KRAFTQUELLE FAMILIE



 

 

 

 

Wie Eltern, Großeltern und Geschwister einander unterstützen

 

Im Oktober des Jahres ging eine rührende Meldung durch die Medien: Die 98-jährige Ada Keating war freiwillig zu ihrem 80-jährigen Sohn ins Altenheim gezogen, nachdem sich dessen Gesundheitszustand verschlechtert hatte. Die rüstige Seniorin meinte gegenüber einer Zeitung: „Man hört eben niemals auf, Mutter zu sein.“ In meinem Bekanntenkreis habe ich weitere Erfahrungen gemacht, die zeigen, wie Familien zusammenhalten. Da ist Jürgen S. (47 J.); der Ober-Arzt nimmt sich ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub, um seine nach einem Schlaganfall auf den Rollstuhl angewiesene Mutter pflegen zu können. Amanda (18 J.) steht kurz vor dem Abi. Sie trainiert mit ihrer vier Jahre jüngeren Schwester, wie man das Geschichts-Referat vor der Klasse präsentieren kann. Martina G. (58 J.), Erzieherin und Sozialpädagogin, betreut mit ihrem Mann die Kinder ihrer im Haus lebenden Tochter, die derzeit ihre Doktor-Arbeit schreibt.

 

Von Natur aufs Helfen angelegt

Die Sorge um die Nachkommenschaft ist tief in den menschlichen Genen verankert. Forscher nehmen an, dass die emotionale Bindungen auf einem psychologischen Mechanismus beruhen, der im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden ist. Unter dem Einsatz hoher persönlicher und finanzieller Ressourcen kümmern sich Eltern um ihre Kinder. So investieren sie für ein 12-semestriges Hochschulstudium ihres auswärts wohnenden Kindes einen Betrag, für den sie ein neues Auto der oberen Mittelklasse bekommen würden. Stattdessen werden die Kids in einem alten Van transportiert – oder diese fahren selber schon mit der Familienkutsche.

 

Das gelebte Miteinander in der Familie verändert die Familienmitglieder; Psychologen konnten zeigen, dass die Grenzen zwischen dem Ich und dem Anderen verschwimmen: Man denkt und fühlt nicht mehr für sich allein, sondern hat den Partner und die Kinder im Herzen dabei. So fotografierte ein Familienvater im Madison Square Park in New York die süßen „squirrels“ und sandte das Bild per WhatsApp an seine Älteste, weil diese Eichhörnchen so mag.

 

Gemeinsam den Stress bewältigen

Man unterscheidet gemeinhin zwischen Belastungen, die innerhalb der Partnerschaft entstehen (durch unterschiedliche Bedürfnisse der Partner) und Stress, der von außen in die Ehe eingeschleust wird (zum Beispiel beruflich bedingter Stress). Der eingeschleppte Stress-Virus schadet nicht nur der körperlich-seelischen Gesundheit des Einzelnen, sondern er unterhöhlt das Fundament der Partnerschaft. Tatsächlich gehen Ehen heutzutage eher in die Brüche durch das Unvermögen, Belastungen gemeinsam zu bewältigen, als daran, dass ein Partner fremdgeht.

 

In dem Buch „Bevor der Stress uns scheidet“ zeigt der Schweizer Psychologe Guy Bodenmann, wie ein Paar gemeinsam Stress bewältigen kann. Eine wichtige Erkenntnis des Paar-Forschers: Wenn jemand seinen Stress nur non-verbal äußert, etwa durch ein missmutiges Gesicht oder ein Zuknallen der Tür, dann bekommt er nur in den wenigsten Fällen emotionale Unterstützung. Schnell gibt ein Wort das andere: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Ein Partner muss deshalb damit beginnen, über seinen Schatten zu springen. Statt dem anderen vorzuwerfen: „Stell' Dich nicht so an!“, kann man fragen: „Wie kann ich Dich unterstützen?“ Dabei schwingt man innerlich mit: Ich spüre die Traurigkeit oder den Ärger des Partners selber in mir. Diese partnerschaftliche Resonanz kann das Wir-Gefühl stärken: „Wir schaffen alles, was wir wollen!“

 

Enkel: Anti-Aging-Agenten für Großeltern

Durch die zunehmende Lebenserwartung verändert sich die Familie. Heutzutage ist es möglich, dass mehrere Generationen gleichzeitig leben – wenn auch oft hunderte Kilometer voneinander entfernt. Manchmal findet man aber noch Großfamilien; in einer mir bekannten Familie wohnen

vier Generationen einträglich unter einem Dach. Aus Untersuchungen ist bekannt, dass alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern häufiger bei den Großeltern wohnen und Hilfe bei der Erziehung erhalten. Zunächst schaut es so aus, als ob die ältere Generation der jüngeren ihre Erfahrungen von oben nach unten weitergibt. Tatsächlich ist es ein Geben und Nehmen auf beiden Seiten: „Großeltern-Enkelkinder-Beziehungen werden in der Regel von allen Beteiligten als positiv empfunden“, betont der Familienforscher Klaus Schneewind.

 

Enkelkinder stellen für die Omas und Opas eine große Quelle der Freude dar. Mehr noch: Forscher fanden jüngst heraus, dass die Lebenserwartung der Großeltern ansteigt, wenn diese sich um ihre Enkel kümmern. Die liebevolle Begleitung der Kleinen in der Face-to-Face-Interaktion kann das Leben der Großeltern um bis zu fünf Jahre verlängern! Unwillkürlich musste ich an ein Wort Jesu denken: „Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ (Mt, 16, 25)

 

Königin der Familien

Vor einigen Jahren war ich bei einer Familienrunde mit dabei, die einen Bischof zu Gast hatte. Ein Vater äußerte das Anliegen, ob die Kirche nicht den Titel „Königin der Familie“ in die „Lauretanische Litanei“ aufnehmen könne. Der bekannte Kardinal gab zu bedenken, dass man ein traditionelles, gemeinschaftliches Gebet zur Gottesmutter nicht einfach ändern könne. Zugleich rief er die Anwesenden auf, Maria mit diesem Titel einfach anzurufen. Just do it!

 

Pater Josef Kentenich dachte groß vom Menschen. Maria war für ihn ein besonderer Mensch, der immer im Licht – nicht im Schatten – Jesu stehen durfte. Im Konzentrationslager Dachau formulierte er ein Gebet, das den Familienmitgliedern Kraft geben kann, ihren Auftrag zu erfüllen: „Lass uns gleichen deinem Bild, ganz wie du durchs Leben schreiten: Stark und würdig, schlicht und mild, Liebe, Fried' und Freud verbreiten. In uns geh durch unsere Zeit, mach' für Christus sie bereit.“

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 1