STERBEN LERNEN


 

 

 

 

Gedanken an Sterben und Tod belasten unsere Gefühle. Woran liegt das und wie finden wir zu einer neuen Einstellung gegenüber dem, was uns erwartet?

 

 

Sterben, Tod, das Ungewisse danach – mich befällt Unbehagen und Trauer bei den Gedanken daran, und mein Glaube muss ganz schön dagegen ankämpfen. Ich will nicht sterben, weiß aber, dass ich es eines Tages muss. Es kommt mir vor, als hätte ich zwei widerstreitende Stimmen in mir, die um die Oberhand kämpfen: Zweifel und Angst gegen Vertrauen und Zuversicht.

 

Vertrauen bilden

Da kommt mir eine Geschichte in den Sinn, die Henry J. M. Nouwen erzählt hat. Sie macht mir bewusst, dass ich all das ja schon einmal erlebt, nein „überlebt“ habe: Abschied, Übergang, Aufbruch in etwas fast völlig Unbekanntes, Ausgeliefert-Sein – und dabei so hilflos war wie ein neugebore­nes Kind. Die Geschichte geht so: Im Bauch der Mutter unterhalten sich Zwillinge dar­über, ob es ein Leben nach der Geburt gibt. „Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende, Punktum“, meint der erste Zwilling. Der andere Zwilling antwortet: „Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sor­gen.“ „Mutter? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?“ „Na hier – überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!“ „Quatsch!“, entgegnet der andere Zwilling, „Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gibt es sie auch nicht.“ „Doch, manch­mal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt.“

 

Wenn ich auf mein Leben schaue, dann kann auch ich spüren: Es gibt diese Liebe, die mich trägt und schützt und mir immer wieder Zeichen sendet, dass ich vertrauen kann, dass ich geführt werde. Und trotz­dem: Bei den Gedanken an den Tod verlässt mich diese Zuversicht ganz schnell wieder.

 

Gefühle noch einmal durchleben

Ein sehr erfahrener Hospizbegleiter hat es in einem Vortrag so erklärt: Wir Menschen hätten heute eine solche Angst vor dem Sterben, weil wir mit den damit verbunde­nen Gefühlen nicht umgehen könnten. Er meinte damit nicht nur die Angst vor dem Ungewissen, vor Schmerzen, sondern vor

allem die Gefühle, die im Laufe des Lebens nicht hätten ausgelebt werden dürfen: Die Trauer über mangelnde Liebeserfahrungen, über nicht gelebtes Leben, verpasste Chancen, über nicht verarbeitete Verluste, über Schuld. „Jeder Mensch“, so hat dieser Mann in seiner jahrzehntelangen Erfahrung beobachtet, sterbe erst dann, wenn diese Gefühle in Ordnung gekommen seien. Des-halb werde im Sterbeprozess das ganze Leben noch einmal durchlebt, sogar von Menschen, die etwa auf Grund eines Unfalls sehr schnell stürben. „In diesem Wiederholen der Bilder wächst der Frieden. Irgendwann kommt die Stimme, die sagt: Ja, so war es. Es ist gut.“ Manchen Menschen, so der Hospizbegleiter, falle dieser Prozess aber unheimlich schwer, weil ihre Gefühle schon in der Kindheit nicht ernst genom­men worden seien und weil sie auch im Sterben niemanden hätten, der ihnen helfe, diese Gefühle zuzulassen. Die Angehörigen würden das Sterben von außen vielleicht als langwierig und qualvoll erleben. Aber: „Alle Menschen“, sagte der Hospizbegleiter zum Schluss mit einer tiefen Sicherheit, „alle Menschen gehen in Frieden.“

 

