VON DER TOLERANZ ZUR SOLIDARITÄT


 

 

 

 

Was hat es mit der Toleranz auf sich? Sorgt sie für ein besseres Miteinander, oder eher für Distanz zu unserem unbequemen Nächsten? Eine Auseinandersetzung mit dem konkreten Fall zeigt, worum es eigentlich geht.

 

 

Ich gehe durch die Straßen unserer Stadt. Plötzlich fällt mir auf, was für unterschiedliche Menschen mir begegnen. Und teilweise fallen sie ganz schön aus der gewohnten Norm: Jugendliche mit soweit zerrissenen Jeans, dass ich mich wundere, was dieses Kleidungsstück noch zusammenhält und was es noch verdecken kann; junge Erwachsene, die von Kopf bis Fuß tätowiert sind und dann auch noch mit Bildern, die mir Angst machen. Dann sehe ich einen jungen Mann, der seine Haare abrasiert hat, sein Kopf tätowiert und unter der Haut auf der Stirn zwei diabolische „Hörner“ implantiert hat …

 

Ich wundere mich und dann fällt mir auf, dass sich kein Mensch auf der Straße aufregt oder auch nur diesen besonderen Menschen hinterherschaut. Wir leben in Köln – einer Großstadt – da ist man tolerant. Oder, so überlege ich, ist es den Menschen einfach nur egal? Toleranz als Ignoranz dem Anderen gegenüber?

 

Das Wort „Toleranz“ kommt aus dem Lateinischen und heißt „Ertragen“. Ertragen kann ich den anderen nur, wenn ich mich an ihm störe. Wenn ich nicht einverstanden bin, wenn ich es gerne anders sehen würde, wenn ich unter seinem Anblick oder unter seinem Handeln mehr oder weniger leide – dann kann ich etwas dagegen tun, oder eben ertragen – ich übe mich in Toleranz. Aber auch in der Großstadt hat die Toleranz ihre Grenzen. Nämlich dann, wenn die Herausforderung zu nahe kommt.

 

Kritisieren oder Ertragen?

Vor einigen Jahren gab es in unserer Gemeinde einen älteren Ministranten, der in seiner Entwicklung gerade eine Phase hatte, in der er sich als eine Mischung aus Skater und Rapper kleidete. Er trug sehr große Turnschuhe (immer offen), immer eine Baseball-Kappe (oft verkehrt herum) und vor allem die viel zu große Jeans direkt unterhalb des Gesäßes, so dass seine Boxershorts permanent zu sehen waren. Damit diese Hose nicht direkt nach unten fiel, musste er sie mit einem Gürtel kurz unterhalb der Beuge festhalten, was wiederum die Beweglichkeit der Oberschenkel einschränkte. An ein „normales“ Gehen war bei dieser Kleidung nicht mehr zu denken. Selbst beim Ministrieren konnte man an seinen Bewegungen deutlich erkennen, wo seine Hose unter dem Ministrantengewand hing, und auch seine Riesen-Turnschuhe ließen keinen würdigen Gang zu.

 

Einige Gemeindemitglieder taten sich schwer mit diesem Anblick. Wenige äußerten auch ihre Kritik – andere ertrugen. Wieder andere stellten sich die Frage, warum der Ministrant eine solche Kleidung wählte, welches Lebensgefühl und welche Werte dahintersteckten. Einige kamen mit ihm darüber ins Gespräch und versuchten zu verstehen. In diesem Verstehen wurde das Missfallen kleiner und das Ertragen fiel leichter. Es entstand eine Solidarität mit dem jungen Ministranten und seinem Lebensgefühl.

 

Persönliche Note oder Respektlosigkeit?

Dadurch wurde der generelle Anspruch an die angemessene Kleidung der Ministranten (Stichwort: Turnschuhe und Kapuzenpullis) nicht reduziert. Nach wie vor ist es den meisten Kirchgängern in unserer Gemeinde wichtig, dass die Ministranten „ordentlich“ gekleidet sind. Aber sie sind dann doch bereit, den Einzelfall zu betrachten: Ist die vermeintlich unangemessene Kleidung Ausdruck einer Persönlichkeit beziehungsweise eines Lebensgefühls? Oder zeigt die Kleidung mangelnden Respekt oder Gedankenlosigkeit gegenüber der Würde des Gottesdienstes und der Würde des Ministrantendienstes?

 

Diese individuelle Unterscheidung ist nicht einfach und nicht leicht zu diskutieren. Es erfordert genaues, wertschätzendes und achtsames Anschauen der Person. Und nicht jeder kommt zur gleichen Einschätzung. Aber durch diese Unterscheidung entsteht Erbarmen. Die Einzelperson in ihrer Situation wertschätzend, vorurteilsfrei Anschauen und erst beurteilen, wenn die Gründe und Hintergründe annähernd erahnt werden können. Ohne die Regel oder das Gesetz aufzuheben oder auszuhöhlen werden Abweichungen möglich. Und es fällt allen Beteiligten leichter, miteinander zu leben. Ein altes indianisches Sprichwort sagt: „Urteile nie über einen anderen, bevor Du nicht einen Mond lang in seinen Mokassins gelaufen bist“.

 

Solidarisch sein heißt Verstehen

Seit diesem und ähnlichen Erlebnissen habe ich ein großes Misstrauen gegen dem Begriff der Toleranz, da mir auf der einen Seite kein Mensch „egal“ sein sollte, und ich auf der anderen Seite vorsichtig sein sollte mit einem Urteil oder Vorbehalt, welchen ich dann „ertragen“ muss. Ich bemühe mich viel mehr um Solidarität, die auf „verstehen wollen“ basiert und die den einzelnen Menschen – so gut es geht – in den liebevollen Blick nimmt. So bekommt der Begriff der Barmherzigkeit für mich eine individuelle Ausprägung, die keine Regel unterminiert, sondern den einzelnen Menschen stärkt.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 4