DU HÄNGST DOCH NUR VOR DEM BILDSCHIRM!


 

 

 

 

Warum Eltern und Jugendliche häufig streiten, wenn es um Social Media und Gaming geht – aus der Perspektive eines 17-Jährigen.

 

„Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dieses Zitat von Sokrates spiegelt auch heutzutage ziemlich gut wider, wie ältere Menschen über die Jugend denken. Eines der größten Streitthemen zwischen Eltern und ihren pubertierenden Kindern betrifft das Thema „soziale Medien“ oder den „Zock-Faktor“. Die Eltern können einfach nicht verstehen, wie man den ganzen Tag nur vor dem Laptop sitzen und in den Bildschirm glotzen kann.

 

Zwei Sichtweisen

Hier liegt jedoch ein Fehler in der Wahrnehmung und auch in der Kommunikation zwischen Eltern und Kindern. Unterhalten sich Eltern anfangs noch weitgehend sachlich und wertneutral mit ihren Kindern über das Thema, werden später Fakten zunehmend unwichtiger. Denn natürlich sitzen die Kinder nicht „den ganzen Tag“ vor dem Laptop. Das Gespräch wird immer emotionaler. Die Wahrnehmung der Eltern, dass die Kinder immer nur am Laptop seien, ist verständlich. Denn sie sehen ihre Kinder den halben Tag nicht, und wenn sie mal zuhause sind, dann sind sie in ihrem Zimmer, wo die Eltern dann davon ausgehen, dass die Jugendlichen vor ihrem Bildschirm hängen.

 

Aus der Sicht der Jugendlichen ist das jedoch etwas ganz anderes. Sie müssen den ganzen Vormittag in der Schule sein und manchmal sogar noch nachmittags. Wenn sie dann endlich zuhause sind, wollen sie erst mal zur Entspannung ein paar Runden „zocken“, bevor sie sich wieder schulischen Angelegenheiten zuwenden müssen, indem sie Hausaufgaben machen oder für eine Arbeit lernen. Was diese beiden Faktoren betrifft, scheinen Eltern die Gabe zu haben, nur dann ins Zimmer zu kommen, wenn man am Laptop ist. Wenn sie mal ausnahmsweise ins Zimmer kommen, während man lernt, ist es jedoch meistens so, dass man für das Lernen gerade den Computer benötigt, um etwas nachzuschlagen. Oder man sieht sich ein Video von SimpleClub an oder fragt in der WhatsApp-Klassengruppe etwas nach über den Stoff für die nächste Arbeit. Diese alternativen Lernmethoden werden jedoch von den Eltern nicht als solche wahrgenommen, da sie nur den Laptop oder das Handy sehen und nicht nachfragen, was man macht, sondern schlussfolgern. Aus dieser unvollständigen Wahrnehmung folgen dann sehr viele Missverständnisse.

 

Für nichts zu begeistern?!

Was das Vorurteil betrifft, Jugendliche würden sich für nichts mehr begeistern lassen, ist das Problem ebenfalls eine unvollständige Wahrnehmung, die stark von Erwartungen der Eltern an ihre Kinder geprägt ist. Das, wofür man sich begeistern lässt, hängt nämlich von zwei sehr entscheidenden Faktoren ab. Erstens, wer alles bei dieser Aktion dabei ist. Als Pubertierender hat man, wie allgemein bekannt, nicht so viel Lust, etwas mit seiner Familie zu unternehmen. Man unternimmt lieber etwas mit seinen eigenen Freunden. Der andere Faktor ist logischerweise die Aktivität selbst. In der heutigen Zeit gibt es ein

sehr großes Spektrum von Freizeitaktivitäten, denen man nachgehen kann. Die spannendsten davon kann man jedoch am Computer erleben, wenn man ein Spiel spielt oder eine Serie anschaut und sich in diese fiktive Welt hineinsteigert und die ganzen Abenteuer des Helden miterlebt. Nichts anderes kann einem ermöglichen, ein komplett anderes Leben zu gestalten.

 

Für solche fiktiven Welten lassen sich Jugendliche sehr gut begeistern! Wenn man mit ihnen über ihr Lieblingsspiel redet oder sie etwas über ihre aktuelle Lieblingsserie fragt, dann merkt man richtig, was für ein Feuer der Leidenschaft in ihnen für diese Sache brennt. Diese Begeisterung für etwas Fiktives, bei dem man nur passiv zuschaut und konsumiert, gefällt den wenigsten Eltern. Sie sind der Meinung, dass sei nichts Reelles und man isoliere sich dadurch komplett von der Außenwelt und erlerne dadurch keine Sozialkompetenzen.

 

Lernen beim „Zocken“!

Es gibt jedoch auch Serien oder Spiele, die einen Lernfaktor haben. Und es stimmt nicht, dass man durch das „Zocken“ den Kontakt zur Außenwelt verliert und keine Sozialkompetenzen erlernt. Denn die meisten Spiele sind heutzutage Onlinespiele.

 

Das bedeutet, man meldet sich bei dem jeweiligen Spiel an und das System sucht nach Mitspielern. Während des Spieles gibt es bei vielen Spielen eine Chatfunktion, über die man sich mit seinem Team verständigen kann. Da es ein Teamspiel ist, muss man lernen, mit den anderen Mitspielern gut umzugehen und höflich zu sein. Natürlich kann man auch mit Freunden spielen. Dadurch erlebt man dann etwas zusammen, was der Freundschaft guttut und sie stärkt. Allgemein kann man also sagen, dass man durch das „Zocken“ an sich mehr Kontakt zu anderen Menschen hat, als wenn man zuhause sitzen und Bücher lesen würde, wogegen die meisten Eltern vermutlich nichts einzuwenden hätten.

 

Einfach mal tolerieren

Es wäre wichtig für einen Jugendlichen, wenn die Eltern das „Zocken“ nicht schlecht reden würden. Für uns Jugendliche ist es nichts anderes als ein normales Hobby wie Lesen, Fußball oder ein Instrument zu spielen. Daher erwarten wir von unseren Eltern, dass es auch so behandelt oder zumindest toleriert wird. Toleranz kommt aus dem Lateinischen von „tolerare“, was so viel bedeutet wie „erdulden“ oder „ertragen“. Sie müssen das Hobby also nicht unbedingt mit ihrem Kind teilen. Aber es wenigstens zu tolerieren, dass ihr Kind eben „Zocken“ als Hobby hat, ist, glaube ich, nicht zu viel verlangt.

 

 

Quelle: Unser Weg 2018 Qrt. 3