Den eigenen Tod einbetten

Auch ich will einmal in Frieden sterben und ein in sich stimmiges und erfülltes Leben hinter mir zurücklassen. Ich würde gerne voller Vertrauen, ja sogar Freude in ein neues Dasein aufbrechen. Wie würde eine solche Einstellung auf mein jetziges Leben zurückstrahlen? Pater Kentenich hat im KZ in Dachau eine „Sterbe-Übung“ formuliert, die er jeden Abend betete. Sie ist eingebettet in einen Abendsegen und eine Gewissenserforschung: „Nackt liegt unserer Seele Kern vor den Augen unseres Herrn, der als Richter einst erscheint und zum Weltgericht uns eint. Was uns noch gefan­gen hält, lösen jetzt wir freigewählt, geben uns mit Kindessinn gänzlich dir in Christus hin. Teilen Christi Kreuzestod, kosten seine Todesnot wie an unserem Lebensend einst beim Sterbesakrament. Jeden Sinn berührt die Hand, bittet: Lös das Sklavenband, das ihn heute hat umstrickt und der Seele Kraft geknickt.“ Pater Kentenich musste damals täglich mit seinem Tod rechnen, musste miterleben, wie vertraute Menschen am nächsten Tag nicht mehr da waren. Welche Gefühle mögen seine Seele „geknickt“ haben! Aber er hat seine eigene Todesnot in die größere Todesnot Jesu hineingelegt und hat darin einen sicheren Platz gefunden.

 

Heute anfangen

Und ich? Ist mein Tod wirklich so weit weg, dass mich die Todesnot noch nicht beunru­higen muss? Ich weiß es nicht. Wie gut wäre es deshalb, Verzeihen und um Verzeihung bitten, Annehmen und Loslassen schon ab heute immer wieder zu üben, damit es mir am Ende, von dem ich nicht weiß, ob es nicht schon morgen da ist, nicht so schwer­fällt. Ich könnte schon jetzt lernen, mit dem Frieden zu schließen, was gewesen ist. Ich könnte anfangen, mich auf das Wesentliche in meinem Leben zu konzentrieren, und mich bewusst auf das freuen, was kommen wird. Dann würde ich auch die Menschen, die ich liebe und die vielleicht vor mir gehen, leichter ziehen lassen können. Ich könnte mich darin einüben, das Ganze als Teil eines großen, liebevollen Plans zu betrachten, von dem ich nur einen kleinen Teil überhaupt sehen und begreifen kann.

 

Die Perspektive wechseln

In diesem Zusammenhang gefällt mir die Geschichte von dem Segelschiff, die Charles Henry Brent erzählt hat. Das Schiff segelt hinaus aufs weite Meer, bis es am Horizont verschwindet. Alle sagen, dass das Schiff nun verschwunden sei, aber das stimmt nicht: „Gerade in dem Moment, wenn jemand neben mir sagt, es ist verschwunden, gibt es Andere, die es kommen sehen, und andere Stimmen, die freudig Aufschreien: ‚Da kommt es!‘ Das ist Sterben.“ Den Tod als freudiges Empfangen-Werden sehen zu lernen – wie bei der Geburt, wie bei der Ankunft des Segelschiffes! Damit könnte ich Angst und Misstrauen wirklich über­winden und einen Durchbruch zu mehr Lebensfreude finden! Denn, so lange meine Lebensfreude vor dem Tod jäh halt macht, ist sie wie ein Betäubungsmittel, das wieder nachlässt und dem Schmerz weicht. Sie hat keinen Bestand für die Ewigkeit.

 

Sich erwartet wissen

Der Schriftsteller Klaus Mann hat in sein Tagebuch geschrieben, nachdem er vom Freitod eines Freundes erfahren hatte: „Der Tod ist mir eine vertraute Gegend geworden, seit ein so inniger Vertreter meines irdischen Lebens sich ihm, dem Tode, der mir einst so fremd tat, freiwillig anvertraut hat. Wo ein Freund wohnt, kennt man sich doch schon etwas aus, ehe man selber hin­kommt.“ Wie tief kann ich diesen Satz von meinem Glauben her nachem­pfinden: Auch mein Freund ist schon dort, er hat mir sogar eine Wohnung bereitet und wartet auf mich.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 1