DILEXIT ECCLESIAM ODER DIE VERTREIBUNG INS PARADIES


 

 

 

 

Es gibt Erfahrungen, die man niemandem wünscht. Doch wenn sie einen treffen, ist es viel Wert, jemanden zu haben, der sie zu ertragen und zu bewältigen hilft. Die Begegnung mit dem Leben von Pater Kentenich und die Weise, wie er solche Erfahrungen verarbeitet hat, war und ist für uns eine solche Hilfe in einer schweren Situation.

 

 

Wir haben nie verstanden, wie sich Menschen auf einen Schlag aus der Pfarrei zurückziehen können, die jahrelang intensiv engagiert waren. Genau das hat uns vor einigen Monaten mit voller Wucht getroffen. Wir erlebten durch einen neuen Pfarrer und einige Gemeindemitglieder innerhalb eines Jahres Dinge, die wir nicht für möglich gehalten hätten. Eines Tages kam es zum Eklat: Weil wir für eine für uns persönlich weit reichende – und wie später festgestellt wurde, objektiv falsche – Entscheidung von ihm eine Erklärung wollten, wies er uns aus dem Pfarrbüro unter der Androhung, die Polizei zu rufen, wenn wir nicht sofort das Pfarrhaus verlassen. Wir waren beide in vielen Projekten und Gremien über Jahrzehnte engagiert und hatten uns dabei mit ganz unterschiedlichen Pfarrern gut verstanden. Es war uns nicht mehr möglich, in dieser Pfarrei einen Gottesdienst zu besuchen oder bei anderen Gelegenheiten bestimmten Menschen zu begegnen.

 

Für positive Erfahrungen offen bleiben

Und dann steht da in der Gründerkapelle in Schönstatt der Sarkophag Pater Kentenichs mit der Aufschrift: Dilexit ecclesiam. Für uns war klar, dass wir nicht aus der Kirche austreten – aber wir konnten uns jetzt gut vorstellen, dass jemand dahingetrieben werden kann.

 

Pater Kentenich hat, nachdem er dem Naziterror im KZ Dachau entronnen war, schlimme Erfahrungen mit der Kirche und Enttäuschungen mit engen Mitarbeitern ertragen. Das hat uns geholfen, für positive Erfahrungen offen zu bleiben. Es war ganz eigenartig: Wir haben jetzt gerade mit Menschen in der Kirche positive Erfahrungen gemacht, wenn auch nicht innerhalb unserer Gemeinde. An einem Abend wurden in einem Gespräch die negativen Erfahrungen angesprochen und haben uns sehr aufgewühlt. Am Tag darauf erhielten wir einen Brief, in dem sich jemand für ein kleines Geschenk bedankte und schilderte, wie viel Freude ihr und anderen das gemacht hat. Solche Erlebnisse durften wir vor allem im Zusammenhang mit Schönstatt machen: Wir wurden gefragt, ob wir in einer Arbeitsgruppe in Schönstatt mitarbeiten, die uns selbst auch sehr am Herzen lag. Wir erfuhren Dankbarkeit für Dinge, wo uns nicht bewusst war, dass sie für jemanden so viel bedeutet hatten. Wir hatten schöne persönliche Begegnungen, kurzum: Wir erlebten durch das Liebesbündnis eine Verbundenheit, die uns gerade in dieser Zeit überraschte und tröstete. Gleichzeitig entstand die Möglichkeit, unseren Enkeln mehr Zeit zu schenken, so dass sie nicht so früh in die Kinderbetreuung mussten. In unsere Nachbarschaft zogen Familien, die aufgeschlossener für Kontakte sind als die Bewohner vorher, was immer wieder zu spontanen Begegnungen und Gesprächen führt.

 

Was will Gott von uns?

Unser geistlicher Begleiter, der unsere Situation schon vor dem Eklat kannte, fragte uns: Ist es vielleicht eine Vertreibung ins Paradies? Er meinte damit, dass wir frei werden für Menschen, die uns brauchen und bei denen wir willkommen sind. Das hat uns an einen Satz von Pater Kentenich erinnert: „Es ist nicht die Frage, wie wir hier herauskommen, sondern was Gott hier von uns will!“ Nicht, dass wir in Schönstatt nicht auch schon Enttäuschungen erlebt hätten. Aber gerade das gelebte Beispiel unseres Gründers und Erlebnisse mit Menschen in Schönstatt, die von unserer Situation in der Gemeinde nichts wussten, haben uns geholfen, dieses Leid zu tragen. Der Schmerz bleibt, nicht mehr in der Gemeinde vor der Haustür leben und sich engagieren zu können. Pater Kentenich ist Menschen über religiöse Schranken hinweg und ohne Berechnung auf apostolische Effekte hin begegnet, hat sich von ihnen bewegen lassen. Damit hat er uns geholfen, nicht in ein Loch der Verbitterung zu fallen. Vielmehr können wir in dieser Situation einen Sinn sehen und sehr erfüllende und froh machende Erfahrungen entdecken. Diese Offenheit verdanken wir seinem unerschütterlichen Glauben daran, dass Gott es gut mit uns meint, auch wenn er uns „wie mit Eisenhänden anfasst“. Und wir verdanken diese Lebensquelle auch den Menschen, die diese Bündniskultur mit uns teilen und gestalten.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 1