SCHAM – ZWISCHEN TABU UND SCHUTZFUNKTION


 

 

 

 

Das Gefühl der Scham hat viele Facetten – wie gehen wir damit um?

 

 

Sich schämen können gehört zu unserer biologischen Grundausstattung, auch wenn die Anlässe sehr unterschiedlich sein kön­nen und in den verschiedenen Kulturen von-einander abweichen. Auch haben Antidiskriminierungswellen, die durch die Länder Europas geschwappt sind, viel dazu beige­tragen, dass sich Schamgründe in wohl-tuendes nichts aufgelöst haben. Auf Familientagungen mit behinderten Kindern wurde mir glaubwürdig berichtet, dass noch in den 50er Jahren behinderte Kinder „versteckt“ worden sind, das heißt man ließ sich mit ihnen draußen nicht sehen. Nur die unvermeidlichen Arztbesuche wurden absolviert. Von daher ist das Anliegen der Inklusion nur zu begrüßen, dass man Behinderte mit in das ganz normale all­tägliche Leben zu integrieren versucht. Es hat sich in den letzten Jahrzehnten Gott sei Dank in dieser Richtung viel getan.

Und doch wird der gesellschaftliche Druck mehr oder weniger stark wahrgenommen oder teilweise auch vermutet: Sei gesund, groß, stark, sportlich, jung, schlank, lei­stungsfähig, gut gelaunt, fehlerlos, berufs­tätig, fleißig, gebildet, erfolgreich, wohl­habend und unabhängig! Und wenn man diesem Ideal nicht entspricht, dann wächst die Scham.

Ein Kabarettist hat einmal gesagt: „Natürlich sind wir das Volk der Denker und Dichter. Ständig denken wir darüber nach, was wohl die anderen über uns denken.“ Um von dieser Menschenfurcht befreit zu werden, habe ich öfters schon in Vorträgen das Sprichwort zitiert: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz ungeniert.“ Das Gelächter der Zuhörer machte deutlich: Damit berührte ich eine Störzone im Selbstwertgefühl, die von vielen so emp­funden wird.

 

Variationen von Schamgefühl

In allen vier Evangelien wird uns von der Verleugnung Jesu durch Petrus berichtet. Und für einen Israel-Pilger gehört der Besuch in der Kirche „Galli cantu“ (=Hahnenschrei) zum unbedingten Muss. In dieser bewegenden Begebenheit begegnen uns zwei Formen der Scham. Zunächst schämt sich Petrus, zu diesem angeklagten Jesus und seinen Jüngern zu gehören. Gruppenscham.

 

Nachdem der Hahn gekräht hatte, erinner­te sich Petrus an die Vorhersage Jesu und schämte sich, weil er Jesus verraten hatte. Gewissensscham.

In einer Einladung zu einer Hochzeit am Tegernsee war gleich der Dress-Code mit angegeben. Wer von den Gästen in Jeans und T-Shirt gekommen wäre, hätte sich vermutlich geschämt. Anpassungsscham. Bei einer Messfeier schämte ich mich für die Versprecher und Grammatikfehler des befreundeten Predigers. Mitgefühlte oder empathische Scham. Im Rahmen der Taufvorbereitung besuchte ich einmal eine alleinerziehende Mutter. Sie war gerade dabei, ihre dreijährige Tochter zu baden. „Was hast du denn? Den Pfarrer kennst du doch!“ Damit hatte die Mutter zwar recht, aber die Kleine hatte ein feines Gespür, dass ich nicht zum engen Familienkreis gehör­te. Intimitätsscham. Wird die Privatsphäre eines Menschen gewaltsam verletzt durch Missbrauch oder Vergewaltigung, dann schämen sich die Opfer für das Geschehene. In der sich hinziehenden #me-too-Debatte finden Frauen nach Jahrzehnten endlich den Mut, über das Erlittene zu reden. Da müssen wir von traumatischer Scham sprechen. Menschen schämen sich, weil sie ihren Arbeitsplatz verloren haben. Wer versagt, schämt sich.

