ABENTEUER RUHESTAND: ERFAHRUNGEN – EINSICHTEN – (FREUDEN-)SEUFZER



 

 

 

 

Andere Herren bestimmen meine Zeit!

Ich kann nicht mehr sagen: „Ich muss zur Arbeit“ – und dann bin ich weg. Jetzt sagen die Kinder, die Enkel, die Familiengruppe, der Verein, die Freunde: „Du hast doch jetzt Zeit, du könntest doch…!“ Schön, wenn die Enkel wieder kommen, klar sind wir da zuhause!

 

 

Gefährliche Gewöhnung!

Jetzt habe ich mir schon jahre-, ja jahrzehntelang dies und jenes vorgenommen und es gelingt mir immer noch nicht! Ist das wirklich so schlimm? Wird das noch was oder lass ich es lieber? Pater Kentenich meint zum Umgang mit Grenzen, Fehlern, Sünden unter anderem: Sich nicht darüber wundern – aber sich auch nicht darin einrichten oder daran gewöhnen!

 

Ich muss mir selbst eine Zeit-Struktur geben!

Die gewohnte Grenze von Arbeit und Freizeit ist weg, und im Nu habe ich viel länger gefrühstückt, Zeitung gelesen, im Internet gesurft, als ich eigentlich wollte. Jetzt muss ich mir selber eine Struktur geben! Dafür muss ich mich nur vor mir selbst für Verspätungen entschuldigen. Aber das Ausreden-Arsenal ist dadurch viel kleiner geworden!

 

 

Lebenserfahrung ist wertvoll – aber wer will sie von mir haben?

Rede nur, wenn du gefragt wirst, aber lebe so, dass man dich fragt. (Paul Claudel) Die Enkel fragen jedenfalls oft: „Oma, Opa, wie war das früher?“ Und wenn du dich mit der Schwiegertochter verstehst und die auch gerne kocht, dann will sie öfter wissen, wie du Zimtsterne machst und das Brot so locker hinkriegst. Das heißt: Die Beziehung, die personale Bindung über die Generationen hinweg macht, dass ich gefragt werde – wenn überhaupt.

 

Wo wir dem „Kleinen Prinzen“ widersprechen müssen

Du bist zeitlebens verantwortlich für das, was du dir ver­traut gemacht hast, sagt die Rose zum Kleinen Prinzen. Wirklich? Immer? Es gab Beziehungen, die sich so entwickel­ten, dass sie uns beiden, unserem Miteinander nicht gut taten. Auch im Rückblick bleiben dann Trennungen oft schmerz­lich, aber unumgänglich. Also, obwohl uns Bindungen sehr wichtig sind: kein falsches Schuldbewusstsein, auch wenn‘s bei St. Exupéry so sympathisch steht!

 

 

Vorbei ist nicht vorbei – oder: Warum das mit dem Fegefeuer gar nicht so weit weg ist

Die Versöhnung mit der eigenen Geschichte kann ganz schön schwierig werden. Da sind Dinge geschehen, für die ich mit verantwortlich war und die anderen geschadet haben. Ich kann sie

nicht mehr rückgängig machen. Wenn man selbst Kinder hat, kann man erst einschätzen, was man den eigenen Eltern an Sorgen und Kummer gemacht hat. Und manches wiederholt sich ja in den

Generationen … Auf jeden Fall ist es mit dem Appell zum Loslassen nicht getan. Da steigt vieles aus der Seelentiefe immer wieder auf und will einfach ausgehalten werden.

 

 

Die Erben entlasten – in einem Haus voller Geschichte?!

Sich von Überflüssigem trennen, aufräu­men und ausräumen, was man ein Jahr lang nicht gebraucht hat (auch nicht letzte Weihnacht), den Erben mal nicht die Qual der Entscheidung überlassen („Ist das Familien- Geschichte oder kann das weg?“) – das klingt alles rational richtig und man kann sogar ganze Bücher darüber schreiben. Aber dann stehen wir vor der alten Küchenwaage und dem Gesangbuch der Großmutter... Es hängen viele Erinnerungen daran. „Brauchen“ tun wir es nicht, aber eigentlich wegen der Erinnerungen doch. Also nix mit Sperrmüll oder Verschenken! Und die Schrauben, die ich jetzt wegwerfen will, suche ich bestimmt in einem Jahr!

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2017 Qrt. 4