ICH BIN GUT, SO WIE ICH BIN!



 

 

 

 

Oder doch nicht?  Gedanken zum Gefühl der Scham

 

 

Ich war keine gute Schülerin. Vor allem die Sprachen machten mir das Leben schwer. In der siebten Klasse, nachdem ich die dritte sehr schlechte Note in Englisch geschrieben hatte, kam mein damaliger Englischlehrer zu mir, beugte sich ganz nah zu mir herunter und flüsterte mir mit gehässigem Grinsen zu, dass aus mir im Leben nie etwas werden würde. Ich hörte fast zu atmen auf. Das traf mich bis ins Mark. So sehr schämte ich mich, dass ich viele Jahre niemandem davon erzählte.

 

Eine Freundin erzählte vor einiger Zeit aus ihrer Kindheit. Mit ihrer Schwester und ihren Eltern besuchte sie immer wieder Verwandte. Für sie war das schrecklich, denn der Bruder ihres Vaters bemerkte jedes Mal, dass sie doch wohl etwas zu dicklich sei und besser auf das zweite Stück Kuchen verzichten solle, wenn sie mal einen Mann haben wolle. Er sagte das lachend in die Runde der Verwandten, alle lachten mehr oder weniger mit – und sie wäre am lieb­sten in den Boden hinein versunken.

 

Ein Bekannter verlor seine Arbeitsstelle. Er ging noch viele Wochen morgens aus dem Haus und kehrte zur gewohnten Zeit wieder heim. Er suchte in dieser Zeit hän­deringend nach einer neuen Arbeitsstelle. Dann endlich fasste er den Mut, seiner Frau davon zu erzählen. Es war für ihn ent­setzlich. Er fühlte sich unfähig und nutzlos und schämte sich, dass er seine Familie nicht mehr ernähren konnte.

 

Aspekte der Scham

All das sind Aspekte der Scham. Und jede und jeder von uns kann weitere Beispiele hinzufügen. Das beginnt beim unguten Gefühl, wenn plötzlich Besuch vor der Türe steht und mal wieder nicht aufgeräumt ist, und geht bis zum tiefen Gefühl des Versagens, dass das eigene Kind mit dem Leben nicht zurechtkommt. Das beginnt mit dem blöden Gefühl, wenn Lebensmittel wegge­worfen werden, weil nicht so eingekauft wurde, dass nichts übrig bleibt. Und geht bis zur tiefen Scham, den eigenen Partner betrogen oder nächtelang auf Pornoseiten gesurft zu haben.

Was ist das eigentlich, dieses Gefühl der Scham? Im Gegensatz zur Schuld, die unser Handeln objektiv oder subjektiv negativ wertet, bezieht sich die Scham auf unser Sein. So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Mit mir selbst stimmt was nicht. Wir selbst oder andere beurteilen unser Sein, unsere Identität und stellen eine Abweichung zu einem von wem auch immer gewünschten Ideal fest.

 

Scham als Schutz oder als Selbstzerstörung

In einem Bericht lese ich, dass die Geschichte der Scham bei „Adam und Eva“ beginnt. Nachdem sie vom Apfel der Erkenntnis gegessen hatten, erkannten sie ihre Verschiedenheit und erlebten sich als getrennt von Gott – und voneinander. Das Feigenblatt zeigt symbolisch diese Grenze – oder auch den Wunsch nach Schutz und Abgrenzung. Das scheint mir eine span­nende Spur zu sein. Im Erleben der Verschiedenheit entwickelt sich auch die eige­ne Identität. Jeder ist anders und das ist gut so. Gleichzeitig haben wir alle den Wunsch nach Zugehörigkeit und Verbundenheit. Also dürfen wir auch nicht zu weit aus der vermeintlichen Norm herausfallen. Das Schamgefühl schützt uns Menschen einer­seits, andererseits gibt es uns das gefährli­che Gefühl, ungenügend, klein und man­gelhaft zu sein.

 

Scham ist also das schmerzhafte Gefühl oder die verletzende Erfahrung, dass wir fehlerhaft sind und deswegen möglicherweise keine Liebe und Zuneigung verdienen. Je stärker wir diesen Zusammenhang schon in unse­rer Kindheit erlebt haben, desto mühsamer wird es im Erwachsenenalter.

 

Zwischen Ideal und Wirklichkeit

Wie schön wäre es dagegen, wenn wir anerkennen, dass wir alle Fehler machen, dass wir alle verletzlich sind, dass wir alle scheitern, dass wir alle immer wieder hin­ter unseren Ansprüchen zurückbleiben. Das ist das Spannungsfeld zwischen Ideal und Wirklichkeit. Das Ideal an sich ist ja nicht schlecht, im Gegenteil, es fordert und fördert mich. Wenig hilfreich ist es nur, wenn ich mich abwerte und klein mache, wenn ich es nicht erreiche.

 

Ich fahre zum Beispiel in unserer Großstadt nicht gerne Auto, und weil ich das nicht gerne tue, kann ich es auch nicht besonders gut. Und fahre deswegen auch nicht. Ich habe lange damit gehadert, muss eine selbständige und emanzipierte Frau in unserer Zeit nicht Auto fahren? Das ist doch ein Mangel, ein Makel! Ich habe mich geschämt, das passt so gar nicht zu meinem Selbstbild. Und vielleicht schäme ich mich immer noch ein bisschen.

 

Wie schön ist da hingegen der Gedanke, dass wir alle geliebte Kinder Gottes sind, vor aller Leistung. Das wird uns in der Bibel zugesagt! Und gleichzeitig stolpere ich über das Wort „Gedanke“. Viele den­ken und „wissen“, dass wir geliebte Kinder Gottes sind, und lesen und hören können wir das auch in vielen Büchern, Artikeln oder Predigten. Aber fühlen wir das auch? Spüren wir es tief in uns? Oder ist da immer noch so ein kleiner Zwerg, der mir ins Ohr flüstert, dass das doch gar nicht sein kann …?!

 

Mut, zu mir selbst zu stehen

Scham hat auch etwas mit Mut zu tun! Das gefällt mir! Sie fordert meinen Mut heraus, zu mir zu stehen und diesem kleinen Zwerg zu entgegnen, dass ich so, wie ich bin, gut bin, mit allem Können und Nichtkönnen, mit allen Stärken und Schwächen! Nur so können wir wachsen! Immer wieder stoße ich auf die Formulierung, dass wir Menschen lernen dürfen, unsere eigenen Schatten zu umarmen. Das Dunkle in jedem von uns hat eine gewaltige Macht über uns, wenn wir es im Dunkeln lassen. Im Licht besehen werden die Schatten dann doch eher kleiner …

 

Wir alle brauchen dazu aber auch die Offenheit für einander und für unsere Fehler und die vermeintlichen Mängel. Als ich meiner Chefin vor kurzem gesagt habe, dass ich eine Situation falsch eingeschätzt habe und deswegen einen Fehler gemacht habe, erwiderte sie nur, dass wir alle Fehler machen. Das tat gut! Und wenn ich bei meinem Mann erlebe, dass er mich liebt, auch wenn ich schwach und unzulänglich bin, dann stärkt mich das und ich kann mutig weiter auf meinem Weg zu mir selbst und zu Gott gehen. Denn ER kennt meine Schwächen sowieso.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 2