VOM SCHMERZ UND SEGEN DES LOSLASSENS


 

 

 

 

Mit leichtem Gepäck reist es sich bekanntlich einfacher. Das wissen wir nicht erst seit dem Lied der Musikgruppe „Silbermond“. Zuvor müssen wir aber lernen, loszulassen – und das ist nicht ganz so einfach.

 

 

Wie immer sind wir im vergangenen Jahr an Allerseelen als Familie zum nahe gelegenen Friedhof in unserem Dorf gepilgert und haben gemeinsam mit unserem Diakon im Kreis einer kleinen Gruppe Andacht

gehal­ten. Eine Passage, die der Diakon gelesen hat, sollte uns Gläubigen eigentlich ein Trost sein: „Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, trägt es viel Frucht.“ Jesus sagt das, und wir können seinen Worten vertrauen. Aber wie schwer fällt uns das. Abschied nehmen müssen von lie­ben Menschen erfüllt jeden von uns immer mit tiefer Trauer.

 

Winkend Abschied nehmen

Ich erinnerte mich in diesem Moment an eine Geschichte aus China, die Rüdiger Safranski in seinem Buch „Wie viel Wahrheit braucht der Mensch?“ erzählt. Ein Maler, der alt geworden war und einsam über der Arbeit an einem einzigen Bilde, lädt schließlich, als es fertig war, alle seine Freunde ein. Sie umstehen und betrachten das Bild. Es zeigt einen Park und einen schmalen Weg, der zwischen Wiesen lang­sam empor führt zu einem Haus auf der Anhöhe. Die Freunde wenden sich dem Maler zu, aber der ist nicht mehr da. Sie blicken ins Bild und sehen ihn den Weg hinaufsteigen und die Tür öffnen. Dort an der Schwelle steht er eine Zeit lang still, er dreht sich um, lächelt, winkt noch einmal und verschwindet, sorgfältig die gemalte Tür hinter sich schließend.

 

Der Segen bleibt

Abschied hat immer etwas Schmerzhaftes. Lange Zeit habe ich deshalb auch Christi Himmelfahrt mit gemischten Gefühlen betrachtet. Schließlich steigt er in den Himmel auf und lässt seine Jünger rat­los zurück. Aber tut er das wirklich? Am Schluss des Lukas-Evangeliums heißt es, dass Jesus die Seinen in die Nähe von Bethanien führt. „Dort erhob er seine Hände und segnete sie. Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben“. Unser emeritier­ter Papst Benedikt XVI. sagt dazu: „Jesus scheidet segnend. Segnend geht er, und im Segen bleibt er. Seine Hände bleiben aus­gebreitet über diese Welt. Die segnenden Hände Christi sind wie ein Dach, das uns schützt.“ Welch starke Worte des Trostes.

 

Das Bild ist noch vor meinem Auge, als der Diakon mit seiner Andacht fortfuhr und den Kairos erwähnte, den altgriechi­schen Gott des richtigen Augenblicks. Für uns Christen meint Kairos den göttlichen Zeitpunkt, erfüllte Zeit. „Als die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn“ (Galater 4,4). Der Herr ist da und unter uns, und wir als „Erdlinge“ können ihm nachfol­gen und die uns bietenden Chancen, den Kairos, beim Schopf packen. Und sollten wir uns nicht mehr von unseren Heiligen inspirieren lassen? Aber auch das ist schwer genug. Bischof Dr. Gerhard Feige bringt das sehr gut in seinen Gedanken zu den Seligpreisungen Jesu zum Ausdruck. Er bittet seine Zuhörer, sich vorzustellen, Sie bekämen eine Karte mit folgendem Inhalt: „Ich wünsche Ihnen, dass Sie bedürftig sind, dass Sie trauern, dass sie keine Gewalt anwenden, sondern Frieden stiften, dass Sie hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, dass Sie barmherzig sind und dass Sie ein reines Herz haben. Manche, so der Bischof weiter, würden sich wundern, nicht wenige sich sogar ärgern.

 

Eben deshalb lassen wir viele Chancen im Leben ungenutzt. Eben deshalb macht uns unsere Herzensträgheit so oft einen Strich durch die Rechnung. Eben deshalb lassen wir viele Ehegespräche aus. Und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

 

Zum Glück müssen wir diesen schweren Rucksack der verpassten Möglichkeiten nicht mit uns herumschleppen. Er würde irgendwann zu schwer. Wir dürfen ihn am Ende des Tages Maria immer wieder in den Schoß schütten und am nächsten Tag wie­der mit leichtem Gepäck losziehen.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 1