Pflichtbewusstsein gewickelt wurde und dann unter dem „Verband“ der Eiter des verletzten Gerechtigkeitsempfindens und der verletzten Würde heftig pochte. Es braucht häufig den geschützten Raum der Ehrfurcht im Rahmen der seelsorglichen Begleitung, damit dieser Seeleneiter abfließen kann. Danach kann die Wunde vernarben und die Fähigkeit zur Vergebung ist gleichsam das Geschenk am Ende des Heilungsprozesses.

 

In diesem Sinne dürfen wir die Ehe als den täglichen Trainingsraum für die Feindesliebe definieren, denn der Mensch, der mir am nächsten ist, wird mich zwangsläufig auch am häufigsten und am tiefsten verletzen. Dabei passieren die meisten Verletzungen gar nicht mal aus Bosheit, sondern häufig aus Gedankenlosigkeit und Ungeschicklichkeit. Doch auch da gilt es, die Selbstheilungskräfte der Seele zu aktivieren.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 4