OHNE GEHT GAR NICHT – MIT IST ANSTRENGEND


 

 

 

 

Wie gehen wir als Familie mit den modernen Medien um?

 

„Peter ist gerade auf Klassenfahrt. Wenn wir ihn per WhatsApp fragen, wie es ihm geht, kommt ein ,jaja, alles gut‘. Aber dann die Fotos! Super Landschaft, und sein fröhliches Gesicht auf dem Selfie sagt mehr als eine lange Mail!“, erzählt meine Freundin Conny. Und wir erinnern uns an diesen schönen Sommertag auf der Bella Tola, einem Dreitausender, von dem aus man eine geniale Aussicht hat. Mit unsren zwei Jungs waren wir hinaufgestiegen, auf dem Gipfel klingelte das Handy. „Papa, ich krieg das Wasser nicht warm“, klagte unsere Älteste, die schon heimgefahren war. Also hatten die anderen Bergsteiger ebenfalls keine Wahl, sie mussten sich die Betriebsanleitung unsres Heizsystems eben auf dem Gipfel anhören.

 

Vor einigen Jahren waren wir als Familie für sieben Monate in Südamerika. Wir bangten: Wie wird das für unsere Kinder sein, wenn sie aus ihren Freundeskreisen herausgerissen werden? Werden sie den Anschluss wieder finden? Kein Problem dank Internet! Und wie praktisch: Da wir dafür jedes Mal unsere Wohnung verlassen mussten, war die Zeit, die die Kinder abends dafür nutzten, automatisch beschränkt. Allerdings wunderten wir uns, dass ein Freund unserer Kinder, der damals in der Oberstufe war, immer so spät noch chatten durfte – die Zeitverschiebung brachte es mit sich, dass bei ihm in Deutschland dann schon Mitternacht längst vorbei war. Später wurde uns klar: Diese Aktionen waren nicht mit den Eltern abgesprochen. Er musste die elfte Klasse wiederholen.

 

Fluch und Segen

Neue Medien – Fluch und Segen zugleich. Wir können in Kontakt bleiben. In unserem Umfeld gibt es kaum eine Familie ohne eine „Familiengruppe“ bei einem der großen Anbieter. Schnell können Infos ausgetauscht werden, ohne Zeitverlust können schöne Erlebnisse geteilt werden. Kleine Kinder können sich sicher sein, dass sie die Eltern schnell erreichen, wenn es nötig ist. Jugendliche und Studierende können unkompliziert schnell mal etwas loswerden.

 

Gleichzeitig ist die Spiel-und Computersucht schon bei größeren Kindern keine seltene Sache mehr: 5,8 Prozent der Kinder zwischen zwölf und 17 Jahren waren nach dem Deutschen Ärzteblatt 2016 betroffen. Es sind der Studie zufolge mehr Mädchen als Jungen. Die älteren (18-25 Jahre) sind „nur“ mit 2,8 Prozent betroffen – was zu unserer Beobachtung passt, dass in diesem Alter die anfängliche Begeisterung abgekühlt ist und die jungen Erwachsenen pragmatischer an das Internet herangehen. Im Internet werden Verbrechen angebahnt, falsche Identitäten vorgetäuscht, die Kommunikation ist leichter oberflächlich und beleidigend, Attentate werden per Facebook, YouTube, Twitter und telegram vorbereitet. Pornoseiten machen ein Drittel des Internet-Traffics aus. Ein Kind, das nicht spätestens in der 5. Klasse ein Smartphone hat, ist von der Klassengruppe ausgeschlossen. Das verkraftet nicht jeder. Kinder und Jugendliche verbringen täglich durchschnittlich 192 Minuten vor dem Smartphone.

 

Bewähren, nicht bewahren

So, und was machen wir jetzt als Familien damit? Wie können wir unseren Kindern und Jugendlichen helfen, mit der suggerierten Unendlichkeit an Möglichkeiten von Kontakt, Information und Unterhaltung zurechtzukommen? Klar ist: Während vielleicht manche Erwachsene noch am Hadern sind, wachsen unsere Kinder ganz selbstverständlich mit den neuen Medien auf. Pater Kentenich prägte die Formel: „Bewähren, nicht bewahren“. Wenn wir diese ernst nehmen, dann können wir uns den neuen Kommunikationswegen nicht verwehren, auch wenn wir die Mahnung des Ulmer Hirnforschers Manfred Spitzer ernst nehmen: Kinder lernen in erster Linie durch soziale Kontakte, freies Spiel, Bewegung und sollten deswegen auf keinen Fall lange vor dem Bildschirm oder hinter dem Handy hocken. Vielfältige Synapsen sollen sich in den jungen Hirnen bilden können. Empathie und Einfühlungsvermögen lernen die Kinder nicht vor dem unpersönlichen Computer.

