MIT LEICHTEM GEPÄCK



 

 

 

 

Vom Wegwerfen und Verschenken

 

 

Im Laufe des Lebens sammelt sich allerhand an in der Wohnung einer Familie: auf dem Dachboden und im Keller, in Schränken und Regalen, auf Tischen und Fensterbänken. Rund 10.000 Dinge besitzt – statistisch gesehen – Otto Normalverbraucher. Wohlgemerkt: ein Einzelner, nicht die gesamte Familie! In Zeiten des Übergangs – etwa wenn die Kinder aus dem Haus sind und neue Ziele bestimmt werden – wachen manche auf. Es ist Zeit, das Leben zu entrümpeln …

 

Die dementen Eltern sind über 80 Jahre alt und im Pflegeheim. Kinder und Enkel räumen die Wohnung aus. Unvorstellbar, was sich im Laufe eines Lebens angesammelt hat. Mit einer Kraftanstrengung wird aus-gemistet und weggetragen. Die Überbleibsel werden an die Nachkommen verteilt, an Bekannte verschenkt oder weggeworfen. Christa, eine der Töchter des betagten Paares, nimmt diese Erfahrung zum Anlass, mit ihrem Mann Christoph auch im eigenen Haushalt aufzuräumen.

 

Haben oder Sein?

Bald haben die beiden Mittvierziger zehn Kartons gefüllt, die sie auf dem Wertstoffhof entsorgen. Weitere Kisten – voll mit „Stehrümmchen“– laden sie ins Auto, um sie auf dem Flohmarkt an die Frau bzw. an den Mann zu bringen. Gut erhaltene Möbel und kaum getragene Kleidung spenden sie an gemeinnützige Organisationen. Nach zwei Wochen atmen Christa und Christoph auf: „Endlich wieder Platz in den Schränken und Zimmern!“ Sie nehmen sich vor, sich künftig nicht mehr mit dem Entstauben von Besitztümern zu plagen. Sie wollen nicht mehr so viel investieren in das Haben, sondern in das Sein.

 

Was brauchen wir zum Glücklichsein?

Mahatma Gandhi soll nur fünf Dinge besessen haben: eine Uhr, eine Brille, Sandalen sowie einen Teller und eine Schüssel. Mehr nicht. Der Lebensstil des bekannten indischen Staatsmannes und Reformators kann uns anregen, darüber nachzudenken, was wir selber zum Leben und zum Glücklichsein brauchen. Im Laufe eines Familienlebens häuft sich eine Menge Besitz an. Die Kinder bekommen zuhauf Spielzeug geschenkt, alljährlich wird modische Kleidung gekauft, es gibt Deko und Nippes für jede Jahreszeit und Gelegenheit. Hinzu kommen die kleinen Geschenke, die Freunde und Bekannte mitbringen – und die in schon übervollen Schränken verstaut werden wollen.

 

Vorsorgen und Vergleichen

Wegwerfen ist für den einen oder die andere schwer: Man könnte die Sache ja noch mal irgendwann gebrauchen ... Zur Entlastung können wir uns sagen, dass wir das Horten von Dingen als Kriegsenkel von den Eltern, die Kriegskinder waren, gelernt haben. Der Mensch bunkert bekanntlich aus Angst vor künftigen Notlagen, so jedenfalls die Erklärung der Soziologen.

Der Psychologe Jens Förster weist in seinem Buch „Was das Haben mit dem Sein macht“ auf zwei weitere Verführungsmomente hin: Zum einen ist da das Greifbare eines Gegenstandes. Das begehrte Ding – das hochwertige Smartphone, die schicken Sportschuhe – kann ich ansehen und direkt käuflich erwerben. Zum an- deren vergleichen wir uns ständig mit anderen Menschen. Dabei ist klar: Wir wollen nicht schlechter dastehen. Früher schaute man, welches Auto der Nachbar vor seiner Garage parkte. Heute bringt uns ein überdimensionierter Fernseher den Lifestyle der Superreichen ins Wohnzimmer. Im Grunde werden wir manipuliert. Man lullt uns ein und macht uns glauben: „Ihr könnt euch das auch leisten. Kauft das jetzt – wenn es sein muss, auf Pump!“

 

Platz schaffen für das Leben

Dabei übersehen wir ein Phänomen, das Psychologen „hedonistische Anpassung“ nennen: Nach etwa drei Monaten haben wir uns an jedes neue Ding gewöhnt. Man streicht nicht mehr sanft und vorsichtig über den Touchscreen des iPhones, und das einst blitzblanke Cabrio steht an einem sonnigen Tag verschmutzt vor der Garagentür. Wenn wir ehrlich sind: Wir brauchen eigentlich viel weniger, als wir denken. Und so kommt vielleicht der Tag, an dem die überfüllte Wohnung ausgeräumt wird. Wir schaffen gemeinsam Platz für neues Leben und für Dinge, die uns wirklich etwas bedeuten.

 

 

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 2