 

Scham und Ehrfurcht

Wenn also Scham in den unterschiedlich­sten Spielarten zu unserer emotionalen Grundausstattung gehört, dann ist Schamlosigkeit nicht die Befreiung von Scham, sondern da wird etwas in der tieferen Schicht der Persönlichkeit zerstört. Pater Kentenich wies immer wieder darauf hin, dass das Schamgefühl als solches „blind“ ist; es gehört genauso entwickelt und geformt wie andere Emotionen. Die komplemen­täre Haltung zur Scham ist die Ehrfurcht. Erst im Zusammenspiel beider Haltungen wächst eine Persönlichkeit heran, die auf neue Weise unbefangen und damit frei ist.

 

Am 16. Oktober 1946 hielt Pater Kentenich in Schönstatt einen Vortrag. Darin sagte er unter anderem: „Das Kind, auch der Erwachsene verlangen viel Ehrfurcht. Wir berufen uns auf das Wort: ‚Wenn die Eltern sich nicht in tiefer Ehrfurcht beugen vor der Größe des Kindes, wenn in ihrem Sprachschatz Kind und Majestät (nicht) gleichbedeutend sind, wenn die Eltern in ihrem Kinde nicht die Geschicke der Zukunft und die Geschicke der Welt in ihren Armen tragen, sind sie nicht wert, Eltern und Erzieher zu sein. Tun sie das aber, dann wissen sie, dass sie den Kindern ebenso wenig ihre eigenen fragwürdigen Gesetze und Ansichten aufdrängen können, wie man den Sternen ihren Lauf vorschreiben darf.‘ Hören Sie bitte heraus, was in diesem Worte mitklingt: Ehrfurcht vor dem Leben.“

(J. Kentenich in: Das katholische Menschenbild)

 

Pater Kentenich hatte, als er das sagte, drei Jahre als Häftling in Dachau hinter sich, wo die Würde der Häftlinge mit Füßen getre­ten worden war.

 

In einem Kurs für angehende Priester sagte er am 16.1.1963: „Wenn Sie später als Priester wirken wollen, müssen Sie immer dafür sor­gen, dass die Ehrfurcht der Grundton Ihres Wesens ist. Das heißt jetzt nicht: Ich darf keinen Scherz machen. Wenn ich andere Arten anerkenne, dann ist dieses Frohsein untereinander, das Aufziehen, wenn es sich in Grenzen hält, auch ein Ausdruck der Ehrfurcht.“

(J. Kentenich in: Desiderio desideravi Bd. 3, S.98)

 

Scham und Spott

Jean Jacques Rousseau bekannte: „Ich habe den ersten Schritt, der mir am schwersten geworden ist, in das düstre und schmutzige Labyrinth meiner Bekenntnisse getan. Nicht das Geständnis dessen, was verbrecherisch ist, kostet am meisten Überwindung, son­dern die offene Einräumung dessen, was lächerlich und beschämend ist.“

(J. J. Rousseau, Confessions du Promeneur solitaire)

 

Wenn also der Spott so viel Leid bei den Verspotteten auslöst und die Angst vor der Blamage manchen Schüchternen daran hindert, aus sich herauszugehen und etwas zu wagen, dann können wir im Umkehrschluss sagen: Wer sich Spott ver­kneift, der garantiert ein Klima der Würde.

Was für den Operationssaal die Keimfreiheit bedeutet, das bedeutet die Ehrfurcht für die Möglichkeit der Seelenöffnung. Diese wiederum ermöglicht seelische Nähe und überwindet Einsamkeit. Wenn wir einander ehrfürchtig begegnen, dann laden wir den anderen ein, sich zu öffnen, die Scham zu überwinden und auch Schwächeerlebnisse nicht zu tabuisieren. Der Gewinn an see­lischer Nähe und innerer Freiheit ist der Lohn.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 2