 

Erzogene Erzieher

Unsere Kinder brauchen auch für diesen Lebensbereich zunächst einmal gute Vorbilder, erzogene Erzieher. Pater Kentenich hat vor über 100 Jahren Jugendlichen gesagt: „Je mehr äußerer Fortschritt, desto größere innere Vertiefung.“ Und für die Erziehung war er der Meinung: Eltern erziehen nicht in erster Linie „durch Verbote, sondern durch die Kraft, durch den inneren Reichtum ihrer Persönlichkeit.“

 

Das heißt für uns: Nutzen wir die neuen Medien positiv? Konkret: Setzen wir uns selbst dabei Grenzen? Nur dann können wir das von unseren Kindern auch verlangen. Und: Nutzen wir sie so, dass wir die Würde der Menschen achten? Leben wir unseren Kindern die geforderte Verantwortung vor? Wo nehmen wir Kontakt auf, wo verzichten wir darauf, was möchten wir wissen, wo verweigern wir uns der Informationsflut? Nutzen wir die Medien, um Frust abzulassen, um Dinge vor uns herzuschieben, werden wir Opfer von Zeitfressern? Und: Was passt eigentlich zu meiner Lebensmelodie, was nicht? Wenn wir es schaffen, uns von dieser Frage auch bei unserer persönlichen Mediennutzung leiten zu lassen, dann werden wir authentisch – und werden von Kindern und Jugendlichen auch eher als stimmig angenommen.

 

Beziehungspflege am Esstisch

Wir haben die Regel, dass bei unseren Mahlzeiten kein Smartphone auf dem  Esstisch oder in der Hosentasche ist. Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass es nicht immer unsere Kinder sind, denen das besonders schwer fällt! Beim Essen lernen Kinder abseits von der „0-oder-1-Kommunikation“, von den „Ja-Nein-Alternativen“ im Internet, von der Anonymität in den Foren Ernsthaftigkeit, Ehrlichkeit, Respekt, aktives Zuhören. Sie haben Blickkontakt, das ganze nonverbale Geschehen umfängt sie, sie können die Dinge von verschiedenen Seiten anschauen.

 

So werden sie nicht zu „Trollen“, bei denen der Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung getrübt ist. Sie lernen die Freiheit des Denkens kennen, jenseits der Dauergewitter von Twitter, WhatsApp und Facebook. Das hat auch eine gesellschaftliche Komponente, denn es heißt: Die Kinder lernen, wie mühsam und wichtig Demokratie ist, weil sie wegkommen von oberflächlichen Parolen. Sie werden und bleiben beziehungsfähig. Wir können unsere Beziehungen pflegen, die Vorbedingung für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen uns Eltern und unseren Kindern. Je mehr Freiheit die Kinder haben, desto mehr Vertrauen zu den Eltern ist wichtig.

 

Wir kennen einen Mann, der seiner Frau einen Kurzurlaub geschenkt hat, und zwar ausdrücklich offline. Sie sagt: „Von den intensiven Gesprächen während dieser Tage haben wir noch lange gezehrt.“

 

Klare Grenzen setzen

Langzeitstudien haben gezeigt, dass diejenigen, die schon als Kinder gelernt haben, ihre Bedürfnisse aufzuschieben, ihre Triebe zu kontrollieren, als Erwachsene sowohl im Privatleben wie auch im Beruf die glücklicheren und erfolgreicheren Menschen geworden sind. In unserer Überflussgesellschaft ist Selbstkontrolle überlebenswichtig. Deshalb ist das Grenzen setzen in diesem Bereich zentral. Familien, in denen dieses Thema wichtig ist, haben unterschiedliche Grenzziehungen, so unterschiedlich wie die Menschen.

 

Jedes unserer Kinder und Jugendlichen ist einzigartig. Jedes besitzt eine eigene Lebensmelodie. Wir dürfen Kinder und Jugendliche begleiten. Dabei haben wir eine große Sehnsucht: Wir möchten, dass sie ihre Lebensmelodie entdecken. Sie dabei zu stärken, das ist wichtig für uns. Diesem Ziel sollen auch die Entscheidungen dienen, die wir zum Thema „neue Medien“ treffen. Mühsam, sicher, aber auf jeden Fall lohnend!

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3