UN-VERSCHÄMT


 

 

 

 

Vom Sinn der Scham und ihrer Schutzfunktion für unsere Kinder

 

„Ach, hab dich doch nicht so; es wird dir schon keiner etwas abschauen!“ Der Schulfreund unseres damals siebenjährigen Sohnes musste aus irgendeinem Grund noch seine Hose wechseln. Der Junge ge- nierte sich, sich mitten in der Diele im Beisein anderer Leute einfach umzuzie­hen, aber seine Mutter hatte nicht viel Verständnis dafür und es fiel der genannte Satz. Die Szene blieb uns in Erinnerung und regte uns zum Nachdenken an:

•          Wie machen wir das mit unseren Kindern?

•          Hätten wir genauso reagiert?

•          Nehmen wir die Signale, die von unseren Kindern kommen, eigentlich auf?

•          Unterstützen wir etwa Verklemmtheit, wenn wir auf das leise Regen von Schamgefühl eingehen?

•          Welchen Wert hat denn eigentlich ein gesundes Schamgefühl?

 

Natürliches Schamempfinden

Da war offensichtlich ein natürliches Schamempfinden in dem Jungen gerade am Wachsen. Irgendwann kommt es nor­malerweise bei jedem Kind: Man will sich nicht mehr überall umziehen, man emp­findet vieles als peinlich, man geniert sich schon mal. Uns war es wichtig, diese Entwicklung wohlwollend zu unterstützen. Wir meinen, dass es gut ist, wenn beim Kind ein gesundes Gefühl für einen eige­nen inneren Schutzraum wächst, der seine Würde, seine Persönlichkeit und auch seine Unversehrtheit schützen kann. Das bedeu­tet dann ganz konkret: Beim Kleidereinkauf darf natürlich auch das Kind mit zugezoge­nem Vorhang in die Umkleidekabine. Oder am Strand lässt sich mit einem Badetuch oder einer Strandmuschel für das Kind eine Umkleidekabine improvisieren, die genau diesen Schutzraum verschafft.

 

Schamgefühl – was ist das eigentlich?

Für nicht wenige hört sich das irgendwie verstaubt und absolut nicht mehr zeitge­mäß an. Umgekehrt ist das Wort „unver­schämt“ in unserem Sprachgebrauch geläu­figer und es ist eindeutig negativ belegt. Was meinen wir, wenn wir jemanden als unverschämt bezeichnen? Wir wollen unserem Gegenüber klarmachen, dass er taktlos ist, dass er keine Achtung und kein Gefühl für die Würde des anderen hat. Vielleicht sind wir da schon ganz gut auf der Spur, was der Sinn eines gesun­den Schamgefühls ist: Es geht um meine persönliche Würde, die ich nicht jedem preisgebe. „Der Verlust von Scham ist das erste Zeichen des Schwachsinns“, diese Beobachtung von Siegmund Freud macht diesen Zusammenhang deutlich zwischen einem gesunden Schamgefühl und einer seelischen Stabilität.

 

Schutz der Würde und des Persönlichkeitskerns

Pater Kentenich hat das Schamgefühl ein­mal mit einem Augenlid verglichen: Das Lid hat die Funktion, das Auge zu schützen und kann hierfür spontan und automatisch reagieren. Das Schamgefühl ist eine natür­liche Schutzreaktion und will unseren inne­ren Persönlichkeitskern schützen. Diesen Schutz ihres innersten Persönlichkeitskerns wünschen wir uns für unsere Kinder. Wie kann es gelingen, dass sich dieser in einer gesunden Weise entfaltet? Ein wesentlicher Faktor scheint uns zu sein, mit wie viel Respekt und Ehrfurcht wir unseren Kindern begegnen. Das beginnt schon beim Kleinkind, in welcher Atmosphäre und in welcher Weise wir ihm die Windeln wech­seln. Und je größer das Kind wird, umso mehr eigene Intimsphäre dürfen wir ihm dann zugestehen: Wenn wir an der Zimmertür klopfen und nicht einfach herein­stürmen, wenn wir respektieren, dass es die Badtüre abschließt; wenn wir seine per­sönlichen Dinge respektieren, Briefe oder kleine persönliche Kostbarkeiten in der Nachttischschublade.

 

Kein Lachen auf Kosten des Kindes

Solange die Kinder noch klein sind, haben wir als Eltern eine besondere Verantwortung, sie vor „unverschämten“ Blicken zu schüt­zen. Das gilt nicht nur für die körperliche Ebene, sondern auch für die seelische: Ehrfurcht vor dem Kind bedeutet dann auch, keine Anekdoten weiterzuerzählen, die das Kind als peinlich empfin­det. Wie schön, wenn das Kind weiß, dass Mama und Papa die peinliche Geschichte nicht gleich aller Welt weitererzählen, auch wenn sie in den Augen der Erwachsenen noch so komisch war. Es wäre ein Lachen auf Kosten des Kindes. Aus eigener Erfahrung wissen wir, wie schwer es ist, da als Eltern lieber still zu sein.

 

Balance zwischen gesunder Scham und Ängstlichkeit

Natürlich ist es eine Gratwanderung, dass weder das Schamgefühl verloren geht, noch eine ängstliche Verklemmtheit ent­steht. Deshalb ist es gut, den Körper mit einem positiven Blick anzuschauen: Die Kinder eine Freude an ihrem Körper spü­ren lassen, wie schön er ist und was er Kraftvolles leisten kann. Wenn unsere Grundhaltung getragen ist von einer Ehrfurcht vor dem Kind, dann werden wir die richtige Balance finden. Wie immer in der Erziehung lernen die Kinder das meiste von dem, wie die Eltern es leben. Wie ist die Grundatmosphäre in unserer Familie und in unserer Ehe? Was für eine Beziehung haben wir zu unserem Körper? Erleben die Kinder auch bei uns, dass wir einander mit Ehrfurcht begegnen, den Partner nicht lächerlich machen oder bloßstellen?

 

Privatsphäre und soziale Netzwerke

Ein Blick in Facebook oder andere sozi­ale Netzwerke zeigt uns, wie ungeniert oftmals Privates öffentlich gemacht wird, ohne abschätzen zu können, wer dies alles anschauen wird: Da werden lustige Filmchen von den eigenen Kindern gepo­stet oder persönliche Freuden, Leid und Schmerz einem breiten Publikum zugäng­lich gemacht. Es geht da oft ganz „un-verschämt“ zu. Das prägt eine Kultur, in der alles vor aller Welt ausgebreitet wird, eine Kultur, die keinen Wert von einer abgeschlossenen Privatsphäre kennt und letztlich abhärtet gegen jedes Gefühl, etwas peinlich zu empfinden.

 

Vor diesem Hintergrund wird ganz deut­lich, dass nicht nur wir unsere Kinder und Jugendlichen prägen, sondern dass es noch viele Miterzieher gibt, die bisweilen unserer Erziehungsarbeit entgegenwirken. Das ist oft eine Herausforderung, der wir als Eltern ohnmächtig gegenüberstehen. Deshalb haben wir gerne immer wieder unsere Kinder im Gebet vor Gott und die Gottesmutter gebracht im Vertrauen darauf, dass wir in ihnen gute Verbündete haben.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 2