VERSÖHNT LEBEN



 

 

 

 

Alltagstaugliche Schritte

 

Der frühere US-Präsident Bill Clinton hat bei einer Gelegenheit den südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela gefragt, wie dieser seinen weißen Gefängniswärtern habe vergeben können. Mandela gab zur Antwort, dass ihm bei seiner Freilassung nach 27 Jahren Haft – während des Durchschreitens des Gefängnistores – durch den Kopf gegangen sei: „Wenn ich diese Menschen weiter hasse, dann bleibe ich im Gefängnis!“ Nicht jeder von uns muss wie Mandela 27 Jahre im Gefängnis verbringen. Dennoch

erlebt jeder von uns im Laufe seines Lebens Verletzungen und Ungerechtigkeiten. Jeder von uns hätte Grund, bitter zu werden. Trotzdem innerlich versöhnt und gefriedet zu bleiben, ist ernste Arbeit in der Seele – und nicht zuletzt auch Wirkung von Gnade. Im Folgenden möchte ich einige alltagstaugliche Schritte entwickeln, die auf diesem Weg voranbringen können. (Vergleiche „Novene für den Frieden“, Pater-Kentenich-Sekretariat)

 

 

Ja zu mir selber sagen

„Hey, sei nicht so hart zu dir selbst“, singt Andreas Bourani in seinem Song „HEY“, „es ist ok, wenn du fällst, auch wenn alles zerbricht, geht es weiter für dich … komm nicht auf Scherben zu stehn“. Der Schlüssel für Versöhnung mit anderen ist die Versöhnung mit sich selbst. Wer an sich selbst Freude hat, hat auch Freude an anderen. Wer sich selbst vergibt, kann auch anderen vergeben. Wer sich selbst annimmt, mit seinem eigenen und einzigen Lebenszyklus mit allen Höhen und Tiefen, wer aus ganzem Herzen ja sagt zu sich selbst, kann auch andere annehmen.

 

Anregung: Ich denke heute immer wieder: Du hast mich erwählt.

 

»Nehmen Sie sich die Zeit, wenn ich so sagen darf, sich eine Barmherzigkeitslitanei zu schaffen: Dafür und dafür und dafür danke ich dir. Aber nicht flüchtig, betriebsmäßig, sondern sich hineinfühlen, hineinleben, damit unser Lebensgefühl umgewandelt wird, damit wir so stark das Bewusstsein bekommen: Ich bin der Augapfel Gottes. Sie sollen sehen, was für Kräfte in Ihnen wach werden, gesunde Kräfte. Heute ringt ja alles um die Renaissance der Natur. Aber auch meine Natur soll in Gott wiedergeboren werden. Und wenn Gott als meisterlicher Pädagoge die Dinge so geformt und gestaltet hat und sich selbst danach richtet, was bedeutet dann das, dass ich auf einmal die pädagogische Weisheit Gottes zuschanden mache, immer wieder das Schlechte sehe?

 

Sie denken an die Gaben, aber auch an die Aufgaben. Wahrhaftig, darf ich mich nicht zurückschauend erinnern an alles, was Gott in mir und durch mich gewirkt hat? Ist denn nun alles Bluff gewesen, umsonst? Wenn ich nicht da wäre, gäbe es ganze Kreise, ganze Segensströme in der Welt nicht. Die Dinge auch einmal sehen! Ich glaube, wenn wir im Licht der Barmherzigkeit Gottes einmal alles sähen, würden wir mit großer Dankbarkeit und Liebe hängenbleiben auch an den schwachen Stellen unseres Lebens.

 

Das sind die Gedanken, die uns das Lebensgefühl geben, das wir brauchen, um das Gegenbild zu schaffen gegen den heutigen krankhaften Menschen. Ich darf Ihnen raten, nicht nur eine Barmherzigkeitslitanei sich aufzustellen, sondern grundsätzlich in der abendlichen Gewissenserforschung sich ein Plätzchen zu reservieren: Wofür haben wir heute zu danken; und wie kann ich nachholen, was ich heute vernachlässigt habe? Da haben Sie die ganz besondere Art der göttlichen Barmherzigkeit, der ganz besonderen Wohltaten.«

 

J. Kentenich, 11.10.1934

 

 

Meine Schwächen umarmen

Wer seine Schwächen kennt, hat zwei Möglichkeiten: Er kann sich selbst quälen oder sich der Barmherzigkeit eines Du öffnen. Wer das Erbarmen Gottes erfahren darf, kann leichter seine eigenen Schwächen annehmen und barmherziger sein, auch zu anderen. Pater Kentenich sagte zu jemandem, der vor ihm in der Beichte seine Schwächen und Fehler ausbreitete: „So bin ich.“ In diesen Worten schwang so viel Annahme und Verstehen mit, dass er sich nach der Beichte besser fühlte als vorher.

 

Anregung: Ich bin ehrlich zu mir selber. Wo lasse ich mir das Erbarmen Gottes schenken?

 

»Der liebe Gott sorgt, wenn wir älter, reifer geworden sind, dass wir praktisch erleben, wie schwach unser eigenes Tun ist, wie hilflos wir sind. Und sehen Sie, darauf muss der heutige Mensch eine Antwort haben. Wollen wir ja nicht übersehen, was hier berührt wird, ist allgemein nötig, überzeitlich.

Aber der heutige Mensch, der muss sich schwach fühlen. Nun ist natürlich in der modernen Welt ein eigenartiges System entstanden, das sagt so: Wir sind stolz und wollen an sich diese Schwäche als ein Ideal. Das Tragen der Schwäche als ein Ideal auffassen! Existentialismus! Wir wollen rein geworfen werden – sind glücklich, wenn wir so rein geworfen sind in das Meer ... Aber anstatt dass der Existentialismus nun aus dem Erlebnis der Schwäche hinein flüchtet in die Arme des Vatergottes, kehrt er Gott den Rücken ...

 

Was ist unsere Denkweise? Ja, gerade weil wir uns so schwach fühlen, wollen wir ernst machen mit dem Vertrauen, mit dem Vertrauen auf eine höhere Macht. Das sind die Gegensätze. Lift der Heiligkeit, wir lassen uns vom lieben Gott in die Arme nehmen und nach oben tragen.«

 

J. Kentenich, 15./19.08.1966

 

 

Verzeihen

Wer jeden Tag erlebt, dass Gott ihm verzeiht, verzeiht auch anderen. Ein guter Weg, sich im Verzeihen zu üben, ist einen Brief zu schreiben an den, der einem weh getan hat. Es lohnt sich, ausführlich die Einzelheiten des Vorgangs aufzuschreiben und dann auch den Versuch zu wagen, zu verzeihen. Ein solcher Brief ist oft besser aufgehoben im "Krug" (bei Gott) als beim Adressaten.

 

Anregung: Es gibt jemanden, der an mir schuldig geworden ist, der mir weh getan hat. Ich nenne sie oder ihn beim Namen und sage ihr oder ihm in Gedanken: Es ist wieder gut.

 

»Auf die Gesinnung kommt es an, das ist die Hauptsache. Innere Wandlung müssen wir erstreben. Vor allem aber hebt der Heiland hervor, wir sollen versöhnlich sein. Wenn man also vor dem Altar steht, will ein Opfer darbringen, und man ist sich bewusst: Da und dort Feindschaft, da und dort hat jemand etwas gegen mich, was sollen wir dann tun? Uns erst versöhnen: zum mindesten der inneren Gesinnung nach verzeihen, und wenn es eben möglich ist, auch äußerlich alles wiederum in Ordnung bringen.«

J. Kentenich, 07.07.1963

 

 

Fremdes umarmen

Nach einem Vortrag für Ehepaare mit dem Titel: „Von der Kunst, einen Kaktus zu umarmen“, sagt eine Frau mit Tränen in den Augen: „Die Stacheln von meinem Kaktus werden immer länger. Wir sind schon so lange mit Schönstatt unterwegs, da habe ich gedacht, wir können uns entwickeln. Aber das Gegenteil scheint bei meinem Mann der Fall …“

 

Pater Kentenich hält es für ganz normal, dass jeder viele Fimmel hat, die sich im Alter vermehren. Auch in der besten Ehe bleibt Fremdes und Einsamkeit. Diesen Platz hat Gott sich in der Seele „reserviert“.

 

Anregung: Ich schaue meinen Ehepartner an und sehe etwas, das mir fremd ist. Ich schenke dem lieben Gott für ihn die Opfer des heutigen Tages.

 

»Als Eheleute brauchen wir gar keine besonderen Mittel zur Abtötung zu suchen. Ja du meine Güte, von morgens früh bis abends spät haben wir ungeheuer viel Gelegenheit, Opfer füreinander zu bringen. Sehen Sie, die Art, wie ich etwa die Fehler meines Partners ertrage; oder die Art und Weise, wie ich meinen Partner aufmerksam mache auf seine Einseitigkeiten, auf seine Schwächen; oder ob wir voreinander Ehrfurcht bewahren, obwohl wir einander häufig so furchtbar in unseren Schwächen wahrnehmen. Nur ein ganz hoher Grad der Liebe, vollkommene Liebe, mag auf diese Weise die gegenseitigen Zustände ertragen.«

 

J. Kentenich, 20.02.1961

 

 

Leid tragen

Manchmal gibt es im Leben Momente, in denen das, was weh tut, zu viel wird. Pater Kentenich lädt ein, Gott dann zu sagen: „Vater, du darfst.“ Es geht darum, hinter Menschen, die wehtun, hinter Unbegreiflichkeiten, die Hand Gottes zu entdecken. Der tastende Glaube, dass Gott im Leid nahe sein will wie Jesus am Kreuz, schenkt Kraft. In Unbegreiflichkeiten hilft oft nur noch Gebet: „Mein Gott, manchmal verstehe ich dich nicht, aber ich möchte dich lieben. Gib du mir Kraft, dass ich nicht aufgebe.“

 

Anregung: Ich suche das Leid, das sehr schlimm für mich ist oder war – in der Vergangenheit, im Heute oder in der Zukunft – und sage: Vater, du darfst.

 

 

»Kreuz und Leid, wie es auch immer heißen mag, was ist das? Ein „kleiner Freund“ des Himmelsvaters.

Was will er damit? Uns frei machen von uns selber …

 

Ich denke also an die Gebrechlichkeit meines Körpers, denke meinetwegen an wirtschaftliche Schwierigkeiten, an Enttäuschungen. Was ist das alles, von Gott ausgesehen? Ein „kleiner Freund“ Gottes, der dem lieben Gott hilft, aus mir etwas Gescheites zu machen. (…)

 

Das ist barmherzige Liebe, dass ich jetzt krank geworden bin. Ja, weil diese Krankheit der „kleine Freund“ Gottes ist, deswegen betrachte ich den „Freund“ auch wie Gott selber und lasse mich von ihm formen und gestalten.«

 

J. Kentenich, 04.02.1957

